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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-09-26 · Heft 39 (26.9.1889) · p. Seite 617

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 39 (26.9.1889)
Date
1889-09-26
Page
Seite 617 (sequence 13)
Language
German
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617 Krakau, int September. Ein „aufgeklärtes" Ehepaar! Eine Schilderung aus Galizien von S. Horowitz. Er hieß Berl Schick, das heißt damals, als er noch im Judenviertel wohnte, den polnischen Kaftan trug und sein Gesicht von einem langen Barte und Peies eingefaßt wurde. Jetzt natürlich hat sich das Alles gründlich geändert; der „Berl" hat dem europäischen Berthold Platz gemacht, die Jubica ist dem französischen Rocke gewichen und Bart und Ohrlocken sind unter der Scheere des Barbiers gefallen. Aeußerlich ist die Metamorphose vollständig und Herr Schick glaubt auch obio zu besitzen. Ob der Toilettenwechsel auch eine Umwandlung seines inneren Menschen im Gefolge hatte? Wir zweifeln daran. Aber Pardon, lieber Leser. Machen wir vorerst die Bekanntschaft der Madame Schick. Frau Leonore hat schon längst ihrer Perlenbinde Valet gesagt und ein moderner Hut, nach allen Regeln der Kunst in einem Wiener Modemagazine gefertigt, schmückt ihr Haupt. Sie ist eine corpulente Person mit kleinen Augen und vollen Backen, weder alt noch jung, so was man in den besten Jahren nennt und ein Kleid von etwas zu engem Schnitte zwängt ihre üppige Gestalt ein. Sie hat auch Prätensionen und warum denn nicht! Ist doch ihr Herr Gemahl reich, ja sogar sehr reich und das will doch was heißen. Sie will als Dame behandelt werden, ist, wenn wir nicht irren, Vorsteherin eines Wohlthätigkeitsvereins und auf eine Spende von einigen Gulden kommt es ihr auch nicht an, wenn sie die Gewißheit hat, daß die Höhe der Gabe und ihr Name! im Jahresberichte mit fetten Lettern gedruckt erscheinen werden. Ja, das Gedruckte ist überhaupt ihre schwache Seite. Ihren Namen, den sie sogar nach den Regeln der Orthographie unterschreiben kann, möchte sie oft gedruckt sehen und wenn gar „Wohlgeboren" hinzugefügt wird, dann ist sie im siebenten Himmel. Ihre Aspirationen sind also harmloser Natur und ihre Eitelkeit kommt sogar — natürlich ohne ihre Absicht — dem Gemeinwohls zum Besten. Denn daß sie das Gute um des Guten willen thun sollte, das kann man doch nicht von Jedem verlangen. Hat doch Madame Schick wichtigere Sachen in dem Kopfe und kann sich nicht mit dem Plebs befassen. Da sind vor allem ihre Salons, welche auf der Höhe ihrer socialen Stellung in Stand gehalten werden müssen. Und dann die Erziehung ihrer Kinder! Mein Gott, die sollen gar, wie die Leute behaupten, manche Stunde im Tage nur französisch sprechen. Ob sie auch in der Landessprache sich richtig ausdrücken können? Das ist ja Nebensache. Aber ich bitte Sie, französisch, das will ja was sagen. Und dazu das Clavier, das wird den ganzen lieben Tag geplagt, maltraitirt, daß die Saiten schier platzen. Dafür aber geräth Frau Leonore bei jedem, dem Instrument im Schweiße des Angesichts entlockten Laute in Extase, faltet andächtig die Hände und ihre Augen werden wässerig. Und nun gar, wenn die junge Generation — wie die Mutter es beharrlich nennt — französisch „conservirt", dann erreicht ihre Verzückung den höchsten Grad. Sie ist im Stande, dem Geplapper stundenlang zu lauschen, bis die fremden, ihr unverständlichen Laute sie in den Schlaf lullen. Berl, das heißt Herr Berthold, ist auch ein großer Freund der Bildung; er erzählt Jedem, wie viel er monatlich an Lehrergeld zahlt, daß er die allerneuesten Claviernoten anschafft und hat sogar auf die „Neue Freie Presse" abonnirt. Aber er pränumerirt nicht bloß, er liest sie sogar regelmäßig, beginnt beim Courszettel, widmet dieser Rubrik schmunzelnd ein halbes Stündchen, macht sich daraus Notizen, verfällt auf einmal in Nachsinnen und buchstabirt die ganze Börsenliteratur des Blattes. Dann kommen die Depeschen an die Reihe, hier aber beginnt die Lectüre schon etwas schwieriger zu werden, denn Zahlen sprechen wohl, nicht aber todte Buchstaben. Auch sind ihm die rapiden Sprünge des electrischen Drahtes von Petersburg bis Madrid nicht zuträglich, daß sein Kopf schon bei diesen kurzgehaltenen Berichten zu schwindeln beginnt. Aber für seinen Abonnementsbetrag muß er doch sein Pensum ableiern, und wenn auch schweren Herzens, geht er zum Leitartikel über. Nein, das ist aber schon gar zu arg, diesen Buchstabenwald kann er nicht beherrschen, sein Haupt beginnt zu nicken und wenn er endlich bei einer Pause in Gestalt eines Punktes anlangt, athmet er erleichtert auf, wie der Wüstenwanderer beim Anblick einer Oase. Aber da unten ist noch ein langer, fetter Strich, über welchen er schon so oft gestolpert ist. Das ist ihm aber gar zu kraus. Was doch dieses Geschreibsel zu! bedeuten habe. Da oben ist er wenigstens auf große Namen ^und Städte gestoßen, hier hat ein Minister gesprochen, dort i wird von einer gekrönten Person erzählt und wenn er sich Falles auch nicht so buchstäblich zurechtlegen kann, so ist schon der bloße Klang der Namen darnach angethan, ihm ■ zu imponiren. Aber da unten, was dies doch sein mag.! Da steht so grvßmächtig „Feuilleton!" Sollte das ein ihm , unbekannter Name sein? Aber täglich wird ja da so viel über ihn geschrieben. Nein, das kann aber nicht sein, denn erstens ließe sich über einen Menschen doch nicht fort’ | während so viel schreiben und sollte wirklich solch eine bej rühmte Persönlichkeit existiren, dann würde sie sich doch nicht \ mit solch kleinlichen Leuten abgeben wie da unten. Da stößt man auf so simple Namen, ja sogar auf Diener, Lakaien, i tote können doch diese mit dem oben im Zusammenhänge j stehen. Und dazu werden doch nur solche Narrheiten erzählt-

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