Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1889)
- Date
- 1889-09-26
- Page
- Seite 618 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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TT I MtHMM! 618 daß er wirklich nicht weiß, was davon zu denken. Er hat es sich schon oft vorgenommen, sich darüber Aufklärung zu verschaffen, aber auf welche Weise? Jemanden zu Rathe zu ziehen, paßt ja nicht für den Herrn Berthold Schick. Er wollte schon an diesen, wie heißt es doch, ja richtig, an den Redacteur der großen Zeitung schreiben, wußte aber nicht recht, wie das - anzufangen. Im Schreiben ist er nämlich nicht ganz gut beschlagen, hie und da will ihm das richtige Wort nicht einfallen und wie zum Trotze, statt der schönen deutschen Redewendungen, die er da täglich aus seiner Presse herausliest, kommen ihm die Jargonausdrücke in den Sinn. Auch ist er kein großer Freund einer pedantischen Orthographie, mit der Grammatik steht er auch auf gespanntem Fuße und das „mir" und „mich" kann er nie richtig herausfinden. Schon der preußische Marschall „Vorwärts" konnte dieser verflixten Fürwörter wegen keinen correcten Schlachtenbericht entwerfen und unser Herr Berthold sein wiederholt geplantes Schreiben an die Redaction nicht abschicken. Aber seiner Umgebung gegenüber verrieth er natürlich diese seine Achillesferse nicht. Seiner Frau erzählte er die aus der Zeitung herausgelesenen Nachrichten und wenn selbe auf Authenticität keinen Anspruch machen konnten, hatte das weiter nichts auf sich, denn sie hörte ihm mit derselben Andacht zu, wie dem Geschwätze der französirenden Töchter. Selbstredend war auch sie für Lectüre eingenommen und der „Rumau" war ihr Steckenpferd. Daraus schöpfte sie ihre Lebensweisheit und Weltanschauung, modernisirte ihren Mann mit ihren Mittheilungen aus der schönen Literatur und da es ihr bei der schöngeistigen Lectüre nicht besser erging, wie ihrem Gatten bei der politischen, so ist es wahrscheinlich, daß so manche Confusion mit unterlief. Jedenfalls war das Ehepaar Schick „aufgeklärt", machte ein großes Haus und zuckte mitleidig über die noch zurückgebliebenen Glaubensgenossen in der „Gasse" die Achseln. Wenn man dieses Thema berührte, wurden Herr und Frau Schick nervös, sträubten sich mit Händen und Füßen gegen jede Rückerinnerung und betrachteten es als eine tödtliche Beleidigung, wenn mit oder ohne Nebenabsicht auf ihre Vergangenheit angespielt wurde. Ja, was ging sie das Judenviertel an! Warum trachteten die Leute nicht sich ebenso zu civilisiren. Für ihre Wiegenstätte hatten sie keine Pietät, waren froh nicht daran erinnert zu werden und machten lieber einen Umweg, als die Gasse zu passiren. Und bei Licht betrachtet, was sollte auch die Herrschaft dort? Gesetzt den Fall, Herr Berthold begegnete dort einem Bekannten aus der „Stadt". Das gäbe ein schönes Tableau. Jeder der beiden Herren würde sich an die Wand drücken, um nicht bemerkt und erkannt zu werden. Und nun gar Frau Leonora! Ihr war der bloße Anblick der hinter dem Zeitgeiste zurückgebliebenen „Gaffe" so zuwider, daß sie diesem Viertel im weiten Umkreise auswich. Dort war zwar noch heute ein großer Thcil ihrer Familie zu Hause, es ist doch nicht gar so lange her, daß auch sie dort gehaust hat, seitdem sie aber für die „Aufklärung" eingenommen, ist sie auf ihre Vergangenheit nicht gut zu sprechen, weshalb sie auch dieses Thema ängstlich vermeidet. Ja, die Aufklärung! Zauberwort das. Die Nebel des Ghettos schwinden und erwärmende, belebende Strahlen dringen in die Sackgassen. Wilde Urwälder werden zur Culturstätte, aber bei uns entstehen Pioniere der Bildung ä tu Schick. Da sitzt er nach einem reichlich eingenommenen Mittagsmahle in seinem Salon, oder richtiger, er liegt auf einer Ottomane hingestreckt. Auf einem Marmortischchen dampft eine Tasse schwarzen Moccas und seiner feinen ausländischen Cigarre entsteigen bläuliche, aromatische Rauchwolken. Die Jalousien sind heruntergelassen und Herr Berthold läßt seiner Siesta- Phantasie die Zügel schießen. Von Zeit zu Zeit greift er nach seinem glattrasirten Kinne, als vermiffe er seinen einstigen langen Bart. Ein verächtliches, cynisches Lächeln zuckt um seine Mundwinkel, gebieterisch streckt er den Arm aus, als möchte er der ganzen Welt den Handschuh hinwerfen und reckt dann behaglich seine Glieder. Er beginnt ein Selbstgespräch und seltsamerweise bedient sich der aufgeklärte Herr Berthold recht kerniger Gheltoausdrücke. „Pah," meint er, „alles ist „Stiß" — Dummheit — und die Bildung eine Bra—Fra—Phrase. Wie heißt Bildung? Was nützt die Szkola — Schule? Kann man, wenn einer dieses Cheder besucht hat, bessere Geschäfte machen? Oh, ganz und gar nicht. Ein Chamor — Esel — ist der, wer auf das Gerede der Leute was giebt. Ich für meine Person weiß, daß all diese Flausen nichts werth sind und zu nichts führen. Aber weil es nun einmal so Mode ist, muß man sich der Kinder wegen drein fügen, zwischen meinen vier Pfählen aber mache ich mich über alle lustig, mag ich nun gebildet oder ungebildet sein, denn was frage ich nach dem ganzen Plunder. Bei mir ist meine Wertheimercasse der Grund, alles Uebrige Seifenblasen. Daß ich a Schojte — Narr — wäre, mich um die Leute zu kümmern. Was interessiren mich die da in der „Gasse". Sollen sie es mir gleich thun, sich so empor schwingen, ihre albernen Vorurtheile fahren lassen, und die Bajkes — Mährchen — aufgeben. Ich bin a wojler Jing — ein tüchtiger Mensch — und hemancipirt. Ha, ha, ha! Reb Berl hat er gesagt, der Narr aus der Gasse. Reb Berl! Mich, den Herrn Berthold Schick, Reb Berl zu tituliren, als wäre ich a Chasen oder dergleichen. Er ist zwar mein Schwestersohn und ein armer Teufel, soll auch krank sein und hätte die paar Gulden gut verdauen können. Aber warum weiß er sich nicht zu benehmen