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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-09-26 · Heft 39 (26.9.1889) · p. Seite 616

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 39 (26.9.1889)
Date
1889-09-26
Page
Seite 616 (sequence 12)
Language
German
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«16 Aus seinem kleinen, armselig ausgestatteten Atelier zu St. Petersburg sind mehr als 30 Büsten berühmter Schriftsteller, Künstler und Staatsmänner hervorgegangcn, wie die von Dostojewsky, Anton Rubinstein, Bon-Wisen, Gontscharow, Henselt, Potechin, Grigorowitz, Professor Krajewsky, D. D. Minajew, Tschedrin, Baron Günzburg, Teresina Tua und andere. Auch die Marmorbüste unseres hochseligen edlen Kaisers Alexander II. für die Stadt Poltawa und ein Reliefbild des Prinzen von Oldenburg für das Ekatherinen- Jnstitut in St. Petersburg wurden in dieser Zeit von Berenstamm gefertigt. Bei der reichen Productivität des Künstlers Berenstamm war es kein Wunder, daß sein Name rasch bekannt wurde. Selbst nichtjudenfreundliche russische Kritiker mußten ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen und zollten vielen seiner Werke ungeschmälertes Lob. Aber all diese Erfolge waren für Berenstamm nur ein Ansporn zum Vorwärtsstreben. Im Jahre 1884 reiste er nach Italien, um dort seine Ausbildung zu vervollkommnen. In Florenz und Rom, an dieser Stätte wahrer Kunst, wo die Schätze der antiken Welt in reichster Fülle dem Auge des Künstlers sich erschließen, fand Berenstamm, was er suchte. Er arbeitete in Florenz unter Anleitung des berühmten Professors Rivalta und machte dann Studien in Rom. Seine hier geschaffnen Werke, wie „der Kopf eines Negers", die Statuen „der Fischer" und „David der Besieger des Goliath", wie die Büste „der gutmüthige Mönch", geben das beste Zeugniß von seiner hier erlangten Meisterschaft. Beim Anblick der letztgenannten Büste, ein schönes Kunstwerk, war Professor Rivalta hocherfreut und sprach voll Begeisterung zu Berenstamm: „Sie sind nicht mehr Schüler, Sie sind Meister! Gebe Gott, daß Sie ein russischer Michel Angelo werden!" Diese Worte fanden seiner Zeit in den italienischen Zeitungen getreuen Wiederhall. Ich würde den Raum dieser Zeitung überschreiten, wollte ich hier auch nur einen Theil der vielen lebenden Urtheile anführen, die Berenstamm's Arbeiten in der russischen, wie in der ausländischen Presse gefunden haben. Aber eines muß ich hier hervorheben, worin Berenstamm als Künstler so hervorragend ist. Das ist der sichere und scharfe Blick, mit dem er sein Sujet erfaßt und das erstaunlich rasche Modelliren der todten Thonmasse, die unter seiner geschickten Künstlerhand lebensvollen Ausdruck gewinnt. Seine Gestalten zeichnen sich durch treue Wiedergabe und sprechende Aehnlichkeit des Originals bis in den kleinsten Zügen aus. Jetzt finden wir den Künstler in Paris, wo er seit einigen Jahren sich bleibend niedergelassen hat. Auch hier, iu der großen Weltstadt, wo es an Künstlern ersten Ranges wahrlich nicht fehlt, wußte Berenstamm sich rasch eine ehrenhafte Stellung zu erwerben. Er ist seit drei Jahren virootsur artistique da musee Grevin und hat im Laufe dieser Zeit eine reiche Menge von Arbeiten, Statuen, Büsten und Reliefs historischer und anderer Scenen geschaffen, die größtentheils von den bedeutendsten Pariser Kritikern als Meisterwerke bezeichnet wurden. Auch in den Ausstellungen der Pariser Salons, die alljährlich die Erzeugnisse aller namhafen französischen Künstler vereinigen, fanden Berenstamm's Arbeiten Platz und wurden stets von der Kritik maßgebender französischer Blätter lobend hervorgehoben. Im Journal „Nouvelle Revue“, Decembre 1888 in dem Artikel, I-es artistes russe ä Paris, schreibt der Kritiker Thebault-Sisson über Berenstamm Folgendes: „Sie sehen diesen Künstler zum Thone greifen; rasch bewegt und dreht er den Thonklumpen in seinen Händen und in etwa drei Stunden hat er Ihren leibhaften Kopf mit all seinen Zügen geschaffen. Er erhascht nicht nur den Ausdruck Ihres Gesichtes, sondern der flüchtige Gedanke, der Ihr Hirn durchkreuzt, auch der scheint vom Künstler erhascht und ohne den allgemeinen Ausdruck zu beeinträchtigen in Ihren Zügen ausgeprägt zu sein. Ich bin ein Anbeter der jungen französischen Schule, aber ich gestehe: Derartiges habe ich noch nicht gesehen. Der Künstler hat sich einen Ruf schon in dem Alter erworben, in welchem andere kaum zur Erkenntniß ihrer selbst gelangen. Im Verlauf seines dreijährigen Aufenthalts in Paris sahen wir sein Talent sich immer mehr erweitern und kräftigen; er hat es bereits verstanden, sich unsterblich zu machen durch die Büsten von Adam, Berthe, Legaut, Reuchambert, Samari, Chevreul, Bictorien Sardou, Cabanelle, Mercier, Albert Wolf, Renan, Flaubert, Coppee, Clartu, Richepin, Emil Zola. Unsere französischen Berühmtheiten auf allen Gebieten der Kunst sind in ihrer ganzen Individualität, mit all ihren Zügen aus seiner Künstlerhand hervorgegangen". — Berenstamm's Atelier, das von der feinen Pariser Welt häufig besucht wird, enthält eine große Gallerte seiner Kunstwerke, die von Tag zu Tage sich mehren. Denn der Geist und die Schaffenslust Berenstamm's ist unermüdlich im Bereiche seines Wirkens, so daß sich noch Großes von diesem Künstler erwarten läßt. Wenn die russische Presse mit gewisser Befriedigung ihn den russischen Sculpteur, den ihren nennt, so dürfen wir auch mit Recht uns seines Ruhmes freuen, um so mehr, da der gefeierte Künstler sich mit Stolz Jude nennt und zur Lebensgefährtin sich eine feingebildete jüdische Dame erkoren hat, mit der er in glücklicher Ehe lebt.

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