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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-09-26 · Heft 39 (26.9.1889) · p. Seite 615

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 39 (26.9.1889)
Date
1889-09-26
Page
Seite 615 (sequence 11)
Language
German
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m 615 eines abtrünnigen Judenkn oben bedient, der in den phantastischsten Wandelungen und Sprüngen bis zum Banditen und Selbstmörder herabsinkt. Es scheint wirklich, daß die deutschen Romanciers ohne Juden nicht mehr fertig werden können, wenn sie irgend etwas Pikantes und stark Pointirtes liefern wollen. — Herr Obercantor Moritz Deutsch zu Breslau hat einen Nachtrag zu seinen „Breslauer Synagogengesängen" (Selbstverlag) herausgegeben. Das Werk des Herrn Deutsch hat sich die vollste Anerkennung erworben und gehört zu den besten Arbeiten für den musikrlischen Gottesdienst der Synagoge. Daß sich das vorliegende Heft den früheren Lieferungen würdig anschließt,bedarf wohl kaum derErwähnung. Es enthält 24 Nummern für die verschiedenen Feste, Tobtenfeier und Trauergesang. Der Name des Verfassers wird den jüdischen Cantoren dafür bürgen, daß sie hier eine weitere Ausbildung für den Synagogengesang finden. Pest, 15. September. (Literarische Notizen.) Sie haben bereits in voriger Nummer über die Betheiligung jüdischer Gelehrten an der diesmaligen, in Stockholm und Christiania stattgefundenen Orientalistenversammlung berichtet. Folgender Zwischenfall ist erwähnenswerth. Halövy stellte vor ungefähr 15 Jahren die These auf, daß es keine Akkadier gegeben habe, daß vielmehr die babylonische Civilisation untrüglich semitisch sei. Die sogenannte akkadische Keilschrift stelle überhaupt keine von den assyrischen Sprachen dar, sie sei nichts mehr als eine symbolische Schrift; der Inhalt und Wortlaut der akkadischen Denkmäler sei mit den gegenüberstehenden semitischen Texten identisch. Antiakkadisten nennt man den Anhänger dieser These, welche das von den Gegnern anerkannte alte, nichtsemitische Kulturvolk aus der Reihe historischer Wirklichkeit streichen und in das Reich der fables convenues verweisen. Mit dem Eifer eines Propagandisten lehrt Haldvy seine These in Büchern uud Aufsätzen, und auf jedem Orientalistenkongresse erscheint er, um seine Lehre persönlich zu vertreten, dieselbe gegen die heftigen Angriffe der Gegner zu vertheidigen. Ein junger Straßburger Assyriolog Dr. Jensen, war es diesmal, der den Kampf mit einem schonungslosen Angriff auf den unerbittlichen Antiakkadier eröffnte; der greise Oppert, dessen bahnbrechende Entdeckungen auf diesem Gebiete seinen Namen auch in die Laienwelt getragen, säumte nicht, sein Arsenal zu eröffnen, und die schwerster Geschütze seiner Argumente auf die Positionen Halövis einwirken zu lassen. Diesem gelang es mindestens, mit großem moralischen Erfolge aus dem Gefecht hervorzntreten, und die ganze ansehnliche Versammlung, selbst die Spitzen der gegnerischen Schule konnnten nicht umhin, der genialen Intuition, der immensen Gelehrsamkeit dieses merkwürdigen Mannes ihre Hulsigung darzubringen. So berichtet Herr Dr. Goldziher, der die große goldene Medaille als Preis erhalten hat. Feuilleton. Riga, im September. Der russische Dil-Hauer Leopold Derenstamm. Bon H. Mendelsohn. Bei dem großen Wettkampf der diesjährigen Pariser Weltausstellung erhielte» die Arbeiten des Bildhauers L. Berenstamm den Preis der goldenen Medaille. Wie wahres Talent trotz aller Hindernisse sich stets Bahn bricht, davon giebt der Lebensgang dieses noch jungen Künstlers den besten Beweis. Schon im frühen Kindesalter hat er in seiner Geburtsstadt Riga seine liebevolle Mutter verloren. Sein Vater, ein achtbarer, aber nicht wohlhabender Kleinhändler, wollte ihn zum Kaufmann erziehen und sah es ungern, wenn der Knabe oft auf Kosten seiner Schularbeiten sich eifrig mit Zeichnen beschäftigte. In den drückenden Verhältnissen eines russischen Juden lebend, schien ihm diese Beschäftigung seines Sohnes nur nutzlose Zeitverschwendung zu sein. Doch der arme dreizehnjährige Knabe, von innerem Drange geleitet, suchte selbst Einlaß in die Zeichenschule zu St. Petersburg, wohin sein Vater übergesiedelt war, und wurde hier von dem Profeffor der Akademie der Künste, Jensen, als Schüler ausgenommen. Das war im Jahre 1872. Nach Beendigung der Zeichenschule, in welcher der begabte Knabe durch Fleiß und Geschicklichkeit eine große und zwei kleine Preismedaillen sich errungen hatte, trat er in die Akademie der Künste ein und machte unter Leitung des Professors Jensen überraschende Fortschritte. Der edle, menschenfreundliche Professor, so erzählt ein Biograph Berenstamm's in der russischen Zeitschrift „Nowj", behandelte den talentvollen Jüngling mit väterlicher Liebe und war fest überzeugt, daß j dieser Schüler auch dem Namen des Lehrers einst Ehre j machen werde. Und er hatte sich nicht getäuscht. — Beren-! stamm's Talent wurde schon während seines Studiums von , der Akademie gebührend anerkannt. Seine Büsten und Etüden haben ihm hier wiederholt den ersten und zweiten Preis errungen, so daß er die Aufmerksamkeit einiger hervorragender russischer Künstler und Schriftsteller auf sich lenkte, die den strebsamen Jüngling zu unterstützen und zu fördern suchten. 39*

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