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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-09-26 · Heft 39 (26.9.1889) · p. Seite 614

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 39 (26.9.1889)
Date
1889-09-26
Page
Seite 614 (sequence 10)
Language
German
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614 Bradford nieder, während die Uebrigen weiter nach Amerika reisen. Im Hafen von London sind im vorigen Jahre 12,062 Einwanderer angelangt gegen 9155 im Jahre vorher. Ein Drittel derselben war so von allen Mitteln entblößt, daß sie kaum anständige Kleidung besaßen. Im Distrikt Whitechapel bildeten die Ausländer im Jahre 1861 nur 7.7 pCl. der Gesammtheit, die polnischen Juden 1 pCt.; 1881 war der Procentsatz der Letzteren auf 4,25 gestiegen. Tie Meisten von ihnen sind Schuhmacher. Von 23000 Londoner Tischlern sind 4000 Ausländer. Die Zahl der in London wohnenden Juden wird von Einigen auf 60000, von Anderen auf 350o0 geschätzt. Die Vorschläge des Ausschusses beschränken sich hauptsächlich auf eine bessere Kontrolle der ärmeren Einwanderung, während ein gesetzliches Verbot, eine Einschränkung derselben einstweilen nicht befürwortet wird. — Bonn, 22. Sept. (Notizen.) In Paris tagt jetzt ein internationaler Münzcongreß; zum Vicepräsidenten wählte derselbe den bekannten italienischen Nationalöconomen und Abgeordneten Luzzati, unseren Glaubensgenossen. — Im Elsaß ist Herr Isidor Dreyfus zum Rabbiner von Fegersheim und Benjamin Meyer zum Rabbiner von Lauterburg gewählt worden. — In Livorno spendete König Humbert bei seinem jüngsten Aufenthalte daselbst 1000 Frcs. für die jüdischen Armen. — In Neuthart spendete Miß Sara Burn 20,000 Dollars für das Mont-Sinaihospital und das israelitische Waisenhaus. — In Athen hat sich ein Comite gebildet zur Erbauung einer Synagoge. Der Bürgermeister hat die Bewilligung eines Grundstückes für diesen Zweck versprochen; ein Israelit aus Athen, gegewärtig in Galata wohnend, hat 10,000 Drachmen gespendet. — Zum Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Berlin an Stelle des verstorbenen Frankl ist Dr. Vogelstein, bisher Rabbiner in Stettin, gewählt worden. Gemeinderabbiner hat also die Gemeinde in Berlin jetzt vier — außer den Rabbinern der Nebengemeinden — was bei der Größe der Gemeinde, ca. 65,000 Seelen, gewiß nicht zu viel ist, da sie auch vier Synagogen besitzt. — Bonn, 12. September. (Literarische Notizen.) „Samson Wertbeimer, der Oberhosfactor und Landesrabbiner (1658 bis 172^) und seine Kinder. Von Prof. Dr. David Kaufmann. (Wien, Beck, 1888.)" Wir legen auf diese Schrift auch darum einen besonderen Werth, weil sie vielleicht den Autor und Andere veranlaßt, ibre Aufmerksamkeit Biographien zuzuwenden, die nicht blos dem talmudischen und rabbinischen Zeitalter gewidmet sind, vielmehr der neueren Zeit, welche uns die Uebergänge von den früheren Zuständen zur Gegenwart beleuchten. Die vorliegende Schrift führt uns das Leben eines bedeutenden und einflußreichen Mannes aus dem Ende des 17. und dem Anfang des 18. Jahrhunderts vor, der, wenn auch mit rabbinischen Kenntnissen ausgerüstet und dem Titel eines Landesrabbiners geschmückt, doch nicht auf diesem Gebiete wirksam war, sondern im Finanzfache eine großartige Rolle spielte und für den österreichischen Staat großen Nutzen schaffte, ja in schweren Bedrängnissen des Krieges geradezu ein Retter war. Nicht minder nahm er sich bei jeder Gelegenheit seiner Glaubensgenossen an und war für die Wiener Gemeinde ein Begründer und Förderer. Dabei war er von großer Bescheidenheit und trat selbst bei seinen glänzendsten Operationen ungern hervor. Man kann deshalb voraussetzen, daß diese ziemlich ausführliche Lebensbeschreibung von großem Interesse ist und uns ein vielbewegtes und höchst thätiges Leben vorsührt. Es wird hier ein Helles Licht auf die Verhältnisse der Juden in dem genannten Zeitraum geworfen, in welchem sie noch nicht vor allen unmittelbaren Gefahren geschützt waren, doch aber schon einer gewissen Sicherheit entgegengingen, wo das herkömmliche Judenthum noch in seiner vollen Herrschaft stand, doch aber Bildung und Aufklärung schon ihre ersten sanften Lichtstrahlen, wenn nicht in das ganze Ghetto, doch in einzelne Häuser und die sie bewohnenden Familien warfen. Herr Prof. Kaufmann hat diese Lebensbeschreibung mit Liebe, aber mit gleicher Gewissenhaftigkeit verfaßt und sich auf Doeumente gestützt, wo sich diese vorfanden. Ihm steht Sprachgewandtheit und Schwunghaftigkeit zu Gebote. Wenn ihn bei früheren Arbeiten diese zu etwas allzu großem Pathos verleiteten, so hat er diese Eigenschaft jetzt abgestreift und er vermag deshalb über seinen Gegenstand eine anziehende und wohlthuende Wärme und einen schönen Ausdruck zu verbreiten. — In der jetzigen deutschen Belletristik macht sich wieder der Tendenzroman wichtig, nachdem er eine Zeit lang als der Kunst nicht ganz geziemend bei Seite geschoben war. Denn der wahren Kunst widerspricht es, irgend eine Strömung, die nur der Zeit angehört, zu verfolgen und dadurch der eigentlichen künstlerischen Aufgabe Abbruch zu thun. Die wirkliche Charakterisirung der Persönlichkeiten und Situationen tritt im Tendenzroman hinter die Darstellung der Tendenz, die der Dichter sich zum Gegenstände gewählt hat, zurück, und werden die letzteren oft in sehr gesuchter Weise herbeigezogen, um Gelegenheit zu haben, der Tendenz Ausdruck zu geben. Da fehlt es denn auch nicht, die Juden im Dienste der Tendenz heranzuziehen. So erschienen vor einiger Zeit „Die Seebalds" von Wilhelm Jordan, um den Darwinismus zu verherrlichen und durch einen bis zur freireligiösen Gemeinde sich wandelnden evangelischen Pfarrer bigotte Katholiken und Juden zu dieser Theorie zu bekehren. Im vorigen Jahre gab Richard Voß seinen „Dehaliel" in 3 Bänden heraus, einen Roman, welcher gegen die Institutionen der katholischen Kirche gerichtet ist und sich hierzu

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