Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1889)
- Date
- 1889-09-26
- Page
- Seite 611 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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611 selben auch ein wenig anders aufgeputzt zeigt als seine Vorgänger. Im Sinne seiner Broschüre erscheint er selbst als der größte Jude. Die Effekthascherei, das anspruchsvolle, kalt überlegte Streben nach Wirkungen, welche nicht durch sicheren Kunstgeschmack hervorgebracht werden, der Mangel an Fähigkeit, musikalischer Empfindung ihren melodischen und harmonischen Ausdruck rein und voll zu geben, die übergroße, nervöse Unruhe, Freude am Seltsamen und Gesuchten, das Bestreben, durch witzigen Einfall und äußerliche Kunstmittel die gelegentliche Schwäche seiner musikalischen Erfindung zu decken, dazu selbst das große Talent für raffinirte Regie der Effecte, endlich hinter Allem statt eines sichern, starken Künstlergemüths, in welchem die Form mit dem Inhalt mühelos sich abbildet, unerzogene Anmaßung eines eigenwilligen Dilettanten, welcher begehrlich über die Grenzen seiner Kunst hinausfährt, und Gesetzen der Schönheit auch deshalb widerspricht, weil er ihnen zu folgen außer Stande ist; ein abenteuerlicher Sinn, der im Ungeheuerlichen Befriedigung sucht, unbekümmert darum, ob durch seine Arbeit Sänger, Orchester und der schöne Gesammtbau des musikalischen Dramas verwüstet werden. Solche Schwäche und Unart finden wir überall in seinen Werken neben Theilstücken von wahrhaft schöner, zuweilen wahrhaft hinreißender Erfindung. Diese Beschaffenheit seiner merkwürdigen und für unsere Musik verhängnißvollen Begabung scheint uns gerade eine solche zu sein, welche in seinem Sinne als eine dem Judenthum eigenthümliche aufgefaßt werden müßte. Da nun Herr Wagner keineswegs der Meinung sein wird, daß er selbst zu dem Judenthume in der Musik gehöre, so haben wir Andern zuverlässig das Recht verloren, von Beschränktheiten der jüdischen Musiker zu sprechen. Und das scheint uns der Humor bei diesem langen Streit um des Kaisers Bart." — Man sieht, daß diese Worte von einem Manne geschrieben sind, der sich selbst aus anerzogenen Vorurtheilen durch das Leben heraufgearbeitet hat, und dies macht gerade ihre Bedeutung aus. Was er übrigens als Eigenschaften der Wagner'schen Compositionen und zwar als solche bezeichnet, welche etwa den jüdischen Componisten zugeschrieben werden könnten, so kann dies nur von Meyerbeer gelten, in keinerlei Weise von Mendelssohn, der gewiß der Effekthascherei nicht huldigte und der so viele Melodien z. B. in der Composition von Liedern geschaffen hat. — Was nun die Effecthascherei überhaupt betrifft, so muß man sie von dem Bestreben, eine beabsichtigte Wirkung auf Hörer oder Leser hervorzubringen, unterscheiden. Dieses Bestreben muß in jedem Autor oder Künstler vorhanden sein, und die echte Kunst besteht eben darin, diese Wirkung durch Gruppirung, Zeichnung und Färbung hervorzurufen und die dazu nöthigen rechten Mittel zu verwenden. Die Effekthascherei unterscheidet sich nun dadurch, daß sie, um nur recht viel Wirkung zu erzielen, und nur um dieses Zweckes willen, die Motive übertreibt und übermäßig anhäuft, und wo ihr die inneren Motive fehlen, zu vielen und starken äußerlichen Mitteln greift, um die Hörer oder Leser zeitweise einzunehmen und zu erschüttern, was ihr auch, namentlich durch Neuheit der Reize, gelingt. Das Argument, welches Freytag mehrfach vorbringt, daß die Christen gerade so wie die Juden verfahren, ist nun gewiß auch in der Effekthascherei richtig, und gerade Richard Wagner hat dieselbe in höchstem Maße betrieben, da er seine Musik selbst durch die Seiltänzerkunst und die Feuerwerkerei unterstützt. Dagegen haben wir auf ausgezeichnete Juden hinzuweisen, welche sich von aller Effecthascherei fern hielten. Wir brauchen hier nicht zum alten Moses Mendelssohn zurückzugreifen, sondern nur auf Berthold Auerbach und Lasker hinzuweisen. Der Elftere liebt gewiß Effekthascherei nicht, da er überall die einfache Folge der Ereignisse und Charaktere aus sich selbst schildert und schon der ihm eigene Lehrton jenem Mißbrauch der Kunst entgegensteht. Lasker als parlamentarischer Redner erklärte uns persönlich gegenüber einst, daß er grundsätzlich jeden falschen Pathos vermeide und er seine Erfolge auf die Bemühung stütze, die in Rede stehende Angelegenheit in ihrer einfachen Wirklichkeit, in ihrer Thatsächlichkeit zu fassen und darzustellen, was er auch in seinen Reden verwirklichte, immerhin die rechte Vertheilung von Licht und Schatten, um die Hörer zu überzeugen, die richtige Gruppirung nicht versäumend. Die Erwartung Freytags ist also in Erfüllung gegangen. Deutschland. Berlin, 18. September. (Privatmitth.) Der „Deutsch- Israelitische Gemeindebund" hat Nr. 24 seiner Mittheilungen ausgegeben, welche einem „Bericht der Abtheilung für Handwerk" gewidmet ist. Zunächst handelt dieser über „Knabenhandarbeit". Die Redaction dieser Zeitung hat schon längst und wiederholt die Vorstände jüdischer Schulen und insonders auch der jüdischen Waisenhäuser aufmerksam gemacht und dringend gemahnt, einen regelmäßigen Handarbeitsunterricht einzusühren, da nur auf diesem Wege in der jüdischen Jugend die Lust, Handwerk und mechanische Arbeit zu wecken, welche