Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1889)
- Date
- 1889-09-26
- Page
- Seite 610 (sequence 6)
- Language
- German
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610 hatten. Wer mit erhebendem Gefühl die Fortschritte unserer Nation in den letzten hundert Jahren betrachten will, der möge vor Allem auf die Wandlungen blicken, welche unsere jüdischen Mitbürger unter der befreienden Einwirkung moderner Bildung gemacht haben. Sie selbst haben jedes Recht, sich ihrer energischen Lebenskraft und Bildungsfahigkeit zu freuen; auch wir dürfen mit einiger Befriedigung sagen, daß nur noch die letzten Ueberreste alter Neberlieferung und Unduldsamkeit zu überwinden sind, um die Herzen und Geister der deutschen Juden völlig in unser Volksthum einzuschließen. Es ist natürlich, daß während dieser Uebergangszeit in ihrem Wesen hier und da noch Auffallendes oder Nicht-Löbliches zu Tage kommt und sie müssen es sich gefallen lassen, wenn solche Schwächen und Verkehrtheiten aus der Zeit der Unfreiheit gelegentlich einmal mit und ohne Laune als jüdische Eigenthümlichkeiten besprochen werden. Wir werden freilich auch natürlich finden, wenn sie gegen j solche Besprechungen besonders empfindlich sind, denn sie ringen immer noch nach Sicherheit ihrer gesellschaftlichen Stellung und fühlen noch immer die Nachwehen des harten Druckes, welcher zur Zeit unserer Großväter auf ihnen lag. Die Juden haben auch in der Zeit ihrer Unfreiheit unserer Wissenschaft und Kunst unter sehr ungünstigen Verhältnisien eine große Anzahl bedeutender Namen geliefert. Wenn wir nur bis auf Baruch Spinoza zurückblicken, wie^ lang die Reihe starker Talente aus ihren alten Familien! Es ist nicht schwer, bei einer großen Anzahl derselben gewisse ' gemeinsame Eigenthümlichkeiten zu erkennen, sowohl an den^ Vorzügen, welche sie besitzen, als an dem, was sie entbehren,; und die Versuchung liegt nahe, dies Besondere als jüdische j Art gegenüber der germanischen zu fassen. Aber wir haben . Ursache, mit Mißtrauen auf solche Schlüsse zu sehen, welches eine vorurtheilsfreie Betrachtung dieser Eigenthümlichkeiten nahelegt, denn es ist menschlicher Einsicht unmöglich, zu entscheiden, was dem Wesen der Juden an sich immer und für alle Zeit von Vorzügen und Schwächen zugetheilt ist und was nur deshalb häufig an ihrem Geschlecht zu Tage kommt, weil sie sich alle aus einem unsicheren politischen und socialen Dasein und aus einem Bildungskceise, der noch nicht ganz der unsrige ist, heraufgearbeitet haben. Es liegt nahe, eine häufig wiederkehrende, übergroße Freude an Wortwitz und sophistischer Beweisführung als letzten Ueberrest einer Geistesrichtung aufzufassen, welche durch die tausendjährige Bcschäfligung mit der spitzfindigen Dialectik alter Religionslehrer und durch massenhaftes Auswendiglernen ihrer Erklärungen in die Seelen der Juden gekommen ist; aber die scholastische Weisheit des Talmud ist keineswegs eine Blüthe rein jüdischen Wesens, die Pedanterie der Byzantiner und die hölzerne Scholastik mittelalterlicher Klöster haben fast genau dieselbe Art der Erörterung, der Beweisführung, der Begriffsbestimmung hervorgebracht, und diese wunderliche Bildung dauert bei den Juden nur länger und einflußreicher; sie wurde ebenso sehr durch den Haß der Christen erhalten, als durch die enge Verbindung mit dem jüdischen Gottesdienst. — Es ist ferner leicht zu beobachten, daß auch dem warmen und ehrlichen Gefühl unserer jüdischen Landsleute sehr häufig der reiche und schöne Ausdruck fehlt, und daß sie, gemüthlich erregt, zwar herbes, leidenschafliches Pathos finden, daß ihnen aber der Ausdruck inniger und schöngewogener Empfindung in Worten und Tönen, im plastischen Ausdruck mimischer Gestaltung besonders schwer wird und daß sie aus der Befangenheit starker Eindrücke sich durch einen störenden Witz, eine kalte Betrachtung zu befreien lieben. Dem armen Davison gelang es nie, als Carlos im Clavigo die letzten beiden Worte seiner Rolle, die große Probe für Charakterspieler, gut herauszubringen, und Heine, der so meisterhaft verstand, die herzinnigen Klänge des deutschen Volksliedes in moderne Empfindungsweise umzusetzen, verdarb sich oft die reinen Wirkungen durch die abgeschmackten Mißklänge, welche ihm für originell galten. Es ist endlich keine neue Beobachtung, daß der Scherz und der Tiefsinn unserer jüdischen Freunde echter Fröhlichkeit und des befreienden Humors häufig ermangeln. Aber wer darf sagen, daß voller Ausdruck schöner Empfindung ihrer nationalen Anlage versagt ist, da ihr hartes Erdenschicksal sie bis zur Gegenwart zwang, ihr ganzes kräftiges Gemüthsleben vor Haß und Spott heimlich in verschlossenem Hause zu verbergen, und wie sollte die heitere Liebe zum Leben und das kräftige, sichere Behagen, die Grundlagen alles Humors, in einem gedrückten und verfolgten Geschlechts gedeihen? Uns scheint, daß es ehrlicher und christlicher wäre, die tüchtigen Seiten des jüdischen Wesens, welche sich in einem langen Jahrtausend der Unfreiheit und Absonderung ausgebildet haben, auf Rechnung ihrer nationalen Kraft zu schreiben, als da eine nationale Unkraft zu schelten, wo die werthvollen Leistungen Einzelner unter ihnen etwa gemeinsame Mängel erweisen. Solche Behauptung beruht auf allzu unsicheren Annahmen, um mit feierlichem Ernst öffentlich ausgesprochen zu werden, sie kann jeden nächsten Tag durch eine bedeutsame Thatsache widerlegt werden. Wir haben gar nicht die Absicht, zu untersuchen, ob jüdische Componisten und Virtuosen, welche dem Zuge der Zeit ebenso folgten wie die Christen, der neuzeitlichen Musik mehr Segen und Unsegen gebracht haben. Denn wir Nichtjuden haben auch in der Musik das Recht verloren, unfern jüdischen Künstlern Einseitigkeiten vorzuwerfen, und zwar befürchten wir, daß gerade Herr Wagner in seinen eigenen Werken die Eigenthümlichkeiten und Schwächen, welche nicht selten an jüdischen Künstlern getadelt worden sind, in höchst ausgezeichneter Weise an den Tag gelegt hat, wenn er die-