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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-09-26 · Heft 39 (26.9.1889) · p. Seite 609

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 39 (26.9.1889)
Date
1889-09-26
Page
Seite 609 (sequence 5)
Language
German
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KOS ungehemmten Fortschritt, Festigung der österreichischen Vaterlandsliebe und des deutschen Stammesbewußtseins — dies will Professor Sueß, dies hat er heute gewissermaßen als jenes Programm erklärt, welches durch die Leopoldstädter Wahl sanctionirt worden ist. Diesem Programm kann jeder gute Bürger Wiens zustimmen, den Sieg dieses Programms dürfen Alle freudig begrüßen, welche lebendigen Antheil nehmen an dem Gedeihen und der Entfaltung, an der Ehre und dem Ansehen der Metropole unseres österreichischen Vaterlandes." Der Streit über das Iudenthum in der Musik. Im Jahre 1869 veröffentlichte Gustav Freytag unter obiger Ueberschrift in Nr. 22 der „Grenzboten", die er mit Julian Schmidt von 1848—1870 redigirte, einen Artikel, welcher damals unserer Aufmerksamkeit entging. Jetzt hat er denselben in dem 1888 bei S. Hirzel herausgegebenen Werke „Gesammelte Aufsätze" (Bd. II, S. 321) wieder zum Abdruck gebracht und dadurch bekannt, daß er gegenwärtig noch dieselben Ansichten hege. Und in der That hat leider das hier ausgesprochene Wort Freytag's noch heute seine volle Actualität. Die Auslassungen eines Mannes wie Freytag, der ebenso ausgezeichnet ist als Publizist und Kritiker, auch auf dem politischen und socialen Felde, wie als Dichter in Drama, Lustspiel und Roman und als historischer Schriftsteller, haben schon durch die Bedeutung ihres Urhebers nicht geringe Wichtigkeit. Hierzu kommt, daß Freytag sich in früheren Zeiten den Juden durchaus nicht zugeneigt gezeigt hat: wir erinnern an „die Journalisten" (1853) und an „Soll und Haben" (1855). Seitdem freilich hatte unser Autor Gelegenheit, die Juden näher kennen zu lernen und zählte unter seinen Freunden und Mitarbeitern Männer wie Jacob Kaufmann, dem er einen so trefflichen Nachruf widmete (s. Jahrg. 1871, S. 951), Moritz Hartmann, Ignaz Kuranda, Berthold Auerbach u. A. Die Veranlassung zu dem Artikel, auf welchen wir hier zurückkommen, hatte das berüchtigte Pamphlet Richard Wagner's „das Judenthum in der Musik" gegeben, ein Pamphlet, das weniger die Musik nach Wagner's Grundsätzen behandelte, als vielmehr aus Neid auf die Verehrung, welche damals Felix Mendelssohn im reichsten Maße genoß, und auf die Anerkennung, welche Meyerbeer auf den Theatern aller civilisirten Völker gefunden hatte, einen wüthenden Haß gegen alle Juden aussprühte, welchen er alle Befähigung zu irgend einer Kunst absprach. Hierüber wurden nun mancherlei Streitschriften gewechselt und Freytag sah sich veranlaßt, sein Wort in dieser traurigen Angelegenheit abzugeben. Haben sich in den seitdem verflossenen 20 Jahren die „Grenzboten" aus einem liberalen Blatte in ein reactionäres verwandelt, so blieb dagegen Freytag, wie die nochmalige Veröffentlichung jenes Artikels erweist, seinem vorurtheilslosen und unparteiischen Urtheil unverändert getreu, weshalb wir es für uns angethan erachten, die Hauptstellen jenes wiederzugeben und sie so der speciellen jüdischen Literatur zu erhalten. Freytag läßt sich viel weniger auf die Musik ein, als auf das Berdict, welches Richard Wagner über die Juden aussprach; was er über die Compositionen Wagners sagte, ist trotz des Fanatismus einer großen Partei für Wagner noch heute die Ansicht Freytags, wie wir jüngst aus desfallsigen Aeußerungen in den „Erinnerungen aus meinem Leben" ersahen. Freytag spricht sich folgendermaßen aus: „Wir halten gegenwärtig einen ernsten Angriff auf das jüdische Wesen unter uns nach keiner Richtung für zeitgemäß, nicht in Politik, nicht in Gesellschaft, nicht in Wissenschaft und Kunst; denn auf allen diesen Gebieten sind unsere Mitbürger israelitischen Glaubens werthe Bundesgenossen nach guten Zielen, auf keinem Gebiete sind sie vorzugsweise Vertreter einer Richtung, welche wir für gemeinschädlich halten müssen. Es hat Jahre gegeben, in denen die Stimmführer einer wüsten Demokratie zum großen Theile junge Männer jüdischen Glaubens waren — wir wissen wohl, warum —, jetzt bilden weit andere Elemente die äußerste Linke, welche aus den arbeitenden Classen der christlichen Bevölkerung heraufdringt. In Handel und Verkehr galten lange Zeit die Juden für die Hauptspeculanten bei gewagten Börsengeschäften und einem großartigen Geldwucher; sie haben auch diesen Ruhm an Christen abtreten müssen, es sind bei uns jetzt Fürsten und Häupter alten Landadels, welche unsolide Gelvgeschäfte begünstigen, den Unternehmergewinn einziehen und die Actionäre durch ihren Namen verlocken; die Rothschilde sind beinahe auf den Standpunkt altfränkischer Geschäftsleute zurückgedrängt und angesehene jüdische Firmen unserer Hauptstädte gehören zu den ehrbarsten Gegnern des neuzeitlichen Actienschwindels. In unserer Poesie und Literatur war an den Nachtretern von Börne und Heine eine Richtung zu bekämpfen, welche in dem Bestreben, witzig zu sein, frech gegen die Kunst und unsere gesellschaftliche Lebensordnung wurde; auch diese Verirrung einer schwachen und begehrlichen Zeit ist durch den politischen Ernst der Gegenwart überwunden. Selbst der kleine unartige „Kladderadatsch" hat seine großen Augenblicke, wo er sich patriotischer Wärme nicht entschlägt. Es sind jetzt ungefähr hundert Jahre her, seit Moses Mendelssohn in Berlin nur darum geduldet wurde, weil er im Manufacturgeschäft des reichen Schutzjuden und Seidenfabrikanten Bernard beschäftigt wurde, und wo Abba Glozk, der jüdische Philosoph aus Polen, auf der Landstraße vor Hunger umkam, weil ihn die rechtgläubigen Juden verflucht, gebannt, gegeißelt und seiner geschriebenen Werke beraubt

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