Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1889)
- Date
- 1889-09-26
- Page
- Seite 608 (sequence 4)
- Language
- German
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608 die traurige Bewegung ein Ende. Erst zuletzt trat die Hetzerei in Wien auf. Was sie hier vollbrachte, ist noch Jedermann bekannt. Als sie sich aber zu Gewaltthätigkeiten heranließ, wurde ihr Führer gerichtlich streng bestraft, und ihre Betheiligung bei den durch den Kutscherstrike bewirkten Tumulten gab, wie wir sogleich bemerkten, den Wendepunkt für ihre Ausbreitung und den von ihnen geübten Terrorismus ab. Die Bestätigung gewährte die hier besprochene Wahl. Hieran schließen wir noch einige Details über dieselbe. Eine Correspondenz der „Franks. Zeit." vom 10. September besagt: „Alle anständigen Leute sind über das gestrige Wahlresultat in der Leopoldstadt erfreut. Der Sieg des liberalen Candidaten Prof. Ed. Sueß ist über alle Erwartungen glänzend ausgefallen, nachdem die „Vereinigten Christen" für ihre Candidaten den Sieg mit vollen Backen schon im Voraus verkündet hatten. Es ist ergötzlich, wie heute die beiden antisemitischen Organe über einander herfallen und sich gegenseitig die Schuld an der kläglichen Niederlage in die Schuhe schieben. Wie bekannt, sind die Antisemiten „veruneinigt" zur Wahlurne gegangen. Die klerikalen Antisemiten, deren Organ das „Vaterland" ist, hatten den Mechaniker Schneider als Candidaten aufgestellt. Diesem Candidaten wurden schlimme Dinge nachgesagt. Es wurde ein Brief Schneider's publicirt, in welchem derselbe anläßlich des Processes der Mödlinger Schuhfabrik den Sekretär des „Bayerischen Handwerkerbund" in München, Altenberger, zu einer falschen Zeugenaussage vor Gericht zu bestimmen suchte. Weiters wurde ihm nachgesagt, daß er eine Stampiglie habe anfertigen lassen wollen. Nachdem Schönerer, Buscheuhagen und Vetter die ärgsten Schimpfworte gegen Schneider geschleudert hatten, wie in einer Broschüre des Antisemiten Holomay gegen Schneider zu lesen ist, stellten die deutschnationalen Antisemiten durch ihr Organ „Deutsches Bolksblatt" den Hausbesitzer Pabst als Candidaten auf. Während Sueß gestern 2286 Stimmen auf sich vereinigte, erhielt Schneider 844 und Pabst gar nur 349 Stimmen. Man sieht hieraus, daß die Deutschnationalen nur einen kleinen Anhang haben und erst durch die Allianz mit den Klerikalen zu einer Bedeutung gelangen. Das treibende Element ist der Antisemitismus. Heute behandeln sich die beiden Organe gegenseitig als „Judenknechte". Das „Volsblatt" schreibt: „Auch das „Vaterland" hat füglich das Recht verloren, über die Judenherrschaft zu klagen, denn es hat nichts gethan, sie zu brechen." Das „Vaterland" wiederum räsonnirt: „Das „Deutsche Bolksblatt" hat die Ehre, Herrn Sueß zu größerer Ehre verholfen und somit das Prestige der vereinigten Christen gemindert zu haben. Herr Vergani kann mit den Leopoldstädtern jubelnd in den Ruf ausbrechen: Hoch Sueß, Pereat Schneider!" Der Kampf wird jetzt heftig fortgesührt. In seinem heutigen Abendblatts erwidert das „Deutsche Bolksblatt" dem „Vaterland" mit folgenden Artigkeiten: „Das „Vaterland" irrt sich, wenn es glaubt, durch solche Manöver Abonnenten gewinnen zu können. Im Gegentheil, seine neue redaktionelle Kraft, welche allerdings alle jüdischen Journalistenkniffe kennt, aber auch deren Gesinnungslosigkeit besitzt, wird dem „Vaterland" nur schaden; denn es kommt wieder jener an Wahnsinn grenzende Haß gegen alles Deutsche zum Vorschein, so daß sich jeder anständige, jeder gescheidte Mensch mit Ekel abwenden muß" ... Bei nächster Gelegenheit wird sich diese ehrenwerthe Gesellschaft, die sich heute schlägt, wieder vertragen." Der „Boff. Ztg." schreibt man: „Als die Menge vor dem Wahllokal das Ergebniß vernahm, durchzittcrten begeisterte Hochrufe auf Sueß die Luft, denen gegenüber die Gegenrufe der Antisemiten, welche der Reihe nach Schneider, Lueger, Pattai u. s. w. hochleben ließen, bald verhallten. Nun erscholl das Commando „Zur Wohnung Sueß'!" Mit überraschender Schnelligkeit bildeten sich die Anwesenden zum Zuge und die vieltausendköpfige Menge zog, von Wachmännern begleitet, in größter Ordnung nach der Afrikanergasse. Vor dem Hause des Erwählten wurde Halt gemacht. Nach zahllosen Hochrufen erschien Professor Sueß am geöffneten Fenster und richtete an die Menge folgende kurze Ansprache: Ich danke Ihnen für diese ehrenvolle Wahl. Sie zeigt, daß die Leopoldstadt einstehen will für den Frieden unter der Bürgerschaft und für den großen Grundsatz der Gleichberechtigung Aller vor dem Gesetze. Auf diese Art bleibt Wien die feste Burg des geistigen Fortschrittes, des deutschen Stammesbewußtseins und der österreichischen Vaterlandsliebe. Erfüllt von diesen Ideen, rufe ich Ihnen zu: Hoch Wien! Hoch Oesterreich! Hoch unser Kaiser Franz Josef! Es währte lange, bis die Menge, zufrieden mit ihren Huldigungen, sich entfernte. Mit den Antisemiten, die ihrem Groll in Beschimpfungen des Siegers Luft machten, kam es in mehreren Straßen trotz der großen Macht, welche die Polizei entfaltet hatte, zu Zusammenstößen, bei denen mehr als 40 Personen verhaftet wurden. Am Dienstag brachten die Morgenblätter Triumphartikel, und selbst die Regierungsblätter stimmen in die allgemeine Freude ein. Das „Fremblatt" z. B., nachdem es sich zuerst gegen jede Vorliebe für den Politiker Sueß verwahrt hat, schreibt: Der Sieg des verdienten Bürgers und Patrioten legt Zeugniß davon ab, daß die zerstörenden Elemente noch nicht die Oberhand in Wien gewonnen haben, daß in der Bürgerschaft dieser Stadt noch genug gesunder Sinn und feste Entschlossenheit herrscht, den von dem siegreichen Abgeordneten der Leopoldstadt vertretenen allgemein menschlichen Principien zum Durchbruche zu verhelfen. Den Frieden unter der Bürgerschaft, die Gleichberechtigung Aller vor dem Gesetze, den