Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1889)
- Date
- 1889-09-26
- Page
- Seite 607 (sequence 3)
- Language
- German
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607 verstehen, so kann gerade die Alterthümlichkeit und Eigenart derselben viese Wirkung auf uns ausüben, wie es irgend ein uns gewohntes Instrument, eine uns gewohnte Musik nicht vermag. Allerdings ist für die Leiter des Gottesdienstes die Pflicht um so ernster, dafür zu sorgen, daß dieses Schopharblasen in angemessener, würdiger Weise geschehe. Mögen daher unsere Glaubensgenossen au dem bevorstehenden Feste die Töne des alten Instrumentes unseres Volkes mit solchem Verständniß anhören, in sich aufnehmen, auf sich wirken lassen! Es ist gut, daß wir immer daran erinnert werden, wie die Natur und das Bedürfniß des Menschen sich durch die Jahrtausende gleich bleiben, und daß es wohlthätig ist, seine Gegenwart mit den Ahnen in uralter Zeit zu gleichen Zwecken verbunden zu sehen. Aus diesem Gesichtspunkte erscheinen uns religiöse Bräuche, die uns in ihrer Form fremd dünken, als nahe verwandt, als unser Eigenthum, unsere Erbschaft, die wir hochachten, der wir uns gern zuneigen und hingeben. Wien, im Sept. Der Sieg i« -er Leopoldstadt (Vien). Der Sieg, den die Gegner des Antisemitismus, die liberale Partei, bei der Wahl des Prof. Sueß in den niederösterreichischen Landtag mit fast einer Zweidrittelmehrheit errang, hat eine so allgemeine moralische Wirkung hervorgebracht und über den wirklichen Stand des Antisemitismus in Wien so aufgeklärt, daß wir hier noch einmal darauf zurückkommen müssen. Vor vier Jahren hatte der Antisemit Schneider 1910 Stimmen und man fürchtete, daß die Antisemiten seitdem an Anhang bedeutend gewonnen hätten. Ganz im Gegentheil waren die Anhänger Schneider's bis auf 845 herabgesunken. Somit ist cs erwiesen, daß die feudalklerikale antisemitische Partei durchaus jene Bedeutung, welche man ihr in Folge des Lärmens, den sie macht, der aufdringlichen Weise, mit der sie agitirt, zuschreibt, nicht besitzt und viel mehr im Niedergang als in Ausdehnung begriffen ist. Die noch viel geringere Minorität von 350 Stimmen fiel der deutsch-nationalen antisemitischen Fraktion zu. Stellen wir zuvörderst noch einige allgemeine Bemerkungen her. Die protestantische Orthodoxie, die ultramontane klerikale Partei und die russische Orthodoxie haben sich ein gleiches Ziel in der Verfolgung der Juden, in der Beseitigung der Gleichberechtigung gesetzt, d. h. die Juden möglichst wieder in Ghetti zu bannen, ihnen die härtesten Beschränkungen aufzuerlegen, sie zur Verarmung und zum Verhungern zu bringen, womöglich sie auszutreiben und auszurotten. Es ist dies nicht zu viel gesagt, zahllose Reden, Zeitungsartikel und Broschüren zeugen hinlänglich dafür. Mögen sich die erwähnten Parteien noch so sehr bekämpfen, hierin stimmen sie überein. Daß auch die protestantische Orthodoxie diesem Ziele nachstrebt, beweisen nicht bloß die Programme der Kreuzzeitung, sondern auch der Umstand, das; gerade Stöcker von den orthodoxen Geistlichen als ihr Stabträger und Führer verehrt wird. Es gab nun zu diesem Ziele für die Antisemiten zwei Wege: die Gesetzgebung und die Pöbelausstände. Um auf die erstere Einwirkung zu erlangen, waren die Wahlen nothwendig. Dieser Weg wurde mit um so größerer Mühewaltung beschriiten, weil es den Führern noch viel mehr um die Befriedigung ihres Ehrgeizes und die Erlangung persönlichen Ansehens, als um die Sache galt. Letztere sollte ihnen nur als Staffel dienen, um auf der gesellschaftlichen Leiter in die Höhe zu kommen. Aber gerade hierin erlitten sie viele Niederlagen, denn sie vermochten selbst da, wo ihr giftiger Samen auf den fruchtbarsten Boden gefallen, in den betr. Parlamenten nur eine so kleine Fraction zu beschaffen, daß sie nicht einmal die nach der Geschäftsordnung nöthige Unterstützung für ihre Anträge fanden. Meist kamen sie daher gar nicht dazu, Anträge zu formuliren, und wo sie dies thaten, vermochten sie aus dem gedachten Grunde ihre antisemitischen Anträge nicht zur Verhandlung zu bringen. Also auf dem Gebiete der Gesetzgebung sind alle ihre Bemühungen gescheitert. Daß sie sich nicht scheuten, zu dem zweiten Mittel, den Pöbelaufständen, zu greifen, haben leider traurige Vorkommnisse genügend erwiesen. Solche Aufstände, mit Plünderung, Brand und selbst Mord verbunden, in Scene zu setzen, konnten die antisemitischen Hetzer nur da planen, wo sie die Regierungen ihnen zugeneigt und förderlich glaubten. Allein selbst wo dies der Fall war, konnten solche Tumulte nicht lange währen. Jede Regierung mußte schließlich doch für Gesetz und Ordnung eintreten und trug die Verantwortlichkeit für die Verletzung des Eigenthums und des Lebens ihrer Staatsangehörigen. Auch mußte sie einsehen, daß eine derartige Zügellosigkeit nicht bei den Juden stehen bleiben, sondern sich bald auch gegen andere Klassen wenden werde. Wahrscheinlich hatten die antisemitischen Agitatoren darauf gerechnet, dieser Volksbrans werde sich so schnell über das ganze Land ausbreiten, daß die Regierung denselben zu löschen nicht im Stande wäre, oder sich gedrungen fühle, der Volksstimme zu gehorchen und gegen die Juden Maßnahmen zu fassen. Diese Erwartungen gingen nicht in Erfüllung. In Preußen brachte die Regierung den Aufstand schnell zum Stillstand und überzeugte das Volk bald, daß es mit ihren antisemitischen Neigungen nichts wäre und die Vorspiegelungen der Antisemiten ein Trug gewesen. Auch in Ungarn gelang es bald, wenn auch etwas langsamer, die Ruhe wieder herzustellen. Nur in Rußland währte es längere Zeit und hatte unseligere Folgen. Aber so wie das Volk erkannte, daß das Einschreiten der Regierung ernst gemeint sei, nahm 89*