Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1889)
- Date
- 1889-09-19
- Page
- Seite 598 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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598 statt, und hierüber sind beide Parteien in Streit gerathen, da sie sich über den Candidaten nicht einigen konnten. Die Feudal-Klerikalen stellen einen gewissen Schneider, die Deutsch- Nationalen einen gewissen Papst auf. Die letzteren schwärmen für eine Zollunion mit Deutschland, welche die ersteren verabscheuen, wie den Anschluß an Deutschland überhaupt. Wie weit dieser Zwiespalt geht, ersieht man aus dem Organe der Feudal-Klerikalen, dem „Vaterland", welches jetzt die Deutsch-Nationalen mit denselben Schimpfworten regalirt, die es sonst nur für oie Juden hat. Es nennt die Brüder im Antisemitismus „Schufte, die den Schandpfahl und den Galgen verdienen, da sie den Plan einer Zollunion anregen". Selbstverständlich sehen wir diesem ergötzlichen Schauspiel mit Vergnügen zu. Wenn sich diesmal die Liberalen nur etwas aus ihrer Lethargie aufraffen, ist der Sieg ihres Candidaten, des ausgezeichneten Geologen und Parlamentariers Prof. Eduard Sueß sicher. Dieser hatte bereits das fragliche Mandat, legte es aber nieder, als er zum Rector der Universität gewählt wurde. Diesem Ehrenamte entsagte er aber, als der Unterrichtsminister, Herr v. Gaulsch, seinen reactionären Entwurf zu einer Schulnovelle dem Reichsrath vorlegte. Prof. Sueß hat in zwei Bürgerversammlungen gesprochen und den größten Beifall gefunden. Er wurde einstimmig zum Candidaten gewählt, morgen wird die Entscheidung fallen. Wien, 10. Sept. Endlich wieder einmal eine erfreuliche Nachricht aus Wien! Bei der gestrigen Landtagswahl in Leopolostadt erfochten die Liberalen einen glänzenden Sieg: Professor Sueß wurde mit 2286 Stimmen gewählt. Im Ganzen wurden 34>8 Stimmen abgegeben, wovon außer dem Genannten der klerikal-antisemitische Candidat Schneider 845 und der deutsch-nationale Antisemit Papst 379 Stimmen erhielt. Auf den Czechen Gregr fielen 2 Stimmen. Die Verkündigung des Wahlresultates wurde mit Hochrufen auf Sueß und die liberale Partei begrüßt; einige Hochrufe auf Schönerer wurden niedergezischt. Der Platz vor dem Wahllocale war von der Polizei abgesperrt; im Ganzen wurden 15 Verhaftungen wegen Widerstandes vorgenommen. Die liberalen Wähler zogen nach der Verkündigung des Wahlresultates vor die Wohnung Sueß' und brachten diesem stürmische Ovationen dar. Der Gefeierte dankte und sagte, daß die Wahl den Beweis dafür liefere, daß die Leopoldstadt einftehen welle für den Frieden der Bürgerschaft und die Gleichberechtigung Aller vor dem Gesetz. Er schloß mit einem „Hoch Wien!" und „Hoch der Kaiser!" Tie Menschenmenge sang darauf entblößten Hauptes die Volkshymne. (Hätten also die beiden antisemitischen Parteien zusammengehalten, hätten sie doch nur 1224 Stimmen für sich gehabt, d. h. etwas über die Hälfte der liberalen Stimmen, welche 1062 Stimmen mehr zählten.) Die Zeitungen stimmen darin überein, daß dieser Wahlsieg den Beweis führe, daß der Antisemitismus in der Reichshauptstadt nicht die Ausdehnung erlangt habe, welche befürchtet und behauptet worden. Die Antisemiten hatten die größte Anstrengung gemacht und einen wahren Terrorismus ausgeübt, um bei dieser Wahl zu siegen. Sie wissen sehr wohl, daß diese Niederlage ihren Einfluß auf die Bevölkerung sehr herabmindern werde, da diese das Vertrauen auf ihre Stärke verlieren werde. Frankreich. Paris, im September. (Privatmitth.) Die Thierschutz- Vereine suchen ihren Feldzug gegen das rituelle Schächte» auf alle Länder auszudehnen, und so haben sie neuerdings auch in Frankreich gesucht, Raum für Anklagen zu finden. Der „Figaro" öffnet seine Spalten für diesen Kampf willig. Ein Artikel, unterschrieben „un Badaud“ (Tölpel), läßt eine heftige Anklage gegen das Schächten los, indem er sich dabei auf die Broschüre eines elsässischen Schächters beruft. Man weiß, wie sehr es bei einem Art kel für das große Publikum auf die Einkleidung, aus die Helle und Stärke der Farben ankommt, die man aufträgt. Der Artikel stellt deshalb das Schächten mit den Stierkämpfen zusammen, welche bei der Pariser Ausstellung gestattet, dann aber wegen des Unwillens der öffentlichen Meinung untersagt wurden. Daß das rituelle Schächten von den größten Autoritäten auf diesem Gebiete als eine sehr angemessene, aus Nordamerika sogar als die beste Methode des Tödtens der Schlachtthiere bezeichnet worden, übergeht natürlich der Badaud. Jndeß, um gerecht zu sein, müssen wir bemerken, daß er besonders seinen Angriff weniger gegen das Schächten, als gegen die üblichen Vorbereitungen zu demselben richtet, und daß hierin Verbesserungen einzuführen sind, um die rohe Behandlung der Thiere zu vermeiden, ist auch von jüdischer Seite schon anerkannt worden. Hier läßt uns auch das Ritualgesetz freien Spielraum, und diejenigen, welche das rituelle Schächten vertheidigen und aufrecht erhalten wollen, sollten hierauf ihre Aufmerksamkeit wenden. Daß der Artikel des „Figaro" antisemitisch gefärbt ist, was diesem überhaupt zweideutigen Blatte oft widerfährt, ersieht man aus dem Schluffe, der dem Hause Rothschild unterschiebt, die Regierung für das unangefochtene Schächten bestochen zu haben. Dies ist sehr ungeschickt, denn dadurch verräth sich die Parteistellung des ganzen Machwerkes. Aber bekanntlich lernt man von seinen Feinden mehr als von seinen Freunden, und so möchte es angethan sein, auf die Verbesserung jener vorbereitende» Bräuche zu denke», und möchte sich dies die jüdische Orthodoxie gesagt sein lassen, denn nur aus ihrer Mitte könnte ein erfolgreiches Vorgehen in dieser Angelegenheit bewirkt werden. — Auf dem hiesigen Observatorium wird jetzt ein neues, großes Instrument vollendet, das man Equatorial