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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-09-19 · Heft 38 (19.9.1889) · p. Seite 597

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 38 (19.9.1889)
Date
1889-09-19
Page
Seite 597 (sequence 9)
Language
German
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597 läßlich des jüdischen Passahfestes bei, bei welcher Gelegenheit ein eigenes Gebet gesprochen und demnächst ein Kupferstich zum dauernden Gedächtniß an die abermalige Gegenwart des Herrschers angefertigt wurde. Nachträglich, im Jahre 1715, hatte sich der König von der Judenschaft 3000 Thaler für die der jüdischen Gemeinde gewährte Crlaubniß zur Errichtung des Gotteshauses zahlen lassen. Der Erbauer der Synagoge war der aus Regensburg gebürtige Zimmermeister Kemniter senior, dessen meisterhafte Oberdach- Verbindung einst viel bewundert ward. Im Laufe der Zeit hat die Synagoge wiederholt bauliche Veränderungen erfahren. Dieselbe wurde zunächst 1818 ihrer Kuppelwölbung beraubt und von da ab bis zum Jahre 1823 umgebaut und vergrößert. Einen umfassenden Erneuerungsbau ließ der Gemeindevorstand, nachdem schon 1844 und 1845 einzelne Aenderungen vorgenommen waren, 1855 durch den Baurath Knoblauch vornehnen, und hiermit erfolgte schließlich 1882 eine abermalige ansehnliche Erweiterung der Synagoge, wobei es unmöglich war, den alten Charakter des Bauwerkes zu erhalten. Seit 1886 wird jedoch die alte Synagoge von der neuen, mit einem Kostenaufwand von einer Million Mark in der Oranienburger Straße durch Knoblauch erbauten Synagoge (deren Errichtung vor nunmehr 30 Jahren begann) weit überstrahlt. Berlin, 11. September. (Privatmitth.). Daß die antisemitischen Schlagwörter auf die breiteren Schichten des Volkes hier keine Wirkung mehr üben, müssen jetzt selbst die Organe der Judenhetzer eingestehen, wenn sie es auch indirect thun, indem sie sich des Wortes „konservativ" bedienen und ihrem Aerger und dem Gefühl ihrer Schwäche in Klagen Luft machen. Der Stöcker'sche „Reichsbote" bringt dies in einem Weherufe über die Trägheit der conservativen Volksclassen zum Ausdruck. Er sagt u. A. in diesen Tagen: „Bei den conservativen Volksclassen fehlt es an einer die Geister anregenden und verbindenden geistigen Macht. Sie sind gleichgiltig und indifferent gegen Alles; gegen Staat, Kirche, Politik, Cultur, Gesellschaft; sie ereifern und begeistern sich für nichts. Deshalb gedeihen weder die Vereine, noch die Gesellschaften, noch die Zeitungen, welche »den conservativen Bestrebungen dienen wollen. An der Gleichgiltigkeit dieser conservativ-gouvernementalen Kreise verpuffen klang- und echolos alle Bemühungen, wie ein Schlag auf einen Wollsack." — Das freilich sagen sich diese Pseudoconservativen, d. h. antisemitischen Organe nicht oder gestehen es nicht ein, daß sie es eben selbst sind, welche durch die Hohlheit und Geistlosigkeit ihrer Behauptungen und Anklagen, durch die Leerheit ihrer immer wiederholten Schlagwörter das Volk ermüdet und sich abgewendet haben. Das Volk läßt sich leicht bewegen, aber es fühlt bald durch, wo eine wirkliche Wohlthat und Thatkraft, ein wesentlicher Zweck, ein nützlicher Gedanke vorhanden ist oder nicht. Es läßt sich leicht leiten und verleiten, aber sehr schwer auf einem Wege erhalten, der zu nichts oder gar zu Schaden führt. Das haben schon mächtigere Geister als Stöcker erfahren und jene französische Revolution, deren Centennarium jetzt in Frankreich gefeiert wird, hat hierfür in großartigem Maßstabe Beispiele geliefert. Leipzig, 7. September. (Privatmitth.) Die hiesige Stadt zeigt sich immer mehr als der richtige Herd des Antisemitismus, und zwar nach der Richtung hin, welche die Feindschaft gegen die getauften Juden in größtem Maßstabe erweist. Man schreibt von hier: „Ein antisemitisches Bravourstückchen hat neuerdings der hiesige Reformverein geleistet, als er vernahm, daß die Absicht besteht, zu Ehren des auch um die Kirchenmusik hochverdienten Komponisten Mendelssohn- Barth oldy für die Thomaskirche ein Mendelssohn-Fenster zu stiften. Man reichte nämlich sofort bei dem Kirchenvorstande eine Petition ein, in der betont wird, daß die Stiftung eines solchen Fensters dem christlichen Gefühle vieler Kirchenangehörigen durchaus zuwider sein werde. Ueber die Entscheidung des Kirchenvorstandes ist bis jetzt noch nichts bekannt geworden; bemerkt sei aber noch, daß auch die konservative Wochenschrift „Das Vaterland" das Vorgehen der Antisemiten billigt." In derselben Thomaskirche steht man nicht an, den „Paulus" von Felix Mendelssohn aufzuführen und sich der Psalmencompositionen desselben Meisters zu bedienen. Dabei erinnere man sich, daß Mendelssohn eine lange Zeit die Gewandhaus-Concerte und das Conservatorium leitete und das musikalische Leben Leipzigs wieder zur Blüthe brachte. Würde er jetzt leben, so könnte er wahrscheinlich in Leipzig keine Stätte der Wirksamkeit finden, obgleich er schon als Christ geboren war. Welche Gegensätze in unserer Zeit! Sechs Meilen von Leipzig, in Dessau, errichtet man unter Betheiligung des Herzogs dem Juden Moses Mendelssohn ein öffentliches Denkmal und in Leipzig will man dies dem Christen Felix M. versagen, weil er der Enkel des Ersteren war. Oesterreich-Ungarn. Wien, 8. September. (Privatmitth.) Der Antisemitenbund, welchen hier die Feudal-Klerikalen und die sog. Deutsch- Nationalen geschlossen, ist in voller Spaltung begriffen. Es .war dies vorauszusehen, denn beide Parteien treiben Politik und haben ganz entgegengesetzte Ansichten und Zwecke, so daß sie eben nur in ihren antisemitischen Hetzereien zusammentrafen. Morgen findet nun in der Leopoldstadt die Wahl eines Abgeordneten für den niederösterreichischen Landtag 88

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