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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-09-19 · Heft 38 (19.9.1889) · p. Seite 594

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 38 (19.9.1889)
Date
1889-09-19
Page
Seite 594 (sequence 6)
Language
German
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594 auf, den ihr dem geistigen Leben zahlreicher Mitmenschen zufügt! So lange die Menschheit besteht, lebt in ihr das Bewußtsein und das unbesiegbare Gefühl von der aüwalten« den Gottheit, welche in der Natur und im Menschenleben ihr Schöpfungswerk fort und fort vollführt. — Ihr aber wollet nun dieses Bewußtsein und Gefühl aus der menschlichen Seele hinausdrängen, in ihr erdrücken und vernichten. Dies wird euch niemals gelingen, und um so weniger, als eure Theorien doch nur Erzeugnisse des Tages sind und von der Wissenschaft selbst, wenn sie sich auch zeitweise verblenden läßt, als Jrrthümer, als Verirrungen erkannt und verworfen werden. Aus drm Midrasch. i. Die allgemeine Aufmerksamkeit hat sich in der letzten Zeit vielfach dem Midrasch zugewendet. Veranlassung hierzu gaben einerseits die antisemitischen Hetzereien, welche zumeist aus dem Midrasch die Anschuldigungen holten, die sie gegen den Talmud erhoben, wozu sie sich freilich, wie besonders durch christliche Gelehrte erwiesen worden, der Fälschung und Verdrehung bedienten. Andererseits wurde dem Midrasch eine mehrfache wissenschaftliche Bearbeitung zu Theil, theils durch Herausgabe der correcten Originale, wie z. B. durch S. Buber, theils durch Uebersetzung ins Französische und Deutsche, letztere von Herrn Dr. August Wünsche. Dieser emsige Forscher übertrug den ganzen Midrasch rabba und dann alle midraschischen Stellen aus dem babylonischen Talmud. Außerdem wurde in allgemeinen Darstellungen viel von den Eigenthümlichkeiten und Tendenzen der Agada, d. i. des Midrasch gesprochen und sowohl Inhalt als Form in ihrem poetischen und ethischen Glanze mit schwungreicheu Worten gerühmt. Hierdurch gelangt aber derjenige, für welchen diese Werke nicht zugänglich sind, keine wirkliche und auch keine wahre Vorstellung von dem Midrasch. Hierzu eignet sich nur, daß man dem größeren Publikum Beispiele vorführt, aus welchen es sich selbst eine Vorstellung bilden kann. Auch treffen jene gutgemeinten Charakteristiken nicht immer zu. Dehnen wir die Bezeichnung Midrasch auf Alles im Talmud aus, was nicht Halacha ist und streng zu ihr gehört, so befaßt derselbe auch viele Dinge aus dem bürgerlichen und gewöhnlichen Leben, die von Poesie weit abliegen. Dieser Aufgabe sollen die folgenden Artikel gewidmet sein, wobei wir uns der Uebertragung des Herrn Wünsche bedienen. Schon Fol. 6, 2 des Tractates Sanhedrin stoßen wir auf ein sehr interessantes Stück aus dem Rechtsgebiete. Es ist längst anerkannt, daß nirgends eine strengere Gewissenhaftigkeit, ein peinlicheres Ringen nach Unparteilichkeit zu finden ist, als im talmudischen Rechte. Die Ursache lag darin, daß nach dem Worte der h. Schrift das Richten „Sache Gottes", daß also der Richter ein Stellvertreter Gottes ist, daß er demnach ein religiöses Amt vollführt, die Sache des Rechts im Aufträge Gottes leitet und sich selbst bei jedem Schritt vom Wege der Gerechtigkeit dem Mißfallen und der Strafe Gottes aussetzt. Im folgenden Stücke wird nun die Frage aufgeworfen, ob der Richter selbst zwischen den streitenden Parteien einen Vergleich herbeizuführen suchen dürfe, da in einem Vergleich die strenge Gerechtigkeit nicht zum Austrage komme, sondern die Partei, die das Recht auf ihrer Seite hat, einen Theil ihres Rechtes opfere und so geschädigt werde. Ueber diese Frage werden verschiedene Ansichten vorgetragen. „R. Elieser, der Sohn des R. Jose des Galiläers sagt: Man darf keinen Vergleich zu Stande bringen. Wer einen Vergleich vorschlägt ist ein Sünder. Wer den, welcher einen Vergleich vorschlägt, belobt, so ist das so, als ob er Gott lästerte. Von ihm gilt, was Ps. 10, 3 gesagt ist: „Wer den, der einen Vergleich vorschlägt, belobt, lästert den Ewigen," l) sondern das Recht soll den Berg durchbohren, denn es heißt Deut. 1, 17: „Das Recht ist Sache Gottes." So hat auch Mose gesagt: Das Recht durchbohre den Berg (d. i. das Recht muß Recht bleiben). Aaron aber liebt den Frieden, strebt dem Frieden nach und stiftet Frieden zwischen einem Menschen und dem andern, wie es heißt Mal. 2, 6: „Wahre Lehre (Thora) ist in seinem Munde, Unrecht wird nicht auf seinen Lippen gefunden, in Frieden und Geradheit wandelt er mit mir." . . . . R. Josua ben Karcha sagt: Es ist Pflicht, einen Vergleich zu treffen, denn es heißt Sech. 8, 16: „Wahrheit und Recht, Friede richtet in euren Thoren." An dem Orte, wo Recht gesprochen wird, ist doch kein Friede, und an dem Orte, wo Frieden ist, da ist doch kein Recht? Welches ist das Recht, wobei Friede ist (d. i. wo sind Recht und Friede mit einander verbunden)? Sage: bei dem, der einen Vergleich macht. So heißt es von David 2 Sam. 8, 15: „David übte Recht und Miloe." Ueberall wo Recht ist, ist doch keine Milde und überall wo Milde ist, ist doch kein Recht? Allein, welches ist das Recht, in dem Milde ist? Sage: bei dem, der einen Vergleich macht. Folgendes aber ist die Meinung des ersten Tanna, welcher sagt: Wenn der Richter das Recht entschieden, den Unschuldigen freigesprochen und den Schuldigen verurlheilt hat und sah, daß ein Armer zu einer Geldstrafe verurtheilt ward und er bezahlte für ihn aus seinen Mitteln, da ist Recht und Milde, nämlich Recht für jenen und Milde für diesen; Recht für jenen, daß er ihm (dem Kläger) zu seinem 1) So nimmt der Talmud diesen Vers. W. Der V. lautet: „Der Habgierige lästert, schmäht den Ewigen."

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