Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1889)
- Date
- 1889-09-19
- Page
- Seite 593 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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593 Herr, der dem Hahne die Einsicht gab, zwischen Nacht und Tag zu unterscheiden." Damals, als es noch keine Uhren gab, war es für den Landmann eine Wohlthat, den anbrechenden Morgen verkünden zu hören. Was hier „Einsicht" übertragen wird, (p, p) heißt eigentlich Unterscheidungsvermögen. Unsere Weisen sahen also den Hahnenschrei als den Ausfluß einer seelischen Fähigkeit an. Später benannte man die willkürlichen Bewegungen und Thätigkeiten der Thiere mit dem unklaren Worte Jnstinct, das ist Trieb, der in die Natur des Thieres eingesenkt ist und gewisse Handlungen desselben ohne irgend welches Bewußtsein, ohne Motive und Absicht hervorbringt, und der nun in den verschiedenen Thiergattungen verschieden ist. Allmählich ist man aber durch sorgfältigere Beobachtungen dahin gekommen, den Thieren Anfänge des seelischen Lebens zuzuschreiben, anzuerkennen, daß, namentlich die höher organisirten, der Leidenschaften, wie Furcht, Zorn, Rachedurst, Liebe und Anhänglichkeit fähig sind, daß sie Kunstfertigkeiten besitzen, die sie anzuwenden wissen, Vorstellungen haben, die sich selbst zu Träumen gestalten; daß ihnen jedoch das Bewußtsein und die Combinationsgabe, namentlich die Verbindung von Ursache und Wirkung fehlt. Was ihnen aber besonders mangelt, das ist eben die Entwickelung. In den Jahrtausenden, welche die Geschichte überschaut, haben sich die Thiere, selbst die kunstfertigsten unter ihnen, in ihrem Thun und Lassen auch nicht im Geringsten verändert, in keiner Weise einen Fortschritt, eine Entwickelung erlangt. Man kann durch Zucht und Mißhandlung, selbst durch Angewöhnung ein thierisches Individuum zu seiner Natur widersprechenden, über seine Natur hinausgehenden Verrichtungen ziehen, aber es bleibt individuell und geht auf andere Individuen nicht über, auch nicht durch Vererbung. Wenn aber schon vor der willkürlichen Bewegung der Thiere und dem, was sich darin bethätigt, die Herren Mechaniker und Chemiker, sowie die Entwickelungstheoretiker stille stehen mußten, so noch mehr, wenn sich die Anfänge seelischer Fähigkeiten in den Thieren offenbaren. Hierfür giebt es aus ihrer Theorie keine Erklärung, und sie sind abermals genöthigt, einen weiten Sprung mitten in das geistige Leben hinein zu thun. Sie werden sich zu helfen suchen, indem sie diese Thätigkeiten an das Gehirn und die Nerven binden — aber, wie ist dieses Band zu erklären? und wie die Ausübung des Willens vermittelst dieser Nerven auf die Muskeln? Nein, diese Theorien haben den modernen Menschen nur in die Irre und Wirre geführt, und indem sie in einfacher Weise einen tieferen Einblick in die Natur verheißen, blenden sie nur das geistige Augenlicht und verlocken ihre Wissenschaft und die übrigen Menschen vom richtigen Wege. — Wenn ich in ein schönes und großes Haus eintrete, dem Licht und der Luft zugänglich, wo alles wohlgeordnet und richtig eingetheilt und hergestellt ist, um ein behagliches Wohnen oder Verweilen zu bereiten: werde ich da etwa einen Zufall, oder eine Nothwendigkeit in der Zusammenfügung von Stein, Holz und Metall erkennen, oder vielmehr, daß hier Plan und Entwurf Vorgelegen, ein Gedanke den Bau geleitet, Zweck und Absicht im Ganzen und Einzelnen walteten? Die Vorstellung von dem Baumeister, dessen Einsicht und Kunst drängt sich uns auf und läßt in uns den lebhaften Wunsch entstehen, ihn zu kennen und uns von ihm unterweisen zu lassen. Und nun treten jene Männer auf, läugnen in diesem Weltbau und in den Wesen, die darin bestehen, Zweck und Absicht, die Schöpfungsgedanken und den Schöpfer — während sich doch in der kleinsten Form des kleinsten Wesens in Zweckmäßigkeit und Absichtlichkeit Zweck und Absicht offenbaren. Wäre doch ohne diese Anerkennung die ganze Physiologie eine hohle Luftblase. Allerdings kann an der Stelle jenes Hauses in früherer Zeit schon ein anderes gestanden haben, von verschiedener Art, roher und unbequemer, kleiner oder größer, aber immer doch ein Haus, in ähnlicher Anlage und mit denselben Zwecken. Dies ändert an der Sache nichts, sondern zeigt immer Wiederaus das Walten eines Baumeisters und auf die Gedankenwelt desselben. Und zu dieser Erkenntniß müssen wir zurückkehren. Mögen die Entwickelungstheoretiker in ihrer Phantasie rückwärts bis zur Urzelle gehen: wieso kam es selbst dann, daß diese Urzelle sich nicht bloß mechanisch-chemisch neue Zellen ansetzte, sondern diese zu bestimmten Formen bis zu bestimmten Wesen mit Organisation und Belebung erweiterte und verengte? Woher hatte diese Urzelle diese Fähigkeit, diese Tendenz, diese Kraft? Dies sind Fragen, die zwar nicht wir jenen Herren vorlegen, weil wir ihre, alle Phasen der Naturerscheinungen überspringenden Phantastereien nicht theilen und auch nicht ihren Flug ins Ungeheuerliche begleiten, die sie sich aber selbst vorlegen müssen, wenn sie nur irgend aufrichtig sein wollen und die sie nicht zu beantworten vermögen, in welchen aber die volle Widerlegung ihrer theoretischen Träumereien enthalten ist. Richtig ist, daß die besondere Gestaltung eines Wesens von den Daseinsbedingungen abhängt, die vorhanden sind. Eine alpine Pflanze kann nicht in gleicher Weise im Thale fortkommen, so wenig, wie die Thalpflanze an der Grenze des ewigen Schnees dieselbe Beschaffenheit behalten kann. Aber zu den Thalwie zu den alpinen Pflanzen gehört ein Samen, der sich verbreitet Hot oder zur Höhe hinaufstieg, ohne diesen können sie hier und dort nicht werden. Ja, ohne Erkenntniß der Zwecke und Zweckmäßigkeit, der Absicht und Absichtlichkeit ist euer ganzes Thun und Treiben zwecklos und absichtswidrig. Wir gestehen euch zu, daß ihr manches Einzelne, für die Wissenschaft Brauchbare zu Tage fördert — wie wenig aber wiegt dies den Schaden