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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-09-19 · Heft 38 (19.9.1889) · p. Seite 592

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 38 (19.9.1889)
Date
1889-09-19
Page
Seite 592 (sequence 4)
Language
German
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892 will, durch einen mechanisch-chemischen Proceß gewiß nicht. Ein solcher kennt keine Gefahr und kein Mittel, sich ihr zu entziehen, sondern geht nach den gesetzlichen Bedingungen in ihrer Nothwendigkeit vor sich und wird nur unterbrochen oder modificirt, wenn andere Elemente hinzutreten und die bisherigen Bedingungen verändern. Gewiß, die Anhänger der mechanisch-chemischen Theorie des Welt- und Wesenbaues stehen vor der freien oder willkürlichen Bewegung der Thierwelt ohne Möglichkeit der Erklärung und müssen sich zu einem Sprung in das animalische Leben mitten hinein verstehen. Damit hat aber die ganze Theorie Schiffbruch gelitten, oder, um im Bilde zu reden, bei diesem Sprung verletzt sich die Theorie und erhält eine Todeswunde. Der mechanisch-chemische Proceß spielt allerdings nach den neuesten Forschungen im Weltbau und in den Organismen eine viel größere Rolle als unsere Väter ahnten und uns in unserer Jugend gelehrt ward. Aber ihm die Alleinherrschaft im Reiche des Daseins zuzuschreiben, ist thöricht, denn er ist wohl ein bedeutsames Mittel auch im organischen Leben, aber Ursprung, freie Bewegung und viele der organischen Thätigkeiten widersprechen ihm geradezu. Gleiches ist auch mit der Entwickelung, Anpassung und Vererbung der Fall. Daß eine solche im Aufbau der Welt und der Wesen stattgefunden und immerfort stattfindet, ist sicher; brauchen wir doch nur einen Blick auf unsere leibliche und geistige Beschaffenheit zu werfen. Auch die Bibel giebt uns Andeutungen hierzu. Aber sie nun als alleinigen Factor, als die einzige Urheberin und Leiterin des Daseins und der Daseinsformen aufzustellen, ist eine schwere Verirrung. Im Grunde widersprechen sich die mechanisch-chemische und die Entwickelungstheorie schon selbst. Die letztere erklärt die Veränderungen der organischen Wesen durch das Bedürfniß, durch den Kampf um's Dasein und durch die Vererbung. Alle diese Dinge kennt weder Mecha-, nik noch Chemie. Diese bringen ein Product durch das Zusammentreffen der Elemente und das Gesetz der letzteren zu Stande, ein anderes Motiv ist für sie unmöglich. Es liegt also gewiß keine Logik darin, beide Theorien zu verschmelzen, die eine schließt die andere aus. Dem Darwinismus ist es ergangen wie allen Theorien und Systemen, die seit den sieben Weisen Griechenlands ans Licht gekommen: seine Jünger und fanatischen Anhänger haben ihn durch Uebertreibung, durch die Alleinherrschaft, die sie ihm vindizirten, mit einem Worte durch den Mißbrauch der Consequenzmacherei in Mißkredit gebracht, ihm mehr Widerspruch und Widerlegung bereitet, als seine Gegner vermochten. Bon der einen Seite fehlt der Entwickelungstheorie in zahllosen Fällen der Nachweis des Ueberganges von einer Form zur anderen, also die eigentliche naturwissenschaftliche Beweisführung. Was gilt z. B. die Behauptung, daß die Floßfedern der Fische nur andere Formen der ursprünglichen Füße seien, wenn außer einer ganz allgemeinen typischen Vergleichbarkeit keine Uebergänge von den Füßen zu den Floßfedern sich auffinden lassen? Was soll die Behauptung von der Abstammung des Menschen vom Affen, wenn irgend ein realer Uebergang von diesem zum domo saxieus nicht aufzufinden ist? Andererseits gerätst jede Erklärung des Details einer Form, wie sie sich wohl entwickelt habe, unter zehn Fällen neun Mal ins Lächerliche, mindestens ins Gekünstelte und Unwahrscheinliche, und selbst diejenigen, welche für solche Detailerklärungen schwärmen und allen möglichen Scharfsinn darauf verwenden, sehen sich sehr häufig gezwungen, zuzugeben, daß sie keine Erklärung wüßten. Wir haben alles dies vor Kurzem an einem sonst trefflichen, lehr- und beobachtungsreichen Werke erfahren, an den „Spaziergängen eines Naturforschers von Prof, vr. W. Marshall in Leipzig." Das Buch bietet eine Fülle feiner Beobachtungen, namentlich aus der Vogel- und Jnsectenwelt. Hierhin folgen wir ihm gern, denn außer dem wissenschaftlichen Gehalte versteht der Vers, auch sehr anziehend und präcise zu schreiben. Als eifriger Darwinist versucht er es aber, die Erscheinungen der Natur nach der Entwickelungstheorie zu erklären, alle Formen, die bestehen, aus früheren herzuleiten, und bietet da so viele Schwächen, ja geradezu Fraubasereien, daß er vielmehr das Gegentheil als die Ueberzeugung von seiner, des Vers. Theorie in dem unbefangenen Leser weckt. Man lese nur z. B. nach, was er über die Bildung oder vielmehr das Werden der Flugmittel der Vögel oder über die Farben der Blumen sagt, die diese angelegt haben, um den Jnsecten den Weg zu den Nektarien zu zeigen und sie anzulocken, natürlich nicht um ihren Honig los zu werden, sondern um sich jener als Verbreiter des Pollens zu bedienen. Kann man bei diesem letzten Beispiel mit derselben Stirn den mechanisch-chemischen Proceß oder . eine bloße Entwickelung aus Bedürfniß annehmen, oder läge bei der Annahme jener Erklärung nicht geradezu ein Zweckgedanke, eine Absichtlichkeit offenbar? Es giebt Blumenarten, bei welchen sich am Fuße des Stengels ein schwülstiger Ring findet, über welchen die Ameisen nicht gelangen können. Auch hierfür bleibt die Erklärung nicht weg. Die flügellosen Ameisen sollen abgehalten werden, in den Kelch zu kommen und den Nektar zu schlürfen, da sie nicht geeignet sind, den Pollen dahin zu verbreiten, wo er befruchtend wirken kann. Wenn man dies aus der Entwickelung erklären will, wie es Marshall versucht, so hat man dem „Bedürfniß" eine so weite Einsicht zuzugestehen, wie sie dem scharfsinnigsten Erfinder kaum einwohnt, eine Gedankenweite, wie sie den Elementen doch nicht zuzuschreiben ist. Wozu dienen denn auch die Farben denjenigen Pflanzen, die zu ihrer Befruchtung keines Zwischenträgers bedürfen, wozu denen, deren Pollen durch den Wind fortgetragen wird? — In der Reihe der Morgenbenedictivnen in unserem Gebetbuche lautet die erste: „Gepriesen seist du, Ewiger, Welten-

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