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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-09-19 · Heft 38 (19.9.1889) · p. Seite 591

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 38 (19.9.1889)
Date
1889-09-19
Page
Seite 591 (sequence 3)
Language
German
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5 Öl Und in diesem Geiste lasset uns, theure Glaubensgenossen, diesen Festen entgegengehen und sie mit alter Liebe und Frömmigkeit feiern! Sie werden dann ihren Segen über uns und unsre Familien ausbreiten. Eine Betrachtung. Nach einem starken Regengüsse spazierte ich jüngst am Ufer eines schilfumwachsenen Teiches. Es wimmelte da von jener kleineren Thierwelt, welche ein heftiger Regen an die Oberfläche zu locken Pflegt. Eine kleine Eidechse machte, als sie mich mit ihren grünlich funkelnden Augen erblickte, schnell Kehrt und schlüpfte in ihre verborgene Zufluchtsstätte; ein Fröschlein, das munter gehüpft kam, blieb Plötzlich an seinem Platze und stellte sich todt; eine Ameise verließ ihren geraden Weg, wanderte um meinen stillstehenden Fuß herum und schlug dann wieder den geraden Weg zu ihrem Ziele ein; eine Fliege, die ich beinah zertreten hätte, fuhr rechtzeitig auf und in die Ferne; eine Schnecke zog sich schnell in ihr Gehäuse zurück, um ihre Weichtheile zu schützen. Diese Beobachtung der kleinen Wesen, wie sie sich, ein jedes auf seine Weise, vor der Gefahr, die ihnen durch den Riesen Mensch zu drohen schien, zu retten suchten, erweckte meine Aufmerksamkeit und hatte eine Gedankenreihe zur Folge, zu welcher ich bald zurückkehren werde. In der Lieferung der Revue des Deux Mondes vom 15. August veröffentlicht Ernst Renan eine Abhandlung: „Examen de conscience philosophique“. Eine curiose Abhandlung, welche abermals beweist, daß Renan als Kritiker, Denker und Dichter nicht über den Dilettantismus hinausgekommen. Er beginnt mit der Behauptung, daß es „die erste Pflicht des aufrichtigen Menschen sei, auf seine eigenen Meinungen keinen Einfluß zu üben und als bloßer Zuschauer den inneren Schlachten beizuwohnen, welche sich die Ideen im Grunde seines Bewußtseins liefern." Jedes eigene Gefühl, jede Phantasie soll sich von der logischen Entwickelung seines Denkens fern halten, und nur von Zeit zu Zeit dürfe er rasten, um sich die Resultate seines Denkens anzuschauen. Die Ausstellung dieser Forderung hat sich wohl Renan aufgedrängt, wenn er eine Rückschau hielt auf die vielfachen Wandelungen, welche seine Ansichten durchgemacht, da er vom bigotten Seminaristen bis zu dem Atheismus gelangte, welchen er in dieser Abhandlung offen bekennt. Er mußte sich sagen, daß gerade er auf seine jeweiligen Ansichten durch seine jeweilige Stimmung und Stellung, durch die Aufgaben, die er sich zur Zeit gestellt hatte, durch die Einwirkung seiner Gefühle und durch die Thätigkeit seiner lebhaften Phantasie gekommen, und so als Wahrheiten verkündete und mit all' seiner Beredtsamkeit ausschmückte, die er jetzt als Jrrthümer oder doch nur als halbe Wahrheiten ansieht. Das völlig abgelöste logische Denken, die vollständige Abstraction von sich selbst scheint ihm nun die Gewähr von Resultaten, welche der Wahrheit angehören. Da ist er jedoch ein schlechter Psychologe. Diese scharfe Trennung der Seelenkräfte ist zwar begriffsmäßig, existirt aber in der Wirklichkeit nicht. Wir vermögen nicht zu denken, nicht einmal zu rechnen ohne Mithilfe der Phantasie, und ebenso wenig können wir unsere früher erlangten Ansichten und unsere Gefühle vollständig vom Denken zurückbalten. Das Gefühl ist stets vorhanden und wirksam, wenn auch unbewußt. Wir vermögen ein bestimmtes Gefühl, z. B. Zorn, Rachedurst zu unterdrücken, nur jedoch, indem ein anderes Gefühl vorherrscht. Alles menschliche Denken geht von gewissen Voraussetzungen, von Vorstellungen aus, deren erster Boden die sinnlichen Eindrücke sind. Nun können wir wohl den logischen Jdeengang verfolgen, stets aber wird es von diesen Prämissen abhängen, inwieweit wir der Wahrheit näher kommen oder uns von ihr erst recht entfernen. Um irre zu gehe», braucht Jemand einen geraden Weg gar nicht zu verlassen; ist er von einem falschen Ausgangspunkte ausgegangen, so geräth er doch in die Irre. — Dies bewahrheitet sich auch an den E'folgen, welche Renan durch seine vermeintliche Entfernung alles subjectiven Einflusses, also aller seiner früher erlangten Resultate, erreicht hat. Er bekennt sich als Anhänger der gegenwärtig allzu verbreiteten Anschauung, daß im Universum alles nur durch „die Entwickelung auf mechanisch-chemischem Wege" geworden ist und wird, daß man nirgends auf Zweck und Absicht stoße; letztere finde man nur in der Menschenwelt, sie gehören also gar nicht in den Weltbau, der uns noch dazu ein Räthsel hinsichtlich des Unendlichen und Endlichen gebe — wobei sich Renan, ungetreu seiner Forderung, den sonderlichsten Phantasien überläßt. Nun, wir gestehen offen, daß uns an diesen wenig gelegen ist; aber jene Ansichten sind jetzt auch in Deutschland sehr verbreitet und in einen Theil der jüdischen Jugend allzuviel eingedrungen. Kehren wir an den Rand des Teiches zurück, zu der Bewegung, welche der Schritt unseres Fußes in der kleinen Thierwelt hervorbrachte. Glauben die Herren wirklich, auf mechanisch-chemischem Wege diese Bewegung erklären zu können? Daß die Eidechse ihren Weg abbrach und schleunigst zu ihrem Schlupfwinkel eilte, der Frosch sich todt stellte, die Fliege emporflog, die Schnecke in ihr Haus sich zurückzog, die Ameise um meinen Fuß herumwauderte, lag hier nicht die Vorstellung einer Gefahr zu Grunde, die sie voraussahen, und ferner die Erwägung der Mittel, durch welche sie sich retten konnten, oder bei der Ameise der Schwierigkeiten, die mein Fuß ihr bot, um den geraden Weg einzu- | halten? Mag man diese Vorgänge sich erklären wie man 38*

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