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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-09-19 · Heft 38 (19.9.1889) · p. Seite 590

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 38 (19.9.1889)
Date
1889-09-19
Page
Seite 590 (sequence 2)
Language
German
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590 empfangen, und sie sind uns für unser ganzes Leben zugetheilt. Sie vor den Angriffen und Einflüssen der Außenwelt zu schützen, sie hoch zu halten in unserem Innersten, ihnen die Kraft und Geltung in uns zu wahren und zu stärken, daß sie unsre Denkwelt leiten und unser Thun beherrschen, das ist die Aufgabe, die höchste, die uns gestellt ist, dies ist, was uns vor Allem glücklich oder unglücklich zu machen vermag, dies ist das Geheimniß der edlen Seele . . . Gewiß das Menschenthum kann im Ganzen und im Einzelnen durch die Verengerung des geistigen Sehfeldes und durch das Vorwiegen der Hab- und Genußsucht sehr gleichgiltig werden; aus dem Vaterlande können wir^ durch Mißgeschick, Enttäuschungen und Härten hinausgeschleudert werden bis in weite Fernen, bis über Oceane hinweg; in die Familie kann Streit und Hader eindringen, die geheiligten Bande zerreißen und bis zur Erbitterung und Haß führen; aber auch der Religion vermögen wir entfremdet zu werden durch Zweifel, überwuchernde Verstandescultur und durch das Bordrängen der materiellen und äußeren Interessen. Gerade deshalb hat die Religion weislich in ihrem Heiligthume mehrfache Heilsstätten, gewissermaßen Altäre aufgerichtet, damit, wenn ihr Bekenner vor dem einem gleichgiltig vorübergeht, ein tiefer wurzelndes Gefühl, ein sich ihm dennoch aufdrängendes Bedürfniß ihn zu einem anderen heranziehe, wo er verweile, in sich einkehre und Gedanken religiöser und sittlicher Natur in sich wieder aufleben lasse. Und diesem Zwecke, diesem segensreichen Einflüsse dienen insonders die hohen Festtage des Rosch Haschanah und des Jom Kippur, denen wir uns abermals nahen. Während die anderen Feste des Jahres sich auf geschichtliche Ereignisse und die Wohlthaten der Natur stützen, befassen diese beiden Feste in ihrer engen Zusammengehörigkeit rein menschliche Motive, denen Niemand abstirbt, die für Alle zugänglich sind. Die Vergänglichkeit des Erdenlebens, der Wandel des Geschickes, dem Jedermann ausgesetzt ist und den Niemand voraussehen kann, das Bewußtsein der Schuldhaftigkeit, wenn auch diese nicht immer in bestimmten Thatsachen erkennend, das Verlangen nach Besserung, Läuterung, nach Vergebung der Schuld, nach Versöhnung und innigem Zusammenhänge mit unsrem Gotte, dies sind allgemein menschliche Empfindungen, welche religiöses und sittliches Bedürfnis immer wieder in uns wecken. Von ihnen kann sich Niemand ausschließen, und wenn dennoch das gewöhnliche Leben, das Gleichmaß oder der Sturm der Tage sie in uns verwischen oder übertönen, so ist es die Aufgabe und das Werk der Religion, diese Gedanken und Empfindungen in uns nicht gänzlich verlöschen zu lassen, sondern sie mit mächtigem Zuruf aus den Tiefen unsrer Seele heraufzuholen, in welchen sie schlummern und ihr Feuer mit Asche bedecken. Dazu sind jene Feste eingesetzt und eine uralte Tradition hat sie von Geschlecht zu Geschlecht erneuert, in ihrer Weihe erhalten und durch ihre Wirkung immer mehr geheiligt. Mögest du nicht sagen: sind denn die Menschen dadurch besser geworden, überlassen sie sich nicht, auch wenn sie diese Feste begangen, wieder ihren Leidenschaften und engherzigen Triebfedern? Wer befähigt dich denn, in die Herzen der Menschen zu schauen und sie zu beurtheilen? Der Wind, der durch den Garten weht oder über die Wiesen und Fluren, er trägt, ohne daß du es gewahrst, mannigfachen Samen mit sich und streut ihn aus über Gärten und Felder, und wo dieser Samen irgend auf fruchtbaren Boden fällt, da keimt er und sprießt und die Folgezeit hat die Früchte zu genießen. So verhält es sich mit allem geistigen Samen, der in die Seelen der Menschen ausgestreut wird. Wie Viele durch die Weihe dieser Feste von jeher und noch gegenwärtig und zukünftig aus ihrem religiösen und sittlichen Schlafe geweckt werden; in wie Vielen durch ihre Verkündigungen das Bewußtsein dessen, was wahr, edel und recht ist, wiederersteht, neues Licht und neue Wärme gewinnt, und wie dies Alles auch für das weitere Leben eine Nachwirkung hat — wer will es bemessen, wer kann es leugnen? Ja, schon dadurch, daß diese Feste in zahllosen Bekennern die Erinnerung an die Schwächen des Menschen und an die eigenen, an die Heilsmittel der Religion, an Pflicht und Recht immer wieder Hervorrufen, hält sie ab, tiefer zu sinken und auf der Bahn des Unrechts und der Sünde weiter zu schreiten. Fürwahr, halte dich nicht für zu klug und einsichtsvoll, um dir dies Alles selbst sagen zu können, denn wenn du nicht gemahnt wirst, sagst du es dir nicht. Erachte dich nicht für zu tugendhaft und gerecht, um dich nicht an geweihten Festen vor Gott, vor Wahrheit und Rechtfertigung beugen zu müssen, um dich um so höher aufrichten zu können! — Es ist ein sinnreicher Midrasch, der aussagte, daß das Heiligthum auf Erden (hüd Lw BHpc) dem himmlischen Heiligthume (r&yo bw 'po) gleiche. Derselbe will ausdrücken, daß was bei Gott heilig, wahr und recht ist im allervollkommensten Maße, auch für den Menschen heilig, wahr und recht ist. Er wollte ferner besagen, daß, obschon ein Heiligthum auf Erden, von Menschenhand aufgeführt, nach irdischen Maßen begrenzt ist, als Heimstätte der Anbetung und Verehrung Gottes, als der Heiligung, der Erkenntniß der Wahrheit und der Förderung des Rechtes geweiht und geheiligt ist, in unmittelbarem Zusammenhänge mit dem Göttlichen, eine Vermittelung des Göttlichen und Menschlichen bietet. Aber vor Allem lehrt uns dieser Midrasch, daß wenn du in deinem Herzen ein Heiligthum für die Anbetung deines Gottes, für die Liebe und den Frieden, für alles Reine und Edle errichtet hast und es dir bewahrest vor dem Eindringen alles Fremden, alles Eitlen und Verderblichen — dann hast du ein Stück Himmel in deine Seele getragen, dem Göttlichen in dir den Sieg oder doch wenigstens eine feste Grundlage bereitet.

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