Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1889)
- Date
- 1889-09-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein mdatteiisches Organ ffit alles jiidischc Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierleljährl. S M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband S,S0 M. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Honn. Krpedition: Leipzig, Kospitakstraße 2. In redaktionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 19. September 1889. Nr. 38. luKsU. Leitende Artikel: Das Heiligthum. — Eine Betrachtung. — Aus dem Midrasch. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Leipzig. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Frankreich: Paris. — Großbritannien: London. — Persien: Pest. — Bonn: Notizen. — Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Neuhebräische Gedichte. — Vermischtes. — Nachtrag: Stockholm. — Berichtigung. Bonn, 15. September. Das Heiligthum. Zu den hohen Festen. Was ist das Geheimniß der edlen Seele, das Geheimniß, eine solche zu erwerben, zu besitzen und zu bewahren? . .. Mag immerhin auch für die edle Bildung unsrer Seele mehr oder weniger eine gewisse Anlage mit in das Leben gebracht werden, viel stärker ist im Kinde schon der Egoismus herrschend, daß das Kind Alles zu eigen haben will, was sein Blick erreicht und was seine Hand ergreifen kann. Wie aus der einfachen Heckenrose durch die Cultur der prachtvolle Rosenflor bis zur formen- und farbenreichen Centifolie gezogen worden: so muß die Anlage zu Edelmuth und Hochsinn in der Seele des jungen Menschen gepflegt und gebildet werden, um auf immer in seinem Herzen Platz zu greifen. Aber den Besitz machen nicht wenige Factoren allzeit streitig. Das weltliche Streben und Schaffen, die erwachenden und wachsenden Triebe und Leidenschaften, die nach Außen treibenden vielfachen Interessen schwächen und untergraben den Besitz an Hochherzigkeit und Edelmuth und wandeln die menschliche Seele in diesen Beziehungen oft ganz um. Diesem Geschick vermag der Mensch nur zu entgehen und das Edle, Schöne und Wahre, das er sich erworben, in dessen Besitz er sich fühlt, auch in sich zu schützen und weiter zu bilden, wenn er in den Tiefen seiner Seele sich ein Heiligthum erbaut hat, in dasselbe oft Einkehr hält und es vor den Angriffen von Außen mit fester Hand schützt. Dazu hat uns die göttliche Vorsehung die Mittel geboten. In dem Heiligthum, das vordem auf der Höhe von Morija stand, gab es mehrere Heiligthümer: den Opferaltar, den Räucheraltar, den Schaubrodtisch, den siebenarmigen Leuchter mit dem ewigen Lichte, die h. Bundeslade mit den Tafeln der Zehn Worte im Innern, mit der Sühnplatte und den Cherubim obenauf. So bestehen auch im Menschenherzen als einem umwölbenden Heiligthume der heiligen Stätten mehrere. Das Heiligthuin des Menschenthums, in welchem wir die Lehre unsrer Religion von der Einheit des Menschengeschlechtes niemals vergessen dürfen, in welchem wir die Hebung und Veredlung der Menschheit als deren höchste Aufgabe zu betrachten haben, und in dem wir mit Wort und That bei jedem Leid des Nächsten hilfreich sein sollen, auch mit Aufopferung unsrer selbst. Dann das Heiligthum des Vaterlandes, der Heimath, wo unsre Wiege stand und wo die Gräber unsrer Väter sich befinden, dessen Sprache die Vermittlerin und Bildnerin unsres Geistes wurde, dessen Genius unsre Seele durchdrungen und gestaltet hat. Dann das Heiligthum der Familie, das geheiligte Band zwischen Eltern und Kindern, zwischen Gatte und Gattin, zwischen Bruder und Schwester. Vor Allem aber das Heiligthum der Religion, wenn wir von ihren erhabenen Lehren und Vorschriften unsren Geist, von ihren ergreifenden Motiven unser Herz, von ihren hehren Bildern unsre Phantasie haben durchdringen und erfüllen lassen. Alle diese Heilsstätten und Heilsschätze hat uns die Vorsehung schon mit unsrer Geburt dargeboten; wir haben sie aus ihrer Hand L8