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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-09-12 · Heft 37 (12.9.1889) · p. Seite 582

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 37 (12.9.1889)
Date
1889-09-12
Page
Seite 582 (sequence 10)
Language
German
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582 mehrten, die er als origineller und sehr productiver Schriftsteller fand, schlug ihn vor etwa 3 Jahren die Wiener Facultät mit Stimmeneinhelligkeit für die verwaiste ordentliche Lehrkanzel des öffentlichen Rechts dem Ministerium vor. Seine Ernennung zum Ordinarius verzögerte sich jedoch andauernd, und Jellinek begann sich mit den ihm eröffneten Aussichten auf eine Berufung ins Ausland näher zu befassen. Immer wieder ließ er sich jedoch von den mittelbaren und unmittelbaren Versprechungen des Unterrichtsministers von Gautsch, der ihn bald aus der prekären Lage eines Extraordinariums zu befreien zusagte, dazu bestimmen, seine Kraft dem Vaterlande weiter zu widmen. Als nun der Katholikentag die ihre Spitze gegen Jellinek kehrende Forderung formulirte, die Völkerrechtskanzeln müßten in Anbetracht der völkerrechtlichen Stellung des Papstes ausschließlich mit Katholiken besetzt werden, beruhigte der Minister die jetzt um Jellinek's Stellung ernstlich besorgten Collegen und Anhänger desselben mit der abermaligen Zusicherung, dem Facultätsvorschlage gemäß Jellinek demnächst zu ernennen. Mittlerweile waren zwei Lehrkanzeln des Strafrechts neu zu besetzen und der Minister hielt diese Gelegenheit für günstig, dem als Criminalisten zwar sehr verdienstvollen Innsbrucker Professor Lammasch die Wiener Professur nicht nur des Straf-, sondern auch des Völkerrechts zu verleihen. Durch diese ganz ungewöhnliche und dem Bedachten sogar unwillkommene Cumulirung zweier so heterogener Fächer wurde Jellinek's Lehramt in Bezug auf das von ihm glänzend vertretene Völkerrecht nahezu auf die Einflußlosigkeit der venia legendi eines Privatdocenten herabgedrückt. Jellinek suchte um seine Enthebung an und der Minister hat ihm dieselbe bereitwilligst gewährt, ohne auch nur einen Versuch zu machen, diesen hervorragenden Gelehrten für Oesterreich zu erhalten. Soweit scheint unsere Regierung dem ultramontanen Projecte, in Salzburg eine katholische Universität zu errichten, denn doch ernstlich eutgegenwirken zu wollen und zwar auf die Art, daß sie die Wiener Universität zu einer katholischen umzugestalten sich anschickt. Aus Ungarn, 3. Sept. (Privatmitth.) In Raab fand in diesen Tagen auf Anregung derHerren vr. Fischer-Raab,Emanuel Löw-Szegedinund Eduard Reumann-Gr.Kanißa eineRabbinerversammlung statt. Zehn Rabbiner waren gegenwärtig. Man einigte sich über die Einberufung einerLandesrabbiner-Versammlung und die bez. Vorbereitungen. Hierbei sollte auch auf die orthodoxen Kreise Rücksicht genommen werden, um auch diese zu gewinnen. Zweck der Versammlung sollte die Wiederherstellung der Einheit und die Anbahnung einer autonomen einheitlichen Organisation der gesammten Synagoge Ungarns sein. Allerdings scheint uns dieses Ziel schwer erreichbar, noch dazu bei der soeben seitens der orthodoxen Rabbiner kundgegebenen Tendenz einer noch schärferen und schrofferen Trennung. Man vergesse nicht, daß die orthodoxen Rabbiner für ihre eigene Stellung und Autorität kämpfen. Jndeß würde schon die Bethätigung einer solchen Bestrebung auf Wiederherstellung der Einheit einen guten, nützlichen Eindruck machen. — Ferner berieth man über den Religionsunterricht und bezeichnete man als Mittelpunkt des gesammten Unterrichtes auf sämmtlichen Stufen die Bibel: Endlich wurde die Herausgabe einer ungarischen Agenda für Casualien beschlossen. — Bor ungefähr drei Jahren beschlossen die Redactoren der ungarisch-jüdischen Revue die Herausgabe einer ungarischen Bibelübersetzung unter Mitwirkung einer größeren Anzahl Gelehrten. Allein es geschah in dieser wichtigen Angelegenheit gar nichts. Neuerdings nun haben fünf Rabbinen, vr. Eduard Neumann an der Spitze, beschlossen, die ungarische Uebersetzung der ganzen Bibel zu veranstalten. Marl sieht, an Projecten ist kein Mangel — möge die Ausführung eine glückliche sein! Belgien. Antwerpen, 3. September. (Privatmitth.) In Nr. 33 haben wir über das Project, eine neue Synagoge hier zu bauen, berichtet. Es kommt uns nun eine Nr. von „Ret Handelsblad van Antwerpen“ zu, in welcher gegen die Israeliten Antwerpens wegen des Synagogenbaues eine heftige Anklage erhoben wird. Es wird darin behauptet, daß gegenwärtig an 3000 Juden in Antwerpen leben, Banquiers, Fabrikanten, Juwelenhändler u. s. w., worunter einige Millionäre seien. Demungeachtet hätten sie eine Synagoge im unwürdigsten Zustande und in der unpassendsten Umgebung. Sie befände sich in einem erbärmlichen Zustande, besonders die Gallerte für die Frauen, die mehr einer Hühnersteige gleiche und zu welcher die wenigen Frauen, welche an den hohen Festtagen die Synagoge besuchen, nur mit der Gefahr, den Hals zu brechen, gelangen könnten. Der Artikel vergleicht in dieser Beziehung die Juden Antwerpens mit der kleinsten polnischen Gemeinde, welche mit der größten Opferwilligkeit ihre Cultusanstalten herrichtet. Hier hätten 3000 Juden keine Synagoge, keine Schule, keinen Rabbiner u. s. w.! Eine vor Kurzem zu obigem Zwecke berufene Gemeindeversammlung wäre wenig besucht gewesen. Man bemerkte, daß der Vorstand der Gemeinde schon vor acht Jahren ein Grundstück zu einer Synagoge gekauft habe, seitdem die Zinsen bezahle, aber den Platz nicht benütze, weil er ebenfalls unpassend gelegen sei. Besonders hat sich Herr Julius Heß der Sache angenommen und als Vorsitzender jener Versammlung eine eindringliche Rede gehalten. Man einigte sich zur Wahl eines Comitös, welches nun ein Cirkulär verbreitet, das von sehr ehrenwerthen Männern unterzeichnet ist. So hofft man, daß die Angelegenheit nun dennoch in angemessener Weise erledigt werde.

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