Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1889)
- Date
- 1889-09-12
- Page
- Seite 580 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227809--46491-3266058- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
580 isral. Mädchen (seit 1886) in Homburg v. d. Höhe aufmerksam. Einigkeit macht stark und vermag deshalb in kleO neu Kreisen eine segensreiche Wirksamkeit zu entfalten. Berlin, 4. Sept. Der Vorstand der Baruch Auerbach'sehen Waisen-Erziehungs-Anstalten ersucht uns um Aufnahme folgenden Berichtes: „Die Baruch Auerbach'schen Waisen-Erziehungs-Anstalten haben ihren 56. Jahresbericht ausgegeben. Das durch den Heimgang Kaiser Friedrichs erledigte Protectorat über die Knabenanstalt hat in dem menschenfreundlichen Sinne des Verewigten die Kaiserin Friedrich neben dem schon seit langen Jahren dem Mädchen-Waisenhause gewährten Protectorat huldvollst übernommen. Bon der wohlwollenden Theilnahme weiter Kreise kegleitet, haben die Anstalten sich auch in dem abgelaufenen Jahre gedeihlich weiter entwickelt. In denselben wurden 50 Knaben und 26 Mädchen erzogen, von denen die ersteren größtentheils, die letzteren fast ausschließlich den Unterricht in höheren Schulen genossen. Besondere Erwähnung verdient aus dem Erziehungs- Bericht die seit 1885 alljährlich eingerichtete Feriencolonie, in welcher die meisten Zöglinge die Ferien verleben, sowie die Einführung des Handfertigkeits-Unterrichts für einen Theil der Knaben. Die aus der Knabenanstalt entlassenen Zöglinge sind bis auf einen, welcher Zahntechniker geworden ist, in angesehene hiesige Geschäftshäuser als Lehrlinge eingetreten. Bon den Zöglingen des Mädchen-Waisenhauses ist eine als Lehrerin für höhere Töchterschulen, eine als Kindergärtnerin, zwei als Buchhalterinnen und eine in der Wirthschastsführung ausgebildet ins Leben getreten. Entsprechend der Bestimmung der Anstalten als eines Elternhauses für Waisen wird für die entlassenen, wie überhaupt für die ehemaligen Zöglinge in reichstem Maße Sorge getragen. Die zu Gunsten der Zöglinge vorhandenen Stiftungseapitalien betragen 239,019.81 M.; unantastbares Vermögen besitzen die Anstalten 717,316.38 M. bezw. 360,284.97 M. Die nach Titeln aufgeführten Ausgaben für den gesammten Bedarf der Anstalten betrugen 48,899.63 M. bezw. 25,892.22 M., die Kosten der Verpflegung 10,556.53 M. bezw. 5334.45 M. Den Vorstand bilden neben dem Tireetor Dr. Strelitz die Herren Louis Liebermann, Commerzienrath Jacob Israel, Berthold Marckwald, Louis Gradenwitz, Commerzienrath E. Lohnstein und Commerzienrath Anton Wolfs. Berlin, 2. September. (Privatmitth.) Nach den neuesten statistischen Erhebungen bat die evangelische und die jüdische Schülerzahl in der Volksschule sich vermindert, während die katholische gestiegen ist. Dahingegen ist die katholische Schülerzahl in den Mittelschulen und höheren Lehranstalten eine verhältnißmäßig sehr geringe, während die evangelische und noch viel mehr die jüdische Jugend in diesen bedeutend ist. Die Zahlen übergehen wir hier, da sie den so oft angegebenen ziemlich gleich sind. Jedenfalls bewährt es sich immer von Neuem, daß der Bildungstrieb in der jüdischen Jugend ein hoher und anerkennenswerther ist. Breslau, 28. August. Man schreibt von hier: Ein Kapital von 120 000 Mk. ist dem Oberbürgermeister Friedensburg dieser Tage von einem hiesigen Bürger übergeben worden, dessen Name erst nach seinem Tode bekannt werden sollte. Die Zinsen dieser in 3^/2 proc. schlesischen Pfandbriefen bestehen Stiftung sollen „arme Personen, vorzugsweise des Arbeiter-, Handwerker- und Kleingewerbestandes, ohne Unterschied des Glaubens, die seit mindestens 10 Jahren in Breslau wohnhaft sind und keine regelmäßigen Unterstützungen aus den Mitteln der öffentlichen Armenpflege empfangen, in Nothlagen unterstützen, damit sie wieder fähig werden können, sich selbst durch redliche Arbeit zu ernähren, insofern sie nicht Alter oder Krankheit daran verhindern." Die Beihilfen sollen nicht unter 30 Mk. und nicht über 200 Mk. betragen. Nach dem Tode des Stifters, der sich die Vertheilung der Zinsen bei seinen Lebzeiten vorbehält, wird ein Kuratorium von 5 Männern, von denen mindestens 2 jüdischen Glaubens sein müssen — aus diesen und anderen Umständen darf gefolgert werden, daß der Wohlthäier ein jüdischer Mitbürger ist — über die Vertheilung der Unterstützung entscheiden. Bochum, 1. September. (Privatmitth.) Daß in den jüngsten Tagen hier eine sehr zahlreiche Katholikenversammlung abgehalten worden, ist durch die Zeitungen bekannt. Anzuerkennen ist, daß, wenn man diese mit dem letzten Katholikentage in Wien vergleicht, eine viel größere Besonnenheit, Ruhe und Duldsamkeit bei allem Festhalten an denselben Forderungen in der hiesigen Versammlung geherrscht haben. Die Redner bestrebten sich mit Entschiedenheit in den Grundsätzen und Ansprüchen Liebe zum Frieden und Achtung vor Andersgläubigen zu verbinden. In der zweiten öffentlichen Versammlung war der Abgeordnete Rechtsanwalt Julius Bachem der Hauptredner und er ergriff das Wort über „die Parität im deutschen Reiche." Wir machen auf diese Rede aufmerksam, weil Alles, was sie aussprach, in noch größerem Maße auf die Stellung der Juden im deutschen Reiche paßt. Die Herren verstehen unter „Parität" nur die Gleichstellung der evangelischen imb katholischen Kirche und ihrer Bekenner. Von solcher Parität weiß aber die preußische Staaisverfassung und das deutsche Reichsgesetz nichts. Sie besagen: alle Preußen, resp. Deutsche sind vor dem Gesetze gleich. Beide im deutschen Reiche verfassungsmäßig gültigen Gesetze kennen also nur die Gleichberechtigung^ aller Staatsangehörigen, und nicht blos der Bekenner der katholischen und evangelischen Kirche. Bei Herrn Bachem ist dies besonders zu bemerken, da er einst im Reichstage eine sehr judengehässige Rede gehalten. Wollen diese Herren nun einmal die Juden ausschließen und sich an die Confessionen halten, so können sie sich nicht wundern, wenn wiederum die eine Con-