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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-09-12 · Heft 37 (12.9.1889) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 37 (12.9.1889)
Date
1889-09-12
Page
Seite 575 (sequence 3)
Language
German
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575 und zu blutigem Bürgerkriege führte. Das war kurz vor und zur Zeit, als die Römer ihre Legionen gegen Jerusalem führten, ja noch als jene dieses mit wachsenden Erfolgen bestürmten, also vor und mitten im Falle der heiligen Stadt und des Tempels. Aber so wenig wie die Zeloten jener unseligen Zeit sich des Unheils bewußt waren, welches sie der gemeinsamen Mutter zufügten, und wie sie ihr selbst den Dolch in die Brust stießen: so wenig bedenken diese beschränkten Männer, welchen Schaden sie dem Judenthume bereiten. Wir unsrerseits können nur ihr trauriges Beginnen und ihre falschen Behauptungen zurückweisen und auf die trübseligen Zustände innerhalb der von ihnen beherrschten Kreise Hinweisen. Wir können wohl der Zeit vertrauen, daß sie auch diese Auswüchse überwinden werde. Einstweilen prolestirt das gesammte Judenthum gegen diesen Versuch principieller Spaltung! Utopieen der römisch-klerikalen Partei. Der Streit zwischen der geistlichen und weltlichen Gewalt ist uralt, so alt, wie es Priester gab. Was an derartigen Kämpfen in der vorgeschichtlichen Zeit in Egypten und Indien geschah, ist uns verborge». Je mehr die königliche Macht durch Ansammlung eines starken Heeres wuchs und je mehr dieselbe an göttlichem Ansehen für sich gewann, desto mehr wich die priesterliche Gewalt, welche das ganze Leben des Volkes beherrschte, in die zweite Linie zurück. Aber es ist vorauszusetzen, daß eine solche Ordnung der Dinge, wie sie in den beiden genannten alten Ländern vorhanden war, nicht ohne vorangegangene Kämpfe, ohne daß Herrscher und Priester ihre Kräfte mit einander gemessen, eintrat. Bemerkenswerth ist, daß die mosaische Verfassung beide Gewalten als neben einander bestehend ansah, indem sie entweder einen „Oberrichter" oder einen „Hohenpriester" jeweilig an der Spitze des Volkes dachte, es also der weiteren Entwickelung überließ, wie sich die Dinge gestalten würden. Doch beschränkte sie von vornherein den priesterlichen Einfluß durch das Verbot des Grundbesitzes für die Priester, was in einem lediglich ackerbauenden Volke von großer Bedeutung war und die Priesterschast von den Gaben des Volkes abhängig machte, durch das strenge Verbot des Todtencultus, durch den nachdrücklichen Hinweis auf die Vergeltung im Erdenleben und den Mangel des Hinweises auf die Vergeltung im Jenseits. Denn die beiden letzteren Momente waren es, welche in allen Zeiten die Herrschaft der Priester über das Volk begründeten und festigten. Hierzu kam die Spaltung des Volkes zwischen der monotheistischen Lehre und dem Heidenthume, so daß die Priesterschaft der einen Partei in der anderen der Feindschaft begegnete. So erfahren wir denn aus der Geschichte des alten Israel nur selten von Reibungen zwischen der weltlichen und geistlichen Macht. Eine solche fand zwischen Samuel und Saul statt, verschwindet jedoch mit der Erstarkung der königlichen Gewalt durch David. Einmal kam es jedoch vor, daß die Priesterschaft den legitimen König (Joas) vertheidigte und einsetzte, die llsurpatorin aber (Athalie) beseitigte. Die hasmonäischen Könige vereinigten die königliche und die hohepriesterliche Würde, was jedoch bald zum Bürgerkriege führte, der die Fremdherrschaft hereinbrachte. — Zu einem Weltstreite konnte der Kampf der geistlichen und der weltlichen Gewalt erst werden, als sich eine Religion über viele Länder ausdehnte. Im Islam nun trat ein solcher nicht ein, weil in demselben im Kalifen und dann im Sultan die höchste weltliche und geistliche Würde sich vereinigte und das ganze geistige Leben in den Islam und den Koran aufging, die Herrschaft des letzteren also eine völlig unbestrittene wurde, welcher sich Herrscher und Volk gleichmäßig unterwarfen. Aber in der christlichen Welt begann das Ringen um die höchste Autorität mit dem Augenblicke, wo der römische Bischof die Suprematie über die ganze Christenheit zu beanspruchen begann und vermittelst der weltlichen Macht errang. Von da ab erhob die römische Curie den Anspruch, daß die weltliche Gewalt sich ihr unterordne und überhaupt die gesammte Menschheit ihr Eigenthum sei. Allerdings entzog sich ihr der bei Weitem größte Theil des Menschengeschlechtes, wie schon die ganze griechisch-orthodoxe Kirche, und noch jetzt stehen etwa 200 Millionen Katholiken den ca. 1500 Millionen Menschen in dieser Hinsicht gegenüber. Die weltliche Macht bestritt zu aller Zeit diese Forderung der Unterwerfung unter den Willen und die Befehle des Papstthums, und es entstanden hieraus die furchtbarsten Kämpfe und blutigsten Kriege, von denen die Geschichte des Mittelalters voll ist. Denn diejenigen Parteien, welche jeweilig dem Herrscher feindlich gegenübertraten, warfen sich auf die Seite der Päpste; gegen diese strengten die Herrscher ihre ganze Macht an und nicht selten unterlagen die Päpste. Lange Zeit konnten diese nicht einmal in Rom residiren, und selbst der gewaltige Gregor VII., der den deutschen Kaiser vor den Thoren Canossa's baarfuß büßen ließ, mußte aus Rom entweichen und unter dem Schutze normännischer Fürsten sterben. Gab es doch auch fanatisch katholische Könige, wie Philipp II. von Spanien, welche dem Papste andauernd trotzten und Widerstand leisteten. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts, namentlich in dem Zeitalter Ludwig XIV. kam der politische Einfluß des Papstthums, welchem die Reformation eine unheilbare Wunde beigebracht, immer mehr in Verfall. Ties hinderte jedoch die römische Curie nicht, ihre Ansprüche auf die Herrschaft der Welt theoretisch aufrecht zu erhalten, und brachte sie dieselben in zahllosen Allocutionen und Bullen immer wieder 37* *

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