Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1889)
- Date
- 1889-09-05
- Page
- Seite 567 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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567 auch durch ausführliche Mittbeilungen der vorliegenden Schrift für unsere Leser das Interesse nicht abschwächen. Spannende Gerichtsverhandlungen und Erörterungen thatsächlicher Vorkommnisse Pflegen die Theilnahme der Leser in einem hohen Grade anzusprechen und diese wird den hier gegebenen Mittheilungen nicht fehlen, da sie überall auf voller Wahrheit beruhen. — Man schreibt uns aus Berlin, 27. Aug. Der langgehegte Wunsch nach Popularisirung der jüdischen Geschichte und Literatur scheint in Folge eines soeben begonnenen Unternehmens einer hiesigen Verlagsbuchhandlung seiner Erfüllung entgegenzugehen. Der Verlag von H. Engel Hierselbst veröffentlicht nämlich, wie wir hören, von Mitte September ab unter dem Titel „Mendelssohnbibliothek" eine Reihe einzeln käuflicher Schriften, welche die Kenntniß der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart in populärer Form der Laienwelt erschließen sollen. Namhafte Autoren sind an der Mitarbeiterschaft der Bibliothek betheiligt. Erzählungen aus dem jüdischen Volks« und Familienleben wechseln ab theils mit Darstellungen aus der jüdischen Geschichte und Literatur, theils mit Belehrungen über unsere heilige Religion. Bei der Gediegenheit der Schriften, bei dem geringen Preise von 25 Pfg. für den Band und bei den Massenauflagen, in denen die Schriften hergestellt werden, ist zu hoffen, daß die Mendelssohnbibliothek einen heilsamen Einfluß ausüben werde. Ein Prospekt soll in den nächsten Tagen im Rahmen eines israelitischen Volkskalenders in den meisten isr. Gemeinden des In- und Auslandes gratis vertheilt werden. Mögen die Hoffnungen in Erfüllung gehen, die die Verleger und Autoren auf das junge Unternehmen setzen. Wird nur ein geringer Theil der Unwissenheit und Gleichgültigkeit beseitigt, denen man so oft in jüdischen Kreisen begegnet, so ist auch schon die Mendelssohnbibliothek der Unterstützung und Förderung seitens aller Edlen werth! 8t. Jeuil Ltu-entrrlthum vor 46 Äahren. Das war ein frohes, frisches Leben im alten Halle an der kühlen Saale zu Anfang der vierziger Jahre. Unter den 30.000 Einwohnern der damaligen Stadt spielten die 700 — 800 Studenten eine nicht unwichtige Rolle. Waren auch die einzigen damals existirenden Studentenverbindungen, die Corps, nur tolerirt, weil in den dreißiger Jahren der Burschenschaft wegen alle und jede Farben tragende Verbindungen mit aufgelöst waren, da ja in dem scheinbar harmlosen Vereine staatsgefährliche Tendenzen gepflegt werden könnten, so machte sich doch schon insoweit eine freiere Auffassung „höheren Orts" geltend, als die „tolerirten" Corps bei öffentlich prangender Vertretung des Studentenlebens, z. B. dem alljährlichen Fackelzuge bei der Proreetor-Wahl, die sonst geheim gehaltenen drei Verbindungsfarben in den breiten Schärpen der „Churgirteu" zeigen durften. Diese Repräsentanten der Studentenschaft wurden, während der Fackelzug vor des Proreetors Hause anhielt, demselben vorgestellt und von ihm mit Champagner bewirthet. War dann der festliche Tag vorbei und hatten die prächtigen Corpsfarben der seidenen Schärpen die Feierlichkeit des „Landesvaters" bei dem Commers nach dem Fackelzug verschönen helfen, so wandelten die Paradeschläger ins Versteck und das dreifarbige Corpsband verschwand unter der Weste, die am wöchentlichen Kneipabend so weit sich öffnete, das theure Bundeszeichen vor den Augen der Brüder erl e t o n. scheinen zu lassen. Beim etwaigen Eintritt von Pedellen, welche von Zeit zu Zeit die Corpskneipen zu besuchen angewiesen waren, verschwand das Band unter der geschlossenen Weste. Die Corpsmützen wurden ohnehin wegen der damit verbundenen Gefahr innerhalb der Stadt nicht offen, sondern unter der Hülle eines leichten seidenen Ueberzuges getragen, der, wenn man in der „Exkneipe" auf einem der umliegenden Dörfer saß, oder von der Höhe des Petersberges bei einer „Spritzfahrt" auf das alte Rauchnest Halle herabblickte, verschwand, um die alten theuren Farben wieder einmal in frischer Luft erglänzen zu lassen. Mit dem Jahre 1848 wurde es anders und Corps wie Burschen- und Landsmannschaften trugen und tragen nun frei ihre Zeichen in allen Farben des Regenbogens. Da das Corpsleben so scharf von „oben" beobachtet und in die engsten Schranken gebannt wurde, so lägt sich denkeu, daß der hochweise academische Senat auch ein Hauptaugenmerk auf die Duelle richtete. — Die wenigen Thore der damaligen Stadt, der Mahl- und Schlachtsteuer wegen mit Steuerwachen besetzt und des Nachts geschlossen, boten den Pedellen willkommenen Ausblick, wenn etwa zu ungewohnter Morgenstunde Studenten in größerer Anzahl die Stadt verließen. Dann folgte die Spürnase auf wohlbekannten Schleichwegen in der Sülle und überraschte nicht selten die Paukanten auf der Mensur. — Es gehörte von studentischer Seite viel Vorsicht und Geschick, nächtlicher Transport der Waffen durch die willigen 36*