Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1889)
- Date
- 1889-09-05
- Page
- Seite 566 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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566 anwohnte. Die Schnüre des Leichentuches wurden von Vertretern des königlichen Hauses, der Präfektur, der Muni' cipalität, der Akademie der schönen Künste und der Bibliothek getragen. König Humbert beehrte die Wittwe mit einem Trostschreiben voller Anerkennung des Patriotismus und der Verdienste des Verstorbenen. Außer den Reden am Grabe widmete der Bürgermeister von Mailand im Schooße des Stadtrathes dem Dahingeschiedenen Worte des Lobes und des Dankes. — Man schreibt uns aus Bolleso (Ungarn): Am 13. l. M. wurde der Bez.-Rabbiner N. H. Blumgrund in Bolleso zur ewigen Ruhe bestattet. Die besonders zahlreiche Betheiligung seitens aller Schichten der Bevölkerung zeugte von der allseitigen Beliebtheit, deren sich der Verblichene ersreute. Es betheiligten sich außer der vollzähligen Cultusgemeinde die Deputationen der Gemeinden Trenesen, Jllava, Pucho, Vag-Bistriez, Silleiu, Nagy-Bittsche, Luky, Väg-Neustadtl und die Rabbiner des Comitats. An der Bahre sprach zuerst der Sohn des Verewigten, der Rabbinatskaudidat Bernhard Blumgrund, einige Abschiedsworte Namens der trauernden Familie. In der Synagoge, wo die Notabilitäten unter Führung des Herrn Landtagsabgeordneten Georg von Kubingi erschienen waren, hielten die Herren Rabbiner dem dahingeschiedenen Collegen ergreifende Trauerreden, in denen sie dessen Tugenden, Talente und Verdienste gebührend würdigten. Nach Beendigung derselben setzte sich der imposante Leichenzug, dem die Schuljugend Manuskripte des Verewigten voran trug, in Bewegung. Mit Rabbiner Blumgrund scheidet aus dem Kreise der komitatlichen Rabbiner, der sich in den letzten Jahren so arg lichtete, einer der Edelsten, Tüchtigsten und Ver dienstvollsten. Dr. Kru n. Bonn, 27. August. (Literarische Notizen.) Der Buchhändler und Antiquar, Herr H. Jacobson in Breslau, t'heilt uns mit, daß in seinem Verlage nächster Zeit ein „Führer durch die deutsch-israelitische, unterhaltende, ge schichtliche, belehrende und Jugendschrifts-Literatur vom Beginne des 18. Jahrhunderts bis heute" erscheinen wird, und zwar als ein Hilstbuch für alle Diejenigen, welche eine jüdische Gemeinde-, Volks-, Vereins- oder Jugendbibliothek begründen oder vervollständigen wollen. Dieser Leitfaden wird etwa 400 Autoren mit 600 Werken in ca. 2000 Bänden befassen und ist von dem Herausgeber nach einem, wie es scheint sehr angemessenen Plane geordnet. Man kann nicht verkennen, daß hier einmal einem wirklichen Bedürfniß abgedolfen wird, und wünschen wir deshalb dem emsigen Sammler die möglichste Unterstützung. Sobald die Schrift uns vorliegt, werden wir des Weiteren darüber berichten. — Oberrabbiner Dr. Zuckermandel zu Trier hat ein Spruchbuch herausgegeben, das bereits die 2. Auflage erfordert. Unter dem Titel „Unterricht in der Religionslehre nach meinem Spruchbuch" ließ er jetzt einen Vortrag erscheinen, den er vor Kurzem in der Conferenz jüdischer Lehrer Südwest- Deutschlands gehalten. Er geht von der Ansicht aus, daß im Religionsunterrichte eine Vereinigung von biblischer Geschichte, Religionslehre und der hebräischen Verse aus dem Gebetbuche stattfinden müsse, so daß in einer Unterrichtszeit biblische Geschichte und Religionslehre einerseits, Religionslehre und Hebräisch, namentlich das Gebetbuch, andererseits vereinigt werden müßten. Dieser Ansicht ist das Spruchbuch angepaßt. Daß diese Ansicht angefochten werden kann und wurde, läßt sich voraussetzen. In dem vorliegenden Vortrage vertheidigt der Verfasser sie nun und geht den Rezensionen zu Leibe, die sein Buch erfahren hat, wobei er manchen recht guten Gedanken entwickelt. Das Schriftchen ist deshalb als lesens- und berücksichtigungswerth zu empfehlen. — „Zum ewigen Gedächtniß." Unter diesem Titel erschienen (Zürich, Schröter & Meyer, 1889) zwei Hefte, nicht etwa, wie man voraussetzen möchte, erbauliche Betrachtungen enthaltend oder ein merkwürdiges Ereigniß schildernd, sondern zwei Aktensammlungen, welche über den sittlichen Charakter des Wiener Antijemitenführers, Herrn von Schönerer, und seines Anhangs, namentlich der „unverfälschten deutschen Studentenschaft" einen wahrheitsgetreuen Bericht geben sollen. Im Jahre 1884 fand ein Prozeß statt, welchen Schönerer gegen das „Mue Wiener Tagblatt" wegen Beleidigung erhoben hatte. Die Geschworenen gaben ihr Verdikt gegen die beiden Redakteure jenes Blattes ab, und sie erhielten eine j ziemlich leichte Strafe. Bei den hierbei geführten Verhand-! lungen aber, die sich sehr ausdehnten, kamen mehrfache Hand-! lungen des Schönerers zu Tage, welche ihn in sittlicher Beziehung äußerst compromittirten. Die beiden vorliegenden, „von Anticlodius" herausgegebenen Hefte haben nun zum Inhalt, das erste „Aktenstücke aus dem Prozesse Schönerer- Tagblatt von 1884", das zweite: „Einige Fragen an die unverfälschte deutsche Studentenschaft" — so nennt sich nämlich der antisemitische Theil der deutschen Studentenschaft in Wien. Die Aktenstücke sind theils den stenographischen, theils den von Schönerers Organ selbst gegebenen Berichten, theils den Gerichtsprotokollen entnommen, also in keiner Beziehung parteiisch. Die Fragen richten sich an Schönerers Anhang, der stets von sittlicher Entrüstung gegen die Juden überfließt, hingegen die groben sittlichen Vergehen ihres Führers, wie sie vor Gericht zu Tage traten, mit Stillschweigen ertragen und in ihm noch immer ihre „sittlichen Ideale" zu sehen vorgeben. Daß diese Ausweise über den sittlichen Charakter Schönerers erst jetzt erscheinen, dafür führt der Verfasser verschiedene Gründe an. Er will damit den gedachten Theil der Wiener Studentenschaft aus seinem sittlichen Versteck herausholen und ihn zu einer Art Bekenntniß zwingen, das auch in etwaigem Stillschweigen enthalten wäre. Wir können hier auf die Einzelheiten nicht eingehen und wollen