Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1889)
- Date
- 1889-09-05
- Page
- Seite 561 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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561 rungen des Herrn Havet als eine lächerliche Mißhandlung des prophetischen Textes erkennen und uns gern erlassen, noch weiter mit diesem anmaßlichen Ignoranten zu verhandeln. Dies ist nun die geistige Nahrung, die auf diesem Gebiete den Lesern der lisvus des deux mondes aufgetragen wird. Das Freimaurerthum. In einer jüngsten Allocution ließ sich Papst Leo XIII. wieder einmal in heftigster Weise gegen das Freimaurerthum aus, und der Wiener Erzbischof nahm hiervon Gelegenheit, einen in den bittersten Ausdrücken abgefaßten Hirtenbrief gegen die Freimaurerlogen zu erlassen, obschon diese in Oesterreich verboten sind, also dort gar nicht existiren. Die „Voss. Ztg." erwidert darauf, daß, wenn der Clerus die Freimaurerei als „ein Werk des Satans" denuncirt und sie als den Heerd aller Verbrechen, aller möglichen Laster und Schandthaten brandmarkt, es ihm noch nicht gelungen ist, auch nur die geringste Thatsache zum Beweise anzuführen. Die gedachte Zeitung fordert daher die Geistlichkeit auf, irgend lvelche Facta zum Erweis ihrer zügellosen Beschuldigungen beizubringen. Sie vergißt, daß diese Art Manier in der Gegenwart allzu gebräuchlich ist, wovon wir Juden ein Lied zu singen haben. Die „Voss. Ztg." beruft sich dagegen auf Männer wie Lessing und Goethe, Friedrich der Große und Wilhelm I., welcher letzterer von Jugend an bis zu seinem Tode ein eifriger Beschützer des Ordens war und ihm in seinen Reden wiederholt Zeugnisse der Anerkennung für dessen Streben und Schaffen ausgestellt, sowie auch Friedrich III. als Kronprinz die Logen häufig besucht und Ansprachen gehalten hat, in welchen er sie ermahnte, die Lehren und Grundsätze des Ordens auch in Thaten umzusetzen. — Welche Stellung nimmt nun das Judenthum dem Freimaurerthum gegenüber ein? Von vornherein kann das Judenthum, wie jede positive Religion, einem geheimen und abgeschlossenen Vereine, in welchem auch gottesdienstliche Handlungen, wie die Anbetung des Weltbaumeisters in besonderen Formen vollzogen werden, nur abhold sein, da es ihm gar nicht gestattet ist, zu prüfen und zu beurtheilen, inwiefern die in dem geheimen Verband gelehrten Grundsätze und Ansichten mit den seinigen übereinstimmen oder in Widerspruch steben. Dies wird noch dadurch vermehrt, daß im Freimaurerorden verschiedene Grade bestehen, auf deren jedem andere Maximen den aufsteigenden Novizen mitgetheilt werden. Allerdings gewährt es einige Bürgschaft, daß viele und bedeutende Juden dem Orden angehört haben, ohne sich merklich darum ihrer Religion entfremdet zu haben. Wir kennen sogar jüdische Theologen, die keinen Widerspruch darin fanden, dem Orden eifrigst anzugehören. So z. B. Gotthold Salomon, der beredte Verkündiger und Vertheidiger der jüdischen Lehre, welcher oft in Logen sprach, mehrere dieser seiner Reden auch veröffentlichte{). — Hingegen läßt es sich nicht verkennen, daß dem Judenthume mittelbar durch den Freimaurerorden Nutzen geschafft wurde. Daß derselbe sich von dem Tempel Salomonis herleite, ist nur eine Fabel. Neuere Geschichtschreiber des Ordens haben j erwiesen, daß er, wenn auch sich anlehnend an die Bau-! Hütten des Mittelalters, doch erst im eigentlichen Sinne in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts auf britischem Boden entstanden ist. Aber die Idee, aus welcher er erwuchs, war die der allgemeinen Humanität, der Gleichheit der Menschen vor Gott, so daß sich in ihm Individuen aller Stände und Confessionen vereinigen könnten. Hierdurch wurden zu einer Zeit, wo derartige humane Gedanken noch wenig Verbreitung gefunden, diese wenigstens in die gebildeteren Classen hineingetragen und theoretisch und praetisch geltend gemacht. Man weiß, wie diese Ideen im Laufe des Jahrhunderts immer allgemeiner herrschend und der Boden wur-! den, aus welchem der Geist entsprang, welcher die größere Hälfte des laufenden Jahrhunderts beherrschte. In der That sah man in dem Orden Fürsten und gebildete Kaufleute und Handwerker, Professoren und feinere polnische Juden sich i brüderlich die Hände reichen und gesellig mit einander ver-! kehren. Wir möchten nun nicht behaupten, daß bei der Aus-! breitung der humanen Tendenzen und bei deren mehrfacher Verwirklichung durch die staatliche Gesetzgebung der Orden geradezu überflüssig geworden. Denn die jüngsten Jahrzehnte haben leider bewiesen, daß die Neigung zur Unduldsamkeit und Ausschließung, geweckt und genährt durch eigensüchtige Parteien, noch immer wieder, wenn nicht die Oberhand, doch eine weite Wirksamkeit gewinnen könne, und daß es deshalb nützlich sei, Mittel der Gegenwehr und Gegenwirkung zu haben. Leider hat sich ein Theil des Ordens selbst von seinem ursprünglichen Zwecke getrennt. Die preußischen Logen erklärten sich für ein „christliches Institut", und schlossen die Juden und überhaupt Nichtchristen aus. Die Logen anderer Länder versuchten sie von dieser Exclusivität abzubringen, was ihnen jedoch nur theilweise gelang. Hiermit hätte aber der Orden seine eigentliche Existenzberechtigung verloren und wäre zu nichts weiter als einer auf Gegenseitigkeit gegründeten Unterstützungsgesellschaft mit geselligem Verkehr und derartigen Vergnügungen für gewisse geschlossene Kreise herabgesunken. Daß dies, wohl auch schon in früherer Zeit drohte, kann man in den „Gesprächen über Freimaurerei" von Lessing 1) Stimmen aus Osten, eine Sammlung von Reden und Betrachtungen maurerischen Inhalts. Hamburg, 1845.