Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1889)
- Date
- 1889-09-05
- Page
- Seite 560 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227808--46470-3266036- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
560 cuffion, der wir vor Jahren beiwohnten. Ein junger französischer Jurist behauptete, Thiers habe die Geschichte der französischen Revolution geschrieben und hiermit sei dieselbe abgeschlossen, es brauche Niemand weiter eine Geschichte der französischen Revolution zu schreiben. Nun, es währte nicht lange, und es wurden dem Herrn Thiers sehr zahlreiche grobe Jrrthümer nachgewiesen, die er bewußt und unbewußt aus seinen Patriotischen und napoleonischen Vorurtheilen begangen, und wodurch er der französischen Nation vermittelst der napoleonischen Legende großen Schaden zugefügt. Außerdem war Thiers ein oberflächlicher Beobachter und es fehlten ihm noch sehr wichtige Documente, die später ans Licht traten. Der letzten französischen Uebersetzung, die Herrn Havet ein unerschütterlich fester Boden scheint, könnte es ebenso ergehen, und wir werden sehen, daß es ihm selbst so erging. — Havet stützt seine Meinung auf Jesaias 19, 19, wo es heißt: „An jenem Tage wird ein Altar sein dem Ewigen inmitten des Landes Mizrajim und eine Standsäule an dessen Grenze dem Ewigen." Havet bezieht dies aus den Tempel, welchen der nach Egypten geflüchtete Priester Onias für die egyptischen Juden mit Hilfe des Königs Philometer in der Gegend von On (Heliopolis) gründete, und in der That holte Onias den egyptischen Juden gegenüber seine Berechtigung aus diesem Verse des Jesaias. Wie? meint nun Havet, sollen wir an die Weissagungskraft des Jesaias so sehr glauben, daß er so viele Jahrhunderte vorher dieses Factum vorausgesagt hätte? Nein, es ist eine Prophezeiung xost factum, eine jener Verkündigungen dem Geschehniß hinterdrein; folglich hat Jesaias später gelebt, als dieser Tempel gegründet worden. Letzteres geschah 160 vor der gew. Ztr., also hat Jesaias zwischen 160 und 100 gelebt. Gewiß war jener Vers ein Nothbehelf, wie dies mit Schriftstellen oft der Fall war und ist, für Onias, für Havet aber ist er eine schwere Noth geworden. Den» zuerst besagt der gesunde Menschenverstand, daß, wenn Onias sich auf diesen Vers als auf den eines alt geheiligten Propheten berief, derselbe schon existiren mußte und zwar längst und allen Juden bekannt. Jesaias muß also lange Zeit vor der Gründung dieses Tempels gelebt haben. Soweit der gesunde Menschenverstand; weiter geht aber die Kenntniß der Sprache. Sie lehrt uns, daß in diesem Verse gar nicht von einem Tempel die Rede ist. Es heißt darin nicht ‘r, n'2 oder byr, sondern rcTD ein „Altar", nicht , sondern nzäD eine Standsäule. Dabei bemerke man, daß bei dem Altar „in der Mitte des Landes", bei der Standsäule „an der Grenze desselben" steht. Dies Alles ist das Gegentheil von einem Tempel, sondern nur die Zeichen der Anerkenntniß und Anbetung des Ewigen?) i) So heißt es den» auch auf jenen Vers sogleich (B. 20): „Das wird zum Zeichen und zum Zeugen sein dem Ewigen der Leertchaaren im Lande Mizrajim." Hierzu kommt endlich, daß Havet das betr. Capitel des Jesaias entweder gar nicht gelesen oder gar nicht verstanden hat. Der Prophet spricht gar nicht von und zu egyptischen Juden oder Juden in Egypten, sondern er weissagt die Bekehrung von ganz Egypten zum Ewigen, weshalb dieses den Altar und die Standsäule „dem Ewigen" errichtet?) Sehen wir uns dieses etwas näher an. In Cap. 18 weissagt der Prophet die endliche Bekehrung von Cusch (Abessynien), und in Cap. 19 die Bekehrung von Egypten. Der Prophet schildert den Zustand Egyptens als höchst beunruhigt, in mehrere Reiche getrennt (V. 11: 13), aus denen zwar Ein Herrscher hervorgehen wird, der als Tyrann regiert?) Gott als Weltregierer und Weltcrlöser schlägt Egypten und zwar durch Juda (V. 17. 18. 21), und durch das völlige Austrocknen des Nils. Hierdurch kommt Egypten zur Erkenntniß des Ewigen, zwischen Egypten und Assyrien entsteht Freundschaft und innige Verbindung, ein allgemeiner Weltsriede, und in diesem Sinne errichtet Egypten in seiner Mitte und an seiner Grenze, dort einen Altar, hier eine Standsäule „dem Ewigen." Niemand wird hierin eine Prophezeiung auf einen höchst unbedeutenden Tempel ersehen können, der in einem verfallenen Städtchen Leontvpolis in den Trümmern eines alten Götzentempels, der den heiligen Thieren gewidmet war, errichtet wurde. Vielmehr erhebt sich Jesaias in seinem Weltbürgersinn zu einer Anschauung, die weit über den Lauf der Zeiten hinausreicht und kein bestimmtes Factum im Auge hat, sondern die Aussicht eröffnet auf eine einstige Bekehrung der damals wichtigsten Völker, der Egypter?) und der Assyrer, die sich nicht mehr bekämpfen, sondern sich brüderlich die Hände reichen, also auf einen allgemeinen Frieden. Als Mittel hierzu sieht er den Ruhm Judas, welches ebenso das Joch Egyptens wie das Assyriens siegreich abzeschüttelt hat, und die Plagen an, die Egypten betroffen haben würden. — Wir fordern Jedermann auf, das Cap. 19 wieder zu lesen, und man wird erkennen, daß wir in obiger Darstellung genau dem Wortsinn des Propheten gefolgt sind. Aber ebenso wird man die Folge- 1) Dies beweist auch B. 18: „An jenem Tage werden sein fünf Städte Mizrajim, Kanaan's Sprache redend und beim Ewigen der Heerschaaren schwörend." Das „beim Ewigen schwören" nichts anderes als die volle Anerkenntniß Gottes bedeutet, ist bekannt; vergl. 5. Mos. 6, >3. io, 2 >. Fünf Städte ist nach egyptischem Gebrauche soviel wie alle, wenigstens hervorragende Städie. Man sieht also, daß hier nicht von einem kleinen, den Juden allein geheiligten Tempel die Rede ist, sondern von ganz Egypten und seiner Bekehrung zum einzigen Gotte. Daß alles dies Herr Havet nicht gesehen und sich nicht daran gestoßen hat, ist just kein Beweis seines Scharfsinns. 2) V. 2 heißt es: „Wappnen will ich Mizrajim gegen Mizrajim, kämpfen sollen Bruder gen Bruder, Mann gen Mann, Stadt gegen Stadt, Reich gegen Reich." 3) Deutlicher konnte dies der Prophet doch nicht aussprechen als in V. 21: „Und kund wird der Ewige Mizrajim und den Ewigen erkennet Mizrajim an jenem Tage."