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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-09-05 · Heft 36 (5.9.1889) · p. Seite 559

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 36 (5.9.1889)
Date
1889-09-05
Page
Seite 559 (sequence 3)
Language
German
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559 geradezu untersagt werden. Die Philosophie müßte sich wiederum zur Dienstbarkeit für die kirchliche Dogmatik hergeben, die Philologie sich vorzugsweise der Patristik, (Kirchenväter) zu- und den gottlosen Heiden möglichst abwenden; die Geschichte endlich hätte sich in ein specifisch confessionelles Gewand zu schlagen, das ihr jede Bewegung unmöglich machte, es sei denn zum Lobe der betr. Confession; die All gemeinbildung wäre für jedes Fach ein überflüssiger Ballast. — Dies ist gewiß keine übertriebene Schilderung. Aber desto mehr können wir uns der Hoffnung hingeben, daß die Staatsregierungen auf solche einseitige und gefährliche Tendenzen nicht eingehen und zur rechten Zeit genug Widerstandskraft finden werden, um dieselben zurückzuweisen. Daß auf diesem Gebiete schon das Suchen nach Compromissen bedrohlich ist, da die Erfahrung lehrt, wie jedes Zugeständniß für die besprochene Partei nur ein Sporn zu weiteren Forderungen ist, müßte man sich allseitig zum Bewußtsein bringen. Die Sibelkritik in Frankreich. Die Franzosen unterscheiden sich von den Deutschen dadurch, daß sie, falls sie etwas auf wissenschaftlichem Gebiete gesunden o?er erfaßt zu haben glauben, dieses alsbald practisch zu verwerthen, d. h. es dem gebildeten Publicum in leichter, möglichst eleganter Sprache, zum Theil auch in freier phantasiereicher Gestaltung vorzuführen suchen. Die Bibelkritik wird in Deutschland seit langer Zeit mit wissenschaftlichem Ernste emsig betrieben und hat allerdings auch hier die Geister in ein Wirrsal von kühnen Hypothesen gebracht, bleibt jedoch innerhalb der wissenschaftlichen Schranken und drängt sich nur selten dem allgemeinen Publicum auf. Anders in Frankreich, wo sich die Bibelkritik an die Resultate der deutschen Forscher anschließt — ohne Baur und Strauß kein Renan, und jetzt hält man sich an den Straßburger Reuß, (gest. 1888) — von da aus aber ihren Weg namentlich durch die Revue des deux mondes in die Oeffentlichkeit nimmt und hier ihre vielfachen Spaziergänge zurücklegt. Diese Zeitschrift wird in allen Ländern der civilrsirten Welt gelesen und ist somit ein bequemer Verkehrsweg, um auch die bibelkntischen Hypothesen in das allgemeine Publicum zu werfen, das sonst davon verschont bliebe. Eine Menge von Lieferungen enthielt schon derartige Abhandlungen und z. B. Renan veröffentlichte seine „Geschichte des Volkes Israel" in einzelnen Abtheilungen in dieser alle vierzehn Tage erscheinenden Zeitschrift. Auch hier herrscht die Tendenz vor, die Bücher der h. Schrift in eine möglichst jüngere Zeit zu versetzen, um so den höheren Culturzustand der Israeliten recht spät erscheinen zu lassen und bis dicht vor das Entstehen des Christenthums zu rücken. Man vermeint eben hierdurch die Glaubwürdigkeit der biblischen Schriften um so mehr abzuschwächen. Für die genannte Revue ist dies eine eigenthümliche Erscheinung. Denn die gegenwärtigen Mitarbeiter gehören in politischer Beziehung zu den Reactionären, und auch in kirchlicher Hinsicht streben sie den Radicalen entgegen, spielen nun dennoch diesen Letzteren durch ihre bibelkritischen Arbeiten in die Hände. Zu den letzteren müssen wir einen gewissen Havet zählen, der schon früher reckt starke Absurditäten vermittelst der Revue auf den Markt brachte, soeben (vom 1. August o.) die erste Abtheilung einer längeren Abhandlung daselbst publrcirt, die er „Die Modernität der Propheten" betitelt. Er meint nämlich, daß Jesaias nicht, wie alle Forscher bis jetzt übereinstimmend den biblischen Texten gemäß annahmen, zur Zeit Salmanassars um 720 vor der gew. Ztr., sondern erst gegen Ende des zweiten Jahrhunderts, nämlich nach dem syrischen Kampfe gelebt habe, und wenn Jesaias, um wie viel später Ezechiel, Jeremias u. s. w. Zu gleicher Zeit seien die meisten Psalmen, das Buch Hiob u. s. w. verfaßt worden. Wenn wir für diesen außerordentlichen Geistesschwung in der gedachten späten Periode auch nur ein verbürgtes geschichtliches Zeugniß hätten! Alle diejenigen Schriften, die zweifellos dem Bestände des zweiten Tempels angehören, die letzten drei kleinen Propheten, Esra und Nehemia, Daniel, die Chronik, sind durchaus in Sprache und Inhalt fern von aller Classicität, von allem höheren Geistesschwunge, von aller schöpferischen Kraft, und von der syrischen Periode an besitzen wir kein hebräisch geschriebenes Buch, bis erst die Mischnah sich der heiligen Sprache wieder bediente. Daß sich die Juden mit einem Male so viele Bücher, die eben erst entstanden waren, als geheiligte Altertbümer hätten aufschwätzen und aufdrängen lassen, um sie in den Kanon auf;unehmen, während doch der Stand der „Schriftgelehrten" bereits ausnehmend blühte, dies zu den Absurditäten zu zählen, wird uns Niemand verargen können. Wir werden auch auf die Auslassungen dieses Havet uns gar nicht einlassen, obschon sie auch in Deutschland auf Gleichgesinnte stoßen; doch wollen wir um eines Punktes, des wesentlichsten, willen der Sache einige Beleuchtung widmen. Vor allem lüftet Havet ein wenig die Maske der französischen Bibelkritik. Es ist ihm nachgewiesen und er bekennt es selbst, baß er kein Wort Hebräisch versteht. Diese Eigenschaft theilt er mit sehr bekannten französischen Bibelforschern. Er meint nun, die jüngste französische Uebersetzung sei so „vollkonimen", daß man des hebräischen Originals gar nicht bedürfe. Wenn also morgen der Urtext der Bibel verloren ginge, und nur die jüngste französische Uebersetzung übrig bliebe, so schaffe diese einen völlig ausreichenden Ersatz. Es erinnert uns dies an eine Dis- 36*

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