Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1889)
- Date
- 1889-08-29
- Page
- Seite 551 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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551 wöhnlichen Grenzen auf ein weiteres Gebiet der Perspective verpflanzt hat. — Der emeritirte Prediger Liebman Adler zu Chicago setzt seine frühere Arbeit, Zeenna Urenna, die wir schon besprochen, in neuen Heften fort als „Ein religiöses Belehrungs- und Erbauungsbuch für Frauen und Mädchen, dem Texte der 5 Bücher Moses folgend" (Selbstverlag Chicago, 41 East 13 Street). Es liegen uns zwei Doppelhefte vor, welche Texte des 1. und 2. Buches Moses behandeln. Die Arbeit des greisen Verfassers entspricht ihrem Zwecke vollkommen, im Geiste und Herzen des weiblichen Geschlechts Gedanken und Empfindungen religiöser und sittlicher Natur zu wecken und zu stärken. In einfacher, anziehender Sprache weiß er den Schrifttexten die mannigfaltigsten Seiten, wie sie für das Leben passen und in allen Kämpfen und Nöthen einen sicheren Anhalt geben, abzugewinnen. Wir dehnen daher unsere frühere Empfehlung auch auf die Fortsetzung dieses Werkes aus. — Das jüngste Heft der Revue des etudes juives (April - Juni 1889) enthält den Schluß der kritischen Untersuchung I. Halevy's über die relativen Quellen für die Berichte über die Verfolgung der Christen von Nedjran; ferner von Isidore Loeb ein Memorandum von Lorenz Ganganelli über die Verleumdung mit dem rituellen Mord, sowie den Schluß der Abhandlung über die christlichen und jüdischen Polemiker in Frankreich und Spanien. David von Günzburg bespricht einige epigraphische Gegenstände, Guttmann Wilhelm von Auvergne und die jüdische Literatur. Joseph Jacobs bringt einen französischen Brief eines englischen Juden im 13. Jahrhundert, Louis de Grandmaison berichtet über den jüdischen Friedhof in Tours, und Kayserling über eine jüdische Literaturgeschichte des David Lövi von Barrios. Außer Noten, Correspondenzen und Bibliographie bringt das Heft die Abhandlung des verstorbenen Arsdne Darmestetcr über den Talmud, über welche wir in zwei Leitartikeln gehandelt haben. Ieuit Die Stadt Ramses und der Auszug aus Egypten. Von Heinrich Brngfch. Als die Entzifferung der egyptischen Hieroglyphenschrift gelungen war, und die ersten Mittheilungen über den Inhalt von Inschriften bekannt wurden, hegte man allgemein die an sich unbegründete Erwartung, auf den egyptischen Denkmälern oder in den Papyrusrollen Berichte auch über den Auszug des Volkes Israel aus Egypten zu erhalten. Unbegründet war diese Erwartung, denn die Auswanderung des kleinen, den Egyptern stets fremd gebliebenen Volkes aus dem Ostlande brauchte für die Egypter gar nicht eine solche Bedeutung zu haben, um so viel besprochen zu werden, daß eine Notiz darüber alsbald in den Ueberresten der egyptischen Literatur erscheinen sollte. Andererseits hatten, wie die Egyptologen selbst constatiren, die Egypter nur wenig historischen Sinn, die Inschriften enthalten fast ausschließlich nur Lobpreisungen oder Vergötterung der Könige, prahlerische Verkündigungen ihrer Siege und Eroberungen, Aufzählungen der Beute, die sie nach Egypten gebracht — von Niederlagen und Verlusten ist niemals die Rede. Aus diesem Stillschweigen der Denkmäler über den Auszug und die Oertlichkeiten, welche die Israeliten bei ihrer Auswanderung berührten und die in der Bibel genannt werden, schlosse» die Kritiker, daß dieser Auszug gar nicht stattgefunden, behandelten ihn als Legende und leugneten zuletzt den Aufenthalt der Israeliten in Egypten überhaupt, so erst jüngst l ß f 0 tt. Ernst Bunsen in einem dickleibigen Werke. Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, daß die gegenwärtigen Bearbeiter der alten Geschichte die Geschichte der Egypter, Babylonier, Inder nicht genug in die allerfrühesten Epochen zurückversetzen können und mit einer Sicherheit die Chronologie auf 5 bis 6 Jahrtausende vor der christlichen Aera feststellen, mit einer Sicherheit, welche die Beschaffenheit der Inschriften durchaus nicht verbürgt. Dies zeigt sich auch in der Verschiedenheit der chronologischen Annahmen bei jedem einzelnen dieser Forscher. Dahingegen ist es das Bestreben der Bibelkritiker und der jüngsten Bearbeiter der Geschichte des Volkes Israel, dieser letzteren die Glaubwürdigkeit für die ältere Zeit, in die sie zurückgeht, abzusprechen und diesem Volke und ihren Autoren die möglichste Jugend bis auf das zweite Jahrhundert vor der gew. Zeitrechnung zuzuschreiben. Es liegt darin eine gewisse Tendenz ausgesprochen, welche sich nach beiden Seiten hin vor einer ernsten und vorurtheilslosen Geschichtsforschung nicht zu erhalten vermag. Man kann deshalb auch schon bemerken, daß in der jüngsten Zeit von namhaften Männern der Rückzug angetreten worden. Von großer Bedeutung für diese geschichtliche Frage sind deshalb die neuesten Ausgrabungen, deren Förderung aus dem Nilthale nach den östlichen Provinzen des ehemaligen egyptischen Reiches namentlich von Engländern betrieben worden und welche zunächst, wie wir auch in dieser Zeitung berichteten, die Stadt Pithom in ihren Ruinen ans Licht gebracht und deren Oertlichkeiten ganz zweifellos festgestellt 3§*