Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1889)
- Date
- 1889-08-29
- Page
- Seite 550 (sequence 10)
- Language
- German
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550 und Oesterreich-Ungarns" zu Wien eröffnet. Nach den üblichen Begrüßungsreden hielt Rudolf Virchow einen zweistündigen Vortrag, nt welchem er namentlich eine Reihe von Ansichten, welche in der letzten Zeit aufgekommen, von den Thatsachen aber widerlegt werden, bestritt. Er sagte unter Anderem: „Dem Begriffe Nationalität gegenüber wird sich der Anthropologe stets sehr kühl verhalten, weil er sich sagen muß, daß alle jetzt existirenden Nationalitäten — wenigstens soweit die europäischen Völker in Frage kommen — nur als Mischungen oder Konglomerate verschiedener menschlicher Typen aufzufassen sind." Weiterhin bemerkte er: „Was speciell die wissenschaftliche Thätigkeit der deutschen anthropologischen Gesellschaft und der Anthropologen Oesterreich-Ungarns anlangt, so dürfen dieselben für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, daß sie zur Klärung der Ansichten auf dem Gebiete der anthropologisch-urgeschichtlichen Forschungen sehr wesentlich beigetragen und unberechtigte, bezw. durch die wissenschaftliche Untersuchung nicht in genügender Weise gestützte Theorien zurückgewiesen haben. Letzteres ist besonders der Fall mit Bezug auf jene Schlüsse, welche an der Lehre Darwin's betreffend die Thierabstammung der „Gattung Mensch" anknüpfen. Redner präcisirt sodann seinen Standpunkt gegenüber den heutigen Darwinisten, indem er, wie schon früher bei ähnlichen Gelegenheiten, hervorhebt, daß der Beweis für die Thierabstammung des Menschen bisher noch nicht erbracht sei. Man habe bisher noch keine Menschenrasse Nachweisen können, welche als Uebergangsglied vom Affen zum Menschen gedeutet werden könne. Bei gewissen afrikanischen Stämmen und bei den Alfuren des malayischen Archipels sei zwar eine an die Affen erinnernde Kieferbildung, ferner eine Nase mit extremer Abplattung (entsprechend der Nasenbildung der katarhinen Affen), sowie der für die menschenähnlichen Affen charakteristische Stirnbeinfortsatz des Schläfenbeins nachgewiesen worden, aber das genüge nicht, um die betr. Stämme als das vom Affen zum Menschen hinleitende Uebergangsglied zu betrachten, da diese Stämme in anderer Hinsicht sich vom Affen sehr wesentlich unterscheiden und man nicht eine einzelne Erscheinung, sondern die Gesammtheit der körperlichen Bildung bei der in Rede stehenden Frage in Erwägung ziehen muß. Zum Schluffe seiner nahezu zweistündigen Rede erörtert Virchow die bezüglich der Erblichkeit insbesondere auch die mit Bezug auf die Frage, ob erworbene Eigenschaften vererbt werden können, gegenwärtig unter den Anthropologen herrschenden Anschauungen, indem er zugleich darauf hinweist, daß die zwischen erworbenen Eigenschaften und atavistischen Erscheinungen (Rückschlag auf die körperliche Bildung der Vorfahren) bestehende Aehnlichkeit in sehr vielen Fällen die Deutung der betreffenden Erscheinungen außerordentlich erschwere. Jedenfalls sei es vollständig unberechtigt, wenn man aus der gelegentlich vorkommenden Sechsfingerigkeit — in Hadramaut (Arabien) habe z. B. eine ganze Dynastie existirt, deren Mitglieder fast sämmtlich an jeder Hand sechs Finger und an jedem Fuß sechs Zehen besessen haben — wenn man aus solchen Erscheinungen sofort den Schluß gezogen habe, daß der homo sapiens von Fischen, die in ihrer Flosse sechs oder mehr Strahlen aufweisen, abstammen müffe. Die Anthropologie gleicht einer Frucht, welche in einer werthlosen ungenießbaren hölzernen Schale einen keimfähigen Kern enthalte; dieser Kern, welcher repräsentirt wird durch die von der Anthropologie bis jetzt festgestellten Thatsachen, müsse mit Fortlassung jener unerwiesenen Theorien und unnützen Spekulationen, welche gewissermaßen die werthlose Schale der Frucht repräsentiren, in Zukunft aufs Sorgsamste gepflegt werden und handele es sich zunächst vor Allem darum, die gegenseitigen Beziehungen der Menschenrassen genauer festzustellen als dies bisher geschehen ist. Bonn, 19. August. (Literarische Notizen.) „Ille Jew in English Fiction*4 (Der Jude in der englischen Dichtung), by Rabbi David Philipson (Cincinnati, Clarke 1889). Der Verfasser bespricht Marlowe's Juden von Malta, Shakespeare's Kaufmann von Venedig, Cumberland's Jude, Scott's Jvanhoe, Dicken's Oliver Twist und „Unser gemeinsamer Freund", Disraeli's Coningsby und Tancred, George Eliot's Daniel Deronda. In der Einleitung macht er darauf aufmerksam, wie weit in der Auffassung des Juden es sei von Marlowe's Juden von Malta (1562-1592) bis zu George Eliot's idealem Mordechai, und weist auf den Gedanken hin, daß man gerade in der Behandlung des Juden innerhalb der Poesie die Auffassung und den Culturstand der Zeit beurtheilen könne. Von diesem Gedanken aus betrachtet der Verfasser die genannten Dichtungen, die er natürlich auch von der ästhetischen Seite zu beurtheilen versucht. Hinsichtlich der englischen Litteratur hat er hiermit seinen Gegenstand in abschließender Weise behandelt, weil eben in England der Jude außerhalb der Dichtung die literarische Aufmerksamkeit wenig auf sich zog. Es kann dies auch für die französische Literatur gelten. Anders jedoch in anderen Ländern, denn z. B. in Deutschland würde die bloße Darstellung, wie der Jude in der Dichtung behandelt worden, nicht genügen. Hier müßte auch auf andere Literaturzweige, wie auf den geschichtlichen und den staatsrechtlichen, Rücksicht genommen werden, um ein richtiges Bild von der zeitweiligen Auffassung des jüdischen Wesens zu erhalten. Aber gerade deshalb ist die vorliegende Schrift von Bedeutung und geht meist von Ansichten aus, denen wir unsere Zustimmung nicht verweigern können. Verdienstlich erachten wir die Arbeit des Herrn Philipson, der Rabbiner an einer Gemeinde in Cincinnati und, beiläufig bemerkt, kein Verwandter des Redakteurs d. Zt. ist, weil er die Betrachtung seines Gegenstandes aus den ge-