Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1889)
- Date
- 1889-08-29
- Page
- Seite 548 (sequence 8)
- Language
- German
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548 es sonst geschehen wäre, und die Männer, die damals, während die Preußen ein paar Meilen vor Wien standen, ihre Millionen dem Kaiser und dem Reich zur Verfügung gestellt hatten, wurden nach und nach sämmtlich ausgezeichnet. Darunter waren auch Christen, wie sich von selbst versteht; die vier israelitischen Bankiers, die oben genannt sind, wurden baronisirt. Das ist die Wahrheit. Pest, im August. (Privatmitth.) Vor ungefähr einem Jahre erließ der inzwischen verstorbene ungarische Kultusminister Trefort eine Circular-Verordnung betr. die Regelung der israelitischen Gemeinden, in welcher er hervorhob, daß das Gesetz nur einerlei Israeliten und ein Judenthum kenne. Gegen diesen Erlaß und die Einheitlichkeit des Judenthums machten die Orthodoxen, wie schon früher, auch vor einigen Monaten wieder Front. 236 orthodoxe Rabbiner erklärten feierlichst, daß orthodoxe und neologe Juden zwei ganz verschiedene Religions-Genossenschaften bilden, daß die Anhänger dieser beiden Religions-Genossenschaften im gemeindlichen, religiösen Leben keinerlei Gemeinschaftlichkeit weder haben können noch dürfen, daß ferner den Orthodoxen die Institutionen der Neologen, deren Rabbiner, Schächter, Religionslehrer, Bethäuser u. s. w. zu benützen oder zu deren Erhaltung beizutragen, religiös verboten ist, daß endlich jede Verfügung, die nach dieser Richtung einen Zwang involvirt, zu! einer gewaltigen religiösen Unterdrückung führt. Fogaras, 15. August. Ende voriger Woche wurde der pensionirte Hauptmann Aron Speiser unter allgemeiner Betheiligung der hiesigen Intelligenz und mit militärischem Kondukt zu Grabe geleitet. Der Verstorbene hat sein ganzes Vermögen nach Abzug einiger kleinerer Legate der hiesigen israelitischen Gemeinde, deren Vorstand er war, hinterlassen. Die Gemeinde ist durch dieses Vermächtniß in den Besitz von beiläufig 30000 fl. gekommen; der Testator hat übrigens angeordnet, daß das Vermögen, welches in einem Hause und in Staatspapieren besteht, der Substanz nach nicht veräußert werden darf und daß bloß die Erträgnisse regelmäßig für Schul- und Kultuszwecke zu verwenden sind. Die hiesige israelitische Gemeinde ist nun in die Lage gekommen, einen Rabbiner anzustellen — und so einem längst gehegten Bedürfnisse zu entsprechen. Aus Galizien, im August. In österreichischen Blättern ist ein ganzer Kampf über eine Rede des Bischofs Lobos von Tarnow entstanden, so zwar, daß jetzt allerlei offiziöse und offizielle Berichtigungen verlautbart werden. Wir publiziren eine derselben, zumal diese beweist, welche Zustände jetzt in Oesterreich herrschen. Die erwähnte Mittheilung lautet: „Der Bischof Lobos von Tarnow hat seine Rundreise in seiner Diözese beendet. Sein pflichteifriges Wirken hat überall die größte Anerkennung gefunden und an vielen Orten glich die Visitationsreise des Kirchenfürsten einem förmlichen Triumphzug. Die Bevölkerung überschüttete den Wagen des hochwürdigen Bischofs mit Blumen'und das Coupe des Waggons war oft mit Rosen überfüllt. Fünf Wochen brachte der Bischof in den Gebirgspfarreien zu, jeder Entbehrung trotzend, überall bemüht, die Seelsorge in Ordnung zu bringen. Bei seiner Rückkehr nahm der hochwürdige Bischof wahr, daß seine an die Juden gerichteten Worte so viel Aufsehen und in gewissen antisemitischen Organen sogar Polemiken hervorgerufen haben. Letzterer Umstand wird ihn aber wenig betroffen haben, da es bekannt ist, daß der hochwürdige Bischof den antisemitischen Hetzereien in Galizien keinerlei Förderung zugestehen will, von der Neberzeugung ausgehend, Galizien habe genug an anderen diversen Wühlereien und Agitationen zu leiden und benöthige nicht neuerlicher und weiterer Spaltungen. Bei den verschiedenartigen Versionen, welche über diese Rede des Bischofs in Umlauf sind, wird wohl eine möglichst authentische Wiedergabe dieser Ansprache von allgemeinem Interesse sein. Als die Juden den Bischof auf seiner Bisitationsreise durch den Bezirk von Sandec mit Triumphbogen begrüßt haben, auf denen die Aufschrift zu lesen war: „Einem Hohenpriester des neuen Bundes, der Alte Bund", da sagte der Bischof nach den einleitenden Worten des Dankes: „. . . daß das alte Testament, und insbesondere die Schriften der Patriarchen und der Propheten, welche wir als Abgesandte Gottes verehren, deren Werke wir lesen und deren Psalmen wir singen, durch unseren göttlichen Gesetzgeber zu neuer Ehre und zu neuer Vollkommenheit gebracht wurden. „Ihr seid deshalb" — sprach der Bischof zu den vor ihm erschienenen Juden — „für uns nicht fremd, wie die Heiden, oder wie Diejenigen, welche jeden geoffeubarten Glauben verachten, denn Ihr glaubt an Gott und von ihm habt Ihr Eure Gebote empfangen. Bewahrt dieselben, wie wir die unserigen, und zweifellos wird unsere Nation, welche vor Jahrhunderten Euer durch Feuer und Schwert verfolgtes Volk an ihrem Herde ausgenommen hat, den antisemitischen Einflüsterungen kein Gehör schenken, denn diese widersprechen der Nächstenliebe. Sie wird Euch mit ihrem Schutze umgeben und dies um so bereitwilliger, als unser Kaiser und Apostolischer König Euch mit der bürgerlichen Gleichberechtigung begnadet hat. Möge der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs Euch in Eurer Arbeit, in Eurem Hause und in Euren Sorgen beistehen." Das ist der treue Inhalt der bischöflichen Ansprache, an der nur Diejenigen etwas auszusetzen haben, welche auch den Priester zum Diener ihrer Agitationen herabwürdigen möchten."