Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1889)
- Date
- 1889-08-29
- Page
- Seite 546 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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546 4. die Rückgabe der Ehe und der Schule in die Hände der Geistlichkeit; 5. die Herstellung des Zunftwesens; 6. Wiederannäherung an die Hörigkeit in den bäuerlichen Verhältnissen; 7. Umgestaltung aller in liberalem Sinne abgefaßten Gesetze. Selbstverständlich sind die sog. Conservativen mit dieser feudal-klerikalen Partei nicht identisch, denn es giebt unter ihnen viele einzelne und ganze Fraktionen, welche mit gewichtigen Punkten des oben angeführten Programms nicht übereinstimmen, sondern sie zurückweisen und vielleicht sogar bekämpfen. Man braucht aber nur die Organe der Extreme, etwa die „Kreuzzeitung" an der Spree und das „Vaterland" an der Donau zu lesen, um über die Zielpunkte jener nicht im geringsten Zweifel gelassen zu werden. Will man nun dieses Programm im Ganzen wie im Einzelnen charakterisiren, so wird man nicht anders es bezeichnen können, als daß es durchaus — revolutionär ist. Wenn ein Staat sich auf bestimmten Prinzipien aufgebaut, aus ihnen sein organisches Leben gezogen, nach ihnen sowohl seine ganze Verwaltungsmaschine als auch seine Institutionen und Gesetze gestaltet hat, so ist Alles revolutionär, was auf den Umsturz dieser Prinzipien, auf die Beseitigung dieser Institutionen und Gesetze abzielt, von welcher Seite es auch ausgehe und was es dafür an die Stelle setzen wolle. Natürlich wollen dies die Vertheidiger dieses Programms nicht zugeben; höchstens lassen sie sich die Bezeichnung als Contrerevolution gefallen, und zu einer solchen glauben sie die volle Berechtigung zu besitzen. Sie behaupten nämlich, dieser moderne Staat sei das Werk der Revolution; die Revolution habe das Bestehende überfallen, überrascht und gestürzt; es sei daher Recht und Pflicht eines jeden wahren Conservativen, das Werk der Revolution zu beseitigen, ihrer Usurpation ein Ende zu machen und die früheren Institutionen wiederherzustellen. Hierin liegt aber ein gewaltiger Jrrthum. Die französische Revolution hat ihre eigenen politischen Schöpfungen wieder zerstört, bis sie sich mit gebundenen Händen in die Gewalt Napoleons gab. Die Charte, welche der Typus der neueren Verfassungen geworden, und die auch die Revolutionen von 1830, 1848 und 1870 nur etwas modifizirt haben, ist vom legitimen bourbonischen Könige aus freien Stücken gegeben worden. Die preußische wie die österreichische Staatsverfassung wurden gerade nach der Niederwerfung der Revolution von Friedrich Wilhelm IV. und Franz Joseph ertheilt und in Preußen von dem gouvernementalen Landtage nach den Anträgen der Regierung modifizirt und angenommen. Die deutsche Reichsverfassung wurde vom Kaiser, den verbündeten Fürsten und deren Regierungen beantragt und mit dem deutschen Reichstage vereinbart. Es ist also gerade ein Hohn auf alle diese legitimen Instanzen, zu behaupten, daß es die Revolution sei, welcher sie ihre Staaten überliefert! haben. Wenn alle diese Fürsten und ihre Regierungen bei j diesem großen Werke liberalen Gedanken gefolgt sind und * diese verwirklicht haben, so geschah dies gewiß nicht aus! Vorliebe für die Revolution, die sie mit aller Kraft bekämpft hatten und bitterlich haßten, sondern aus der weisen Einsicht, daß in der Entwickelung der Zeiten die Bedürfnisse ihrer Völker sich geändert hätten und einer rationellen Umgestaltung das Wort dringend sprächen. Wir vermögen es daher nur als eine gleißnerische Heuchelei anzusehen, wenn jene feudal-klerikale Partei ihre selbstsüchtigen Pläne und Zwecke mit der Behauptung zu beschönigen sucht, daß sie gegen die Revolution arbeite und sie aus dem europäischen Leben verdrängen wolle. In Wahrheit richte sie ihre Bestrebungen gegen die Autorität und den Willen ihrer eigenen Könige und Regierungen, und in der Bemühung, ihre eigenen Standesinteressen und die Herrschaft der Kirche zu fördern, steht sie nicht an, das Wohl und den Frieden des Volkes zu gefährden und den Bürgerkampf und Bürgerkrieg zu entzünden. Deutschland. Berlin, 21. August. (Privatmitth.) In dem am 8. Aug. eröffnten königl. orientalischen Museum, an dessen Wänden sich eine Fülle egyptischer, assyrischer und babylonischer Alterthümer befindet, ist das Volk Israel nur durch zwei Monumente vertreten, nämlich durch einen Abguß der Mesasäule, die jedoch nicht Israel, sondern Moab zugehört, wenn sie überhaupt echt ist, was neuerdings wieder bezweifelt. 1 worden, und durch einen Abguß des Siloahsteines über den > Durchbruch des Canals, der vor etwa anderthalb Jahren aufgefunden worden. Es bleibt eine eigenthümliche Erscheinung, daß von einem anderthalbjahrtausendjährigen Bestände des Volkes Israel in Palästina so außerordentlich wenige Reste vorhanden sind, z. B. nichts, was über ihr häusliches und gewerbliches Leben Aufschluß geben könnte. Die Erklärung hierfür liegt nicht sowohl in den vielfachen Erstürmungen und Zerstörungen, welche Jerusalem betroffen, denn