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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-08-29 · Heft 35 (29.8.1889) · p. Seite 545

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 35 (29.8.1889)
Date
1889-08-29
Page
Seite 545 (sequence 5)
Language
German
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545 Nothwehr. Wie dieser ihn betrog und vierzehn Jahre um seine Töchter in Knechtesdienst ohne anderen Lohn hielt, so war es natürlich, daß auch Jakob während der ferneren sechs Jahre des Dienstes auf einen Lohn, auf Erwerb eines Besitzstandes für seine sich mehrende Familie dachte. Wer kann die Worte, die Jakob an Laban richtete (31, 38) ohne Mitgefühl lesen, ohne sich auf die Seite Jakobs zu stellen? „Die zwanzig Jahre war ich bei dir: Deine Mutterschafe und deine Ziegen haben nicht fehlgeboren, und die Widder deiner Schafe habe ich nicht verzehrt. Zerrissenes brachte ich dir nicht heim und ich mußte es büßen, von meiner Hand fordertest du am Tage Gestohlenes und bei Nacht Gestohlenes.. Am Tage verzehrte mich Hitze und Frost in der Nacht, und es entfloh der Schlaf aus meinen Augen." Erwägen wir sein späteres Leben, so zeigt sich uns ein Dulder, der schwer zu tragen hat, aber in der Zuversicht auf seinen Gott und in der Treue gegen diesen besteht. Vor seinem Bruder muß er sich demüthigen, seine Söhne handeln wider seinen Willen (Sichem) und verletzen seine wärmsten Gefühle, die geliebte Frau muß er frühzeitig begraben und seinen Lieblingssohn in schmerzlichster Weise betrauern, und am Ende seiner Tage muß er seine Heimstätte verlassen und nach fremdem Lande übersiedeln. Wer so das ganze Lebensbild Jakobs in Betracht zieht, der wird anerkennen, daß er hier einen wahrhaften Gotteshelden vor sich hat, der zwar nicht ohne Fehler, wie eben kein Sterblicher es ist, aber durch das ganze Leben zu einer höheren und veredelten Natur geworden. — Neuere Schriftsteller, z. B. Renan, versuchten aus David, weil er sich mit der Bethseba versündigte und gegen Urijah und einige Feinde Härte bewies, das Zerrbild eines kleinen orientalischen Despoten zu machen. Wie sehr versündigten sie sich an der geschichtlichen Wahrheit. Das erste Vergehen hat er schwer gebüßt, was nicht in der Art der orientalischen Despoten liegt, jene Härten aber sind theils aus der Zeit, theils aus dem Verhalten der Feinde erklärlich und meist nur Akte der Vergeltung. David war sein Lebelang ein Vorkämpfer der Gotteslehre, wie er als zarter Jüngling dem Goliath zuversichtlich entgegentrat, bis zu seinem Testamente, ein Vorkämpfer, wie ihn der Thron Judas und Israels nicht wiedersah, niemals wankend, stets thatkräftig und heldenmüthig. Hieraus ist schon die große Verehrung erklärlich, die ihm die Nachwelt widmete. Nach der Mißregierung Sauls warf er die Feinde ringsum nieder, erweiterte und festigte die Grenzen, organisirte Land und Volk, schuf einen Nationalmittelpunkt und verpflanzte dahin auch die Cultstätte, die er dem Gesetze gemäß als die einzige des Landes festsetzte. Hierbei zeigte er sich in allen Phasen seines wechselvollen Lebens voll Pietät gegen Gott und die Menschen, mit einem Herzen voll Liebe, wie ihn auch die Freundschaft eines Jonathan adelt. Daß er der tiefempfindende Sänger, der Musik kundig, der Dichter von Hymnen und Elegien war, kann ihm doch, selbst nach den geschichtlichen Dokumenten, Niemand abstreiten. Auch hier zeigt uns die biblische Geschichte ein volles und großartiges Lebensbild aus der Wirklichkeit heraus. DK' Unsere Meinung geht nun dahin, daß im jüdischen Re-Oligionsunterrichte in den ersten Cursen die biblische Geschichte mit moralisirenden Lehren und Auslegungen verbunden, in den späteren Cursen aber jene Auffassung durchgeführt werde, die wir in Obigem als die allein richtige aufgestellt haben. Wird die moralisirende Tendenz durch den ganzen Unterricht der biblischen Geschichte festgehalten, so stimmt dies nicht allein mit der biblischen Darstellung nicht überein, sondern wir setzen die Jugend der Gefahr aus, daß jene so oft an der Bibel geübte Tadelsucht mit ihren scheinbaren Gründen später Eingang findet, und die biblische Autorität schädigt. Aber wir meinen auch, daß für die jüdische Jugend die biblische und jüdische Geschichte noch von einer anderen Seite gelehrt werden müßte. Sie muß überall wie eine Familiengeschichte erfaßt und dargestellt werden, die unserem Herzen näher liegt, weil sie eben die Geschichte unserer Ahnen und Väter, unserer eigenen Familie ist. Sieg und Niederlage, Freud und Leid, wie sie in dieser reich bewegten Geschichte erscheinen, müssen der Jugend wie ihre eigenen Schicksale, sie als persönlich daran betheiligt, dargestellt werden. Es muß der Weg durch das bloße Wissen tief ins Herz gefunden werden. Die Jugend muß fühlen, um was es sich in dieser langen Geschichte in jedem Moment gehandelt hat, wie darum gestritten und gelitten worden. Nicht als eine Reihe von Ereignissen, sondern als eine aus einander entspringende Folge aus demselben Grunde, mit demselben Zwecke und in der gleichen Hingebung gewordene, muß die ganze Verkettung der Geschicke Israels, seiner eigenen Familie angehörig, dem jugendlichen Herzen eingesenkt werden. Auf diese Weise wird diese Geschichte eine tiefe und entschiedene Wirkung haben, welche keine Angriffe und Entstellungen verwischen werden. Was will die feudal-klerikale Partei? Theils durch offenmüthig aufgestellte Programme, theils durch zahlreiche Artikel der Organe der feudal-klerikalen Partei weiß man, was diese erzielt, was sie zum Zwecke ihrer unermüdliche» Anstrengungen gemacht hat. Sie will: 1. Tie Beseitigung der Gleichstellung, also vorzugsweise die Aufhebung der Emanzipation der Juden; 2. die Beseitigung des allgemeinen Stimmrechtes; 3. die Umwandlung der konstitutionellen Verfassung in eine ständische und korporative;

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