Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1889)
- Date
- 1889-08-29
- Page
- Seite 544 (sequence 4)
- Language
- German
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sittliche Vergehen nicht Vorkommen, ohne die Jugend zu schädigen. Hierin irrt man eben. Die gottbegeisterten Verfasser der heiligen Bücher dachten gar nicht daran, ein Lehrbuch der Moral zu schreiben und es zum Lesebuch für die Kinder zu bestimmen. Die Morallehre wird in der Bibel in der (Lehre, im Gesetz und in den Vorschriften gegeben, die Geschichte aber in ihr soll nur den Verlauf der Begebenheiten verzeichnen, der nicht wiedergegeben werden konnte, ohne die Schwächen der menschlichen Natur zu berühren. Uebrigens zeigt die biblische Geschichte überall die Strafen, welche den Vergehungen ihrer Helden folgten. Jakob mußte als Flüchtling vom Elternhause und der Heimath sich trennen und Laban zum Knechte werden; selbst Moses läßt die Schrift für seine Schwäche im Zornmuth die Strafe erhalten, daß er das verheißene Land nicht betreten durfte; David mußte für sein Vergehen gegen Urijah die tiefste Reue ertragen und den bittersten Schmerz über den Tod seines Kindes erdulden. Und wie erst wird die Schuld des Volkes Israel durch den Untergang seines Staates und die Verbannung nach Babel gebüßt, und in jeder Rede stellen die Propheten dieses furchtbare Ereigniß als Züchtigung für seine Verschuldungen dar. Das ist doch wohl echte Moral, wie sie so klar und bestimmt von der Geschichte nicht gelehrt wird. — Welche ist nun die richtige Auffassung der biblischen Geschichte? Tendenz und Zweck der biblischen Geschichte ist: den langen und schweren Kampf der Gotteslehre, der Anerkennung und Verehrung des einzigen Gottes gegen das Heidenthum und den Götzendienst im Volke Israel zu verfolgen und in seinem ganzen Verlause darzustellen. So kämpfen schon die Erzväter um den Bestand der Gotteslehre in ihrer Familie, wie z. B. das erste Werk Jakobs nach seiner Rückkehr nach Canaan war, „die fremden Götter aus seinem ganzen Hause und Anhang zu entfernen" (1. Mos. 35, 2). So kämpfte Moses in Egypten und in der Wüste, um die Gotteslehre dem Volke zu übergeben und in ihm wurzeln zu lassen. Immer wieder drang das Heidenthum ein und forderte den Kampf der Gottgetreuen unter den Richtern und unter den Königen heraus. Wird uns doch bei jedem Könige das Verhalten desselben zur Gotteslehre angegeben, und wenn noch so wenig von ihm zu sagen war. Die beredten Täger dieses Kampfes waren sämmtliche Propheten in ihren gewaltigen Reden, und selbst Esra und Nehemia hatten noch die Ausläufe dieses Kampfes zu bestehen, nämlich das Eindringen des samaritanischen Mischglaubens und des Heidenthums durch die fremden Weiber. Hiermit war der große Kampf zu Ende, und hiermit endigt auch die biblische Geschichte. Es ist, als ob diese uns bekunden wollte, daß die Menschenvölker, so lange sie auf den ersten großen Stufen der Cultur standen, auf den Polytheismus ihrer Natur nach hingewiesen waren, so daß der Monotheismus selbst in dem Volke, in welchem er zuerst aufleuchtete, ein Jahrtausend lang mit jenem zu ringen hatte. Die Verbreitung desj Christenthums und des Islam ging später so rasch und so entschieden vor sich, daß man annehmen muß, die Geistesentwickelung der Menschen war unterdeß so weit vorgeschritten, daß die Beseitigung des Heidenthums und die Aneignung des Monotheismus das Werk eines kurzen Zeitraums wurde, gleichsam nur eines Anstoßes bedurfte, um die Bewegung allgemein zu machen. Da diese Gotteslehre in ihrem Fortbestände auf einer Nation beruhte, so war es natürlich, daß die Geschichte jener auch die Geschichte dieser, der israelitischen Nation enthalten mußte; die biblische Geschichte erhielt hiedurch auch ein politisches und allgemein historisches Element. Dem genaueren Beobachter kann es aber nicht entgehen, daß in den biblischen Büchern dieses Element viel nebensächlicher behandelt und fast nur in dem Maße berücksichtigt wird, als es eben mit dem religiösen Verhalten des Volkes in unmittelbarer Verbindung stand. Die biblische Darstellung läßt deshalb bezüglich der politischen Geschichte viele Lücken. — Dies ist der richtige Gesichtspunkt, von welchem die biblische Geschichte aufgefaßt, verstanden und gelehrt werden muß. Geben wir hierfür einige Beispiele. Unter den Gestalten, welche sie an uns vorüberführt, sind diejenigen, welche ken meisten Angriffen ausgesetzt sind: Jakob und David. Es ist nicht an uns, die sittlichen Schwächen, welche diese beiden Heroen zeigen, zu beschönigen, da dies ja die Bibel selbst nicht thut. Aber wie jene unter dem Lichte richtiger Auffassung erscheinen, das ist die Frage. Was ist Esau und was Jakob? Das erste Buch Moses zeigt uns Esau durchaus in keinem dunklen Lichte. Daß er gegen Jakob, der der weiblichen List seiner Mutter Folge geleistet, in Hellen Zorn gerieth, war naturgemäß. Er zeigt sich jedoch später sehr versöhnlich und als liebevoller Bruder. Aber er war, wie die Schrift sagt, „ein jagdkundiger Mann, ein Mann des Feldes" (25, 27), das heißt nicht ein Landbebauer, sondern der die Fluren nach Wildpret durchstreifte. Er sammelte streitbare Männer um sich, wählte aber nicht die Fluren Canaans zu seiner Ansiedelung, sondern zog in das Gebirge Seir und gründete da die edomitische Nation. Jakob hingegen war „ein schlichter Mann, Zelte bewohnend", d. h. der Viehzucht und Landbau betrieb und friedfertig sein Leben in den Zelten verbrachte. Beide waren nun vor die Frage gestellt, wer von ihnen den abrahamitischen Beruf, die Gotteslehre, zu erhalten und die in der Familie tradirten Verheißungen auf das Land Canaan überkommen sollte? Dies ist der Angelpunkt des Streites zwischen Jakob und Esau, dessen Entscheidung eigentlich von vorn herein durch Esau selbst gegeben war, und aus welchem Jakob als armer Flüchtling hervorging, aber fest und treu an der Gotteslehre hängend. Aber auch Laban gegenüber befand er sich gewissermaßen in der