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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-08-29 · Heft 35 (29.8.1889) · p. Seite 543

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 35 (29.8.1889)
Date
1889-08-29
Page
Seite 543 (sequence 3)
Language
German
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543 Anleihen und jedes größere Unternehmen eines anderen her, dem die Verzinsung und die Rückzahlung obliegt. Es ist dies nicht sowohl Sache der Financiers, die nur die Vermittler sind. Ein Jeder aus dem Volke, der Ersparnisse besitzt, legt diese in derartigen Effecten an. Entstände nun ein großer Krieg, so würden diese Effecten ganz oder theilweise entwerthet, und der Besitzstand selbst der neutralen Völker auf's Empfindlichste vermindert, viele Familien in Armuth gestürzt. Alsdann hat die in solchem Maße nie dagewesene Entwickelung der Industrie und des Handels bewirkt, daß fast alle Production auf Export und Import angewiesen ist. Würden durch einen großen oder gar andauernden Krieg alle diese Verhältnisse durchschnitten, so lägen Industrie und Handel mit einem Male brach, die Fabrikgebäude und Maschinen würden werthlos, große Massen von Arbeitern brodlos. Alle diese Umstände müssen die Staatslenker in Erwägung ziehen, daß sie vor jedem Kriegsgedanken zurückschrecken und alle möglichen Mittel anwenden, um diesen Gefahren vorzubeugen. Was die Frage betrifft, ob Freihandel oder Schutzzoll oder gar Absperrung Nutzen oder Schaden bringen, so ist sie noch eine offene. Wahrscheinlich nützen und schaden beide, und es handelt sich nur darum, wer von beiden, selbst für die sog. nationale Arbeit, den größer» Nutzen oder Schaden verursacht. Hierüber hat die Erfahrung noch zu entscheiden. Mag daher der „Verein der Friedensfreunde" an Mitgliederzahl noch gering und keiner der Potentaten oder der activen Staatsmänner in denselben eingetreten sein: die Kriegslust verschwindet immer mehr aus den Völkern, und das Verlangen nach den Segnungen des Friedens wächst von Tag zu Tag. Was wir oben angeführt, ist alles Thatsache und zeigt klar, daß die civilisirte Gesellschaft mit unverkennbaren Schritten dem allgemeinen Völkerfrieden sich nähert, und diese Ueberzcugung wollten wir in unfern Lesern bestärken. Die richtige Auffassung -er biblischen Geschichte. Seitdem Spinoza der Bibelkritik den Mund geöffnet und Voltaire seine Sarkasmen gegen die h. Schrift losgelassen, giebt es wohl kein Buch in der gesammten Weltliteratur, welches eine derartige bunte und buntfarbige Be- und Mißhandlung erfahren hat, wie die Bibel und insonders die biblische Geschichte. Ernste und leichtfertige Kritik, Tadel- und Spottsucht, Phantasterei und Hypothesensucht machten sich aus ihr einen Tummelplatz ihrer Launen und ihrer willkürlichen Combinationen. Man braucht nur die Menge der Bücher zu mustern, welche über die Abfassungszeit und die Zusammensetzung der biblischen Bücher erschienen sind und die eines das andere immer verdrängen. Man lese nur die vielen „Geschichte des Volkes Israel", von denen im letzten Jahre wieder ein halbes Dutzend die Druckerpresse verließen, und die, jede von anderen Voraussetzungen ausgehend, ein sehr verschiedenes Bild von ihrem Gegenstände entwerfen. Hat doch, um ein Beispiel anzuführen, selbst Gesenius in' seinen Vorlesungen sich zu sagen gestattet, daß das Gebet' Abrahams um 'Schonung von Sodom und Gomorra, wenn eine Anzahl Gerechter in ihnen vorhanden wäre, uns schon den Schachergeist des jüdischen Volkes zeige, und wie Biele haben ihm dies nachgesagt — obschon der ausgezeichnete Gelehrte wissen mußte, daß die Israeliten durch mehr als zwei Jahrtausende gar keinen Handel trieben, und selbst der Versuch Salomo's, in Verbindung mit den Phöniciern einigen Seehandel zu treiben, schon nach einigen Jahren wieder aufgegeben wurde; wissen mußte, daß erst Jahrhunderte nach der Zerstreuung des Volkes, als ihnen Grundbesitz und andere Berufsarten untersagt wurden, die Juden zum Handel griffen und einen tüchtigen Handelsgeist entwickelten, der zu Zeiten großen Ländern zu wesentlichem Nutzen gereichte. Hat doch Bernstein, der eminente Publicist, vor einiger Zeit in einer Schrift die Ansicht ausgesprochen und vertheidigt, daß das erste Buch Moses aus Flugblättern verschiedener sich bekämpfender Parteien zusammengesetzt sei! Doch überlassen wir diese Marotten sich selbst. Es ist eben nicht schwer, derartige Dinge zu schmieden, wenn man die h. Schrift wie ein Stück Wachs ansieht, das man mit seiner Hand beliebig kneten und daraus Gestalten bilden könne, wie sie einem grade in den Kram passen. — Am meisten greift man die biblische Geschichte an, weil sie Persönlichkeiten vorführt, von welchen sie selbst Schwächen und Fehltritte berichtet. Allein, was würde aus der Weltgeschichte, wenn man die von ihr gefeierten Persönlichkeiten mit dem rigorös-moralischen Maßstab messen wollte? Was selbst aus denen, welchen sie den Beinamen „des Großen" beilegt? Es ist eben der Beruf der Geschichte, die Ereignisse und Personen möglichst sorgfältig, jene nach ihrem Verlauf, nach ihren Ursachen und Wirkungen, diese nach ihren Thaten und ihrem Charakter zu schildern, weder Licht noch Schatten zu verwischen, weder Vorzüge noch Schäden zu übergehen. Gleiches thut die biblische Geschichte, und man müßte deshalb ihre Wahrhaftigkeit und historische Treue anerkennen. Denn wie leicht wäre es den Autoren der biblischen Geschichte gewesen, diese Schwächen und Fehltritte ihrer Heroen zu verschweigen oder zu mildern. Aber sie wollten dies nicht und geben von den verehrtesten Helden offenmüthig die Schattenseiten zu erkennen. Sie hatten nicht die Absicht, in ihren Berichten sentimental-moralische Fiktionen, sondern die Wirklichkeit nach ihrem geschichtlichen Werden und Sein zu zeichnen und der Nachwelt zu übergeben. Hier kommt man nun mit dem Einwande: die Bibel ist aber ein Lehrbuch der Moral, und in einem solchen dürfen doch solche m*

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