Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1889)
- Date
- 1889-08-29
- Page
- Seite 542 (sequence 2)
- Language
- German
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542 listen bezeugten wiederholt, daß nach jedem größeren Kriege eine sittliche Verwilderung durch die Vermehrung von Verbrechen der Körperverletzung, des Raubes und des Mordes sich bekunde, die erst nach vielen Friedensjahren sich wieder vermindere. Der friedliche Wetteifer in Industrie, Handel, Wissenschaft und Kunst und die humanen Bestrebungen für gemeinnützige und wohlthätige Anstalten fördern die sittliche Entwickelung weit mehr, als die Ausübung der Tapferkeit. Wir halten es mit dem Ausspruche Jean Paul's: „Die größten Heldenthaten vollziehen sich zwischen den vier Pfählen!" Treten wir unserer Frage näher, so bietet sich unserer Betrachtung zunächst die in den civilisirten Völkern immerfort wachsende Friedensliebe, das allgemein gefühlte Friedensbedürfniß dar. Es giebt jetzt kein Volk, das kriegerische Gesinnung hege, und die Furcht vor den schweren Uebeln, vor den verheerenden Wirkungen eines Krieges lebt in alle» Nationen. Was gewinnt denn auch das Volk selbst durch einen Sieg? Die Vortheile fallen nur gewissen Klassen zu, während das Volk, auch das siegreiche, die schwersten Opfer zu bringen hat. Dies bewährt sich auch -dadurch, daß jede Kunde von der Friedensliebe der politischen Machthaber, jede Bürgschaft für die Fortdauer des Friedens von den Völkern mit Jubel und Dank ausgenommen wird, so daß die noch vorhandene sog. Kriegspartei schweigen muß. — Ein anderes Moment von großem Gewichte ist, daß im großen Ganzen die Territorialkriege ein Ende genommen. In früheren Jahrhunderten zettelten die absoluten Herrscher viele Kriege um den Erwerb irgend eines größeren oder kleineren Landes, um die Vergrößerung ihres Besitzes an, wobei es auf die Nationalität und auf die Votkswünsche gar nicht ankam. Wie viele dieser den eigenen Staat erschöpfenden Kriege endeten im Friedensschlüsse mit so geringen Erfolgen, daß sie des ungeheuren Kraftaufwandes gewiß nicht werth waren. In Europa sind jetzt die Territorien der bestehenden Staaten so fest abgegrenzt, daß Niemand an den Erwerb eines fremden Bodens durch den Krieg gegenwärtig mehr denkt. Eine Ausnahme macht hierin nur Elsaß-Lothringen, welches wieder zu erobern die Franzosen in ihrem Nationalstolze nicht aufgeben. Nur die der türkischen Herrschaft noch unterworfenen europäischen Provinzen gehen noch einer stürmischen Zukunft entgegen. Hier sind es die verschiedenen kleinen Nationalitäten, die nach Freiheit und Selbständigkeit dürsten und bei dem wachsenden Niedergang der türkischen Bevölkerung und der Schwäche ihrer Machthaber in diesem Verlangen gestärkt werden. Es kann nicht ausbleiben, daß sich hier noch schwere Kämpfe abspielen, und die Großmächte mit ihren einander entgegenlaufenden Interessen hineingezogen werden. Aber auch hier ist es kaum das Streben nach Erweiterung des Territorialbesitzes, das sich bethätigen könnte, als vielmehr das Nationalgefühl, welches nach Unabhängigkeit und nach Abrundung seines Gebietes verlangt. Nur in Jnnerasiert und in Afrika macht sich noch die alte Tendenz nach Besitznahme fremder Gebiete geltend, und es ist immerhin möglich, daß hier europäische Großmächte in den Kampf mit einander gerathen. Wenn in Europa selbst die verschiedenen Staaten in gespannten Verhältnissen einander gegenüberstehen, wenn Frankreich die verlorene Suprematie wieder zu gewinnen, wenn andrerseits Rußland die Suprematie in Europa sich anzueignen das Verlangen trägt, so steht das Bündniß der mitteleuropäischen Großmächte, welchem sich jetzt Großbritannien, wenn auch ohne Vertrag, zuneigt, gegenüber. Bündnisse sind freilich leicht hinfällig; aber hier bestehen so gewichtige politische und materielle Interessen, daß der Bestand des Bündnisses auf lange Zeiten gesichert erscheint. Dieses Bollwerk des europäischen Friedens ist stark genug, um dem Westen wie dem Osten den Frieden aufzuzwingen. Wenn die europäischen Staaten, wenigstens einige, Unruhen zu befürchten haben, so gehen diese vielmehr theils aus ihrem Völkergemisch, theils aus ihren socialen Zuständen hervor. Aber es ist nicht zu verkennen, daß nach beiden Momenten hin, abgesehen von der Kraftfülle der Regierungen, die staatliche Entwickelung dahingeht, für beide Uebelstände zweckmäßige Heilmittel zu suchen und zu finden. — Wenn in jenem Prophetenspruche gesagt wird, daß sich dereinst die Völker bei ihren Streitfragen, statt nach den Waffen zu greifen, durch Schiedsgerichte auseinandersetzen werden: so wird auch hierzu der Weg durch den immer häufiger auftretenden Gedanken, die streitigen Fragen durch Congresse auszugleichen, geebnet. Kommt es doch schon öfter vor, daß die in Streit gerathenen Staaten einen Schiedsrichter wählen, dessen Ausspruch anzuerkennen sie sich im Voraus verpflichten. Es thut nun nichts, daß solche Congresse bisweilen resultatlos verlaufen, oder daß ihre Bestimmungen mit der Zeit wieder verletzt werden; je mehr bei allen vorkommenden Zwistigkeiten an die Vermittelung eines Congresses gedacht wird, desto mehr Nachdruck erhält ein solcher und wird der Gedanke an einen Krieg zurückgedrängt. Wir wollen nicht unterlassen, daran zu erinnern, daß die Nordamerikanische Union vor Kurzem einen Congreß aller amerikanischen Staaten beabsichtigte, um ein für alle mal die Verhältnisse aller dieser Staaten zu einander zu ordnen und sie miteinander zu verbinden. Es scheint neuerdings, daß dieser Aufforderung der Union Genüge geschehen werde. — Vielleicht die wichtigste Rolle in unserer Frage spielen aber die materiellen Interessen. Unsere Zeit, welche sich eifrigst bemüht, auch die entferntesten Orte des Erdballs mit dem großen Ganzen der Menschenfamilie durch Schienen und Dampfkraft zu verbinden und hierauf ungeheure Werthe verwendet, arbeitet mit Macht wider den Krieg. In erster Linie steht hier das finanzielle Wesen. Jedes Volk giebt seine Capitalien für die