Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1889)
- Date
- 1889-08-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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emerne Zeitung des Iudmthums. Ein unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. 1 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis Vierteljahr!. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,60 M. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Dann. Krpeditio«: Leipzig, Kofpitakstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) find gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 29. August 1889. Nr. 35. Inhal!. Leitende Artikel: Die allemeine politische Lage. — Die richtige Auffassang der biblischen Geschichte. — Was will die feudal-klerikale Partei? — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest, Fogaras, Aus Galizien. — Frankreich: Paris. — Belgien: Brüssel. — Holland: Utrecht. — Bonn: Notizen. — Bonn: Literarische Notizen.— Feuilleton: Die Stadt Ramses nnd der Auszug aus Egypten. — Polnisch-jüdische Kunst. —Nachtrag: Gießen, Ober-Jngelyeim, Breslau. Bonn, 25. August. Die allgemeine politische Lage. Es ist jetzt zur vollen Erkenntniß gekommen, daß die Hoffnung auf einen dereinstigen allgemeinen Bölkerfrieden zu den integrirenden Glaubenssätzen des Judenthums gehört. Schon der uralte Prophetenspruch, welchen Jesaias (2) und Micha (4) zum Texte ihrer Reden gemacht, verkündete, daß einstens die Völker „den Krieg nicht mehr erlernen" und ihre Waffen zu friedlichen Werkzeugen umwandeln würden. In diesem Sinne sprachen auch die folgenden Propheten, namentlich Jesaias II. In der ganzen talmudisch-rabbinischen Zeit lebte in Lehre, Gebet und Volksseele der Glaube an das Erscheinen eines persönlichen Messias, welcher den Gedanken verkörperte, daß sich alle Völker um das wiederhergestellte Israel schaaren und ein Reich des Friedens gründen werden. Im neueren Judenthume gestaltete sich dieses auf dem Grunde der Propheten zum Dogma einer zukünftigen messianischen Zeit aus. Eine so durch alle Phasen des Judenthums geleitete Tradition kann nicht anders als ein wesentlicher Bestandtheil des jüdischen Glaubensschatzes angesehen werden. Es geziemt sich daher wohl, von diesem Höhenpunkte aus von Zeit zu Zeit sich die Frage vorzulegen, ob die Menschenwelt, die sich gegenwärtig so rasch fortbewegt, diesem Ziele sich nähere oder nicht? ... Allerdings gehört diese Lehre zu den idealen Gedanken, und man weiß, daß die Machthaber auf dem politischen Gebiete idealen Gedanken nicht Nachfolgen können, da sie stets die realen Verhältnisse und Bedingungen im Auge haben müssen, ilm ihre Berechnungen und Pläne danach einzurichten. Aber es ist doch auch nicht zu verkennen, daß dem ungeachtet die idealen Gedanken durch ihre wachsende Verbreitung unter den Menschen ein Schwergewicht erlangen, das zu ihrer allmäligen Erfüllung auch die politischen Machthaber nöthigt. Wir haben im laufenden Jahrhundert dergleichen Beispiele zu viele erlebt, als daß wir sie hier als Beweise anzuführen hätten. Es ist dann eine gewöhnliche Erscheinung, daß aus gewissen Kreisen heraus dahin gestrebt wird, die aus jenen idealen Gedanken entsprungenen Institutionen ihres idealen Inhalts zu berauben; dies gelingt aber doch nur immer auf einige Zeit, und die Kraft jener Ideen zeigt sich immer wieder in der Ueberwindung der ihnen entgegengestellten Hindernisse. — Ein berühmter Feldherr hat in einer sehr bekannten parlamentarischen Rede sich dahin ausgesprochen, daß der Krieg ein nothwendiges Uebel sei, weil durch ihn die Versumpfung der Völker verhindert und die höheren Tugenden geweckt und gestärkt würden. Jedoch fand er hiermit nur in einem engeren Kreise Anklang und Zustimmung. Selbst Diejenigen, welche den Militarismus auch in unserer Zeit für die Sicherung der staatlichen Gesellschaft nach Außen und nach Innen für unentbehrlich halten, sind der Verwendung desselben zu kriegerischen Zwecken abhold und erkennen die Lasten, die er dem Volke auferlegt, eben nur als unumgänglich an. Die Tugenden des Helden- und Opfermuthes, die der Krieg wecken möge, werden durch die Entfesselung der rohesten Leidenschaften mehr als ausgewogen. Die zuverlässigsten Crimina- 85