Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1889)
- Date
- 1889-08-22
- Page
- Seite 537 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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537 ohne mehrfache Beantwortung. Eine der letzten ist: Offener Brief an Herrn Professor Franz Delitzsch, Geh. Oberkirchenrath in Leipzig, von vr. Adolf Blum enthal (Frankfurt a/M. Hofmann 1889). Der Berf. drückt in schöner eindringlicher Sprache sowohl seine Verehrung für die Verdienste Delitzsch's als auch seine Gegensätzlichkeit dem Standpunkte des eigenartig strenggläubigen christlichen Theologen gegenüber aus. Den warmen Worten des Vers, sieht man die feste Ueberzeugung von dem, was er sagt, an, und wir würdigen dies, wenn er sich als Orthodox bekennt und sich über die Reform nicht gerade anerkennend ausläßt. Delitzsch nimmt in jener Schrift einen bei ihm auffallenden Standpunkt ein. Er will den „gebildeten Juden" insinuiren, daß zwischen der jüdischen und der christlichen Dogmatik gar kein Unterschied sei, da beide die Einzigkeit Gottes bekennen. Er übergeht deshalb mit Stillschweigen die Dreieinigkeit, die Erbsünde, die Menschwerdung Gottes in Jesu, die Rechtfertigung durch den Tod Jesu und den Glauben an diesen Opfertod, gewiß Dogmen, welche die protestantische Kirche so gut wie die beiden katholischen hoch und aufrecht erhalten und welche eine weite Kluft zwischen Judenthum und Christenthum bilden. Delitzsch begnügt sich deshalb, die Juden nur zu dem Glauben zu bringen, daß Jesus der Messias gewesen und sich hierfür auf einige der hierfür bekannten und schon so oft Ventilirten Stellen des Alten Testaments zu stützen, auf einige, denn etliche von den Missionären hierzu verwandten Stellen giebt er selbst auf. Wahrscheinlich meint er, daß wenn die Juden nur erst an Jesus als den Messias glauben, das Andere sich schon finden werde. Es war deshalb für Blumenthal nicht allzu schwer, ihn zu widerlegen. Das Dogmatische übergeht er, wahrscheinlich um sich in keine so leicht verletzende Polemik einznlassen. Er greift die Sache von der geschichtlichen und von der exegetischen Seite an, indem er darauf hinweist, daß die Geschichte seit Jesus gerade das Gegentheil von dem darbietet, was die h. Schrift als Folge der Erscheinung des Messias verkündet, und den Sinn und Inhalt der von Delitzsch betonten messianischen Schriftstellen nach gesunder Exegese richtig zu stellen sucht. Beides ist ihm gelungen, so daß wir diese kleine Schrift als lesenswerth empfehlen können. Bonn, 14. August. (Literarische Notizen.) Seitdem die Bücher der hl. Schrift ins griechische übersetzt worden, also ungefähr seit zwei Jahrhunderten vor dem Falle Jerusalems, haben sich dichterische Bearbeitungen biblischer Stoffe immer wiederholt. Den ersten Versuch machte ein egyptischer Jude in einem Drama „der Auszug aus Egypten", in welchem er getreulich die biblischen Worte in griechischen Senaren (6 füßigen Jamben) wiedergab. Von da ab wiederholten sich derartige Poetische, auch metrische Reproductionen, namentlich auch in geistlichen Spielen, die von der Kirche begünstigt wurden. Was Wunder, daß insbesondere der Gottesmann Moses von den Dichtern zu Heldengedichten verwandt wurde und dessen Lob in allen Sprachen erklang. Wir erinnern nur an Wessely's herrliches Epos in musterhafter neuhebräischer Sprache, an Steinheims großartiges Epos „Sinai" und M. Rapaport's „Moses" in deutscher Sprache. Vor Kurzem stießen wir auf eine Notiz, daß fog| französische Dichter Alfred de Vigny ein Gedicht „Mois^ verfaßt hat. Gegenwärtig war dies ziemlich unbekannt, bis wir es an erster Stelle in der Gesammtausgabe der Werke Bigny's gefunden. Allerdings war es das erste Gedicht, welches er veröffentlichte und schon 1822 abgefaßt, auch nimmt es nur 6 Seiten ein. Aber es ist doch werth, daß wir dessen erwähnen und für diejenigen, welche sich für diesen Literaturzweig interessiren, es in Erinnerung behalten. In den wohlklingendsten Alexandrinern bewegt sich das Gedicht reich mit Bildern geschmückt, schildert die Größe des gewaltigen Gesetzgebers und Heerführers nach allen Seiten und giebt ihm eine sentimentale Färbung, die freilich mehr modern als antik ist. Der Dichter faßt Moses in seinen letzten Lebensmomenten auf, wie er im Vollgefühl der geistigen und materiellen Macht seiner Schöpfungen sich einsam fühlt und müde und Gott anfleht, sein Leben zu beenden. Moses besteigt den Nebo, überschaut das Land, wie es sich unter die Stämme vertheilen werde. Am Fuße des Berges lagert das Volk, zündet Weihrauch an auf vielen Altären und singt dem Herrn Loblieder. Da fleht Moses Gott an und endet jede Strophe mit den Worten: „Ach Herr, du hast mich mächtig und einsam gemacht, laß mich nun schlasen, den Schlaf der Erde!" Sein Wunsch wird erfüllt; das Volk erwartet ihn vergebens zurück; man beweint ihn, und Josua, das Volk zum verheißenen Lande führend, schritt nachdenklich und erbleichend voran, denn er war schon der Erwählte des Allmächtigen." — Der Gedanke des Dichters war also, zu zeigen, daß der gottbegabte Mensch auf der Höhe der Erkenntniß und der Macht sich dennoch nicht glücklich, sondern gerade auf dieser Höhe vereinsamt fühlte, und diesen Gedanken auszudrücken und zu verkörpern, wählte er Moses, als er von der Höhe des Berges das Werk seines Lebens so weit vollendet sah, wie er es zu führen berufen war. Bemerken wollen wir, daß zu diesem Gedanken sich einige Anklänge in der Thora vorfinden, wenn Moses sich von der Last seines Berufes niedergedrückt fühlte.