Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1889)
- Date
- 1889-08-22
- Page
- Seite 536 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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536 stattfand, gestaltete sich zu einer imposanten Manifestation, nicht allein daß sämmtliche bessere Bürger und alle Beamten des Ortes, sowie die Lehrer der ganzen Gegend zugegen waren, auch die beiden evangelischen Ortspfarrer und der aus der Ferne herbeigeeilte Schulinspector Pfarrer Hackenberg aus Hottenbach gaben dem Verstorbenen das letzte Ehrengeleit. Die Leichenrede hielt der vom Vorstande berufene Rabbiner vr. Blumenstein aus Luxemburg, der seit vielen Jahren mit dem Verstorbenen befreundet war. Anknüpfend an die Worte Jesaias 56, 5 beleuchtet der Redner in tief empfundener Rede die aufopfernde Thätigkeit, den idealen Sinn, das wissenschaftliche Streben, sowie die aufrichtige und ungeheuchelte Religiosität des Entschlafenen. Namentlich auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft hatte der Verstorbene durch rastlosen Forschertrieb ein bedeutendes Wissen sich angeeignet. Bei der letzten Schulprüfung wurde seine Schule von dem Kreisschulinspector für die beste des Bezirkes erklärt. Ackermann war ein selbstloser, bescheidener Mann von seltener Charakterstärke, in demselben lebte etwas von dem Geiste Moses Mendelssohn's, der gleichfalls bei äußerer Körperschwäche eine eiserne Willenskraft und einen nie zu stillenden Forschertrieb bethätigte. — Friede seiner Asche und Segen seinem Andenken. Bonn, 28. Juli. (Literarische Notizen.) Die Lieferung der Revue des Deux Mondes vom 15. Juni enthält einen Aufsatz unter dem Titel „Ein Apologist des preußischen Staates" über die sämmtlichen Schriften des Herrn v. Treiischke, verfaßt von I. Bourdeau. Selbstverständlich weckte diese Ueberschrift unsere Neugierde. Treiischke vor einem französischen Forum! Wie wird das Urtheil über ihn lauten? Jndeß sagen wir es gleich, unsere Erwartung wurde nicht erfüllt. Wir verlangen gewiß kein feindseliges Urtheil, jedoch ein unparteiisches. Wir fanden aber so gut wie gar keins. Die gegenwärtigen Mitarbeiter der Revue des Veux Mondes hegen eine tiefe Abneigung gegen die jetzigen französischen Zustände, die Republik, den Parlamentarismus, und sie blicken deshalb mit einer, wenn auch nicht eingestandenen Bewunderung auf Deutschland, dessen Kraftentfaltung und Verfassung, aus welcher sie nur das allgemeine Stimmrecht entfernt wünschen. Vor diesen Gefühlen schweigt selbst der Deutschenhaß, und der Lenker des deutschen Reiches hat schon in den Spalten der genannten Zeitschrift großes Lob und geringen Tadel gefunden. Der Aufsatz des Herrn Bourdeau enthält deshalb eigentlich nur eine Darstellung der Anschauungen Treitschke's mit seltenen Rückblicken auf seine Vorgänger. Auf eine Widerlegung, ja nur auf eine ausführlichere Stigmatisirung läßt er sich nicht ein. Er nennt ihn einen „Stockpreußen pan exeellence“. Er führt an, daß einer der politischen Gegner Treitschke's mit Anspielung auf die ausschließlichen und willkürlich geschlossenen Ideen, die er sich unter der deutschen Jugend zu verbreiten bemüht, das harte Wort über ihn gesagt: Treiischke ist ein Tauber, welcher Blinde macht." Er bezeichnet das geschichtliche Werk Treitschke's mit den Worten: „Tr. ist mit vielen Thatsachen sehr willkürlich umgesprungen. Sein Werk ist mehr das eines im Voraus überzeugten Apologisten (Lobredners), als eines unparteiischen Erzählers, eines Quellen und Beweise gewissenhaft prüfenden Geschichtsschreibers." Dies ist aber auch Alles und der Vers, des Artikels stellt sich mehr auf die Seite Treitschke's, weil schließlich der Erfolg für Preußen gesprochen habe. Es versteht sich, daß er auch den Antisemitismus Treitschke's und dessen Bemühungen, für denselben unter den Studenten Propaganda zu machen, erwähnt, aber nur kurz und ohne ein einziges Wort der Verurtheilung auszusprechen. Er berichtet einfach nach Treitschke's Darstellung, daß „das junge Deutschland seine propagandirende Kraft aus dem Judenthume, aus den Schriften Börne's und Heine's gezogen habe und denselben Charakter an sich trage wie diese Race, welche mit dem engsten Kastengeiste auf die Gesellschaften, wo sie lebt, eine auflösende Thätigkeit übe, und zwar besonders durch die Ironie, die immerwährende Verspottung aller Dinge und ihrer selbst, welche der Ruin selbst des moralischen Gewissens sei." Es fällt Hrn. Bourdeau nicht im entferntesten ein, ein Wort des Widerspruches gegen diese einseitige, beschränkte Auffassung, welche eben nur die eine Seite jener Schriftsteller hervorhebt, hinzuzufügen und darauf aufmerksam zu machen, daß ein Dichter wie Heinrich Heine doch auch noch eine ganz andere Thätigkeit und Wirkung entfaltet hat, so daß z. B. seine Lieder noch heute ein Eigenthum der ganzen deutschen Nation sind, und daß jene Ironie doch auch eine Folge der persönlichen Mißhandlung war, welche jene Autoren betroffen hatte. Hat der jüdische Stamm in der deutschen Literatur nicht mit Mendelssohn debutirt, welcher gerade die entgegengesetzten Eigenschaften besessen und in seinen Schriften reichlich bethätigt hat? Sind nicht nach Börne und Heine viele ernste Männer der Wissenschaft, der Kunst, des politischen Lebens aus dem jüdischen Stamme hervorgegangen und haben nach allen Richtungen hin an der Entfaltung des deutschen Geistes und an dessen Resultaten eine verdienstvolle Theilnahme bethätigt? Dies sind Thatsachen, welche die Bosheiten Treitschke's gegen und über die Juden hinreichend widerlegen, und wenn der französische Kritiker davon keine Notiz nimmt, macht er sich ebenfalls zu einem einseitigen Apologisten, den er in Treiischke findet. Im Uebrigen berufen wir uns auf unsere früheren Leitartikel über Heinrich von Treiischke. — Bonn, 29. Juli. Man wird sich erinnern, daß Franz Delitzsch vor einiger Zeit ein Büchlein „Ernste Fragen an die Gebildeten jüdischer Religion" veröffentlicht hat, über welches auch wir uns in dieser Zeitung ausgesprochen haben.. Es blieb nicht