Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1889)
- Date
- 1889-08-22
- Page
- Seite 533 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227806--46441-3266005- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
533 Es kann dies nicht Wunder nehmen, denn diese Leute haben außer ihrem Judenhaß durchaus keine klare oder gar entschiedene politische Vorstellung. Ihr Bereinigungspunkt besteht nur in dem Verlangen, den Juden gesetzliche oder gewalsame Schädigungen zu bereiten. Zu bemerken ist nun, daß die Auflösung dieses Vereins in allen Kreisen, mit Ausnahme ihres eigenen, eine vollständige Zustimmung erhielt und die gesammte Presse, „Vaterland" und Genossen ausgenommen, sich dieser Maßregel erfreute. Wenn man beachtet, daß die liberalen Journale gegen jede polizeiliche Maßnahme gegen das Bereinsrecht stets nachdrücklich protestiren, so muß man die vollzogene Auflösung jenes Vereins und deren Billigung als Beweis erachten, wie dringend jene gewesen ist. Ueberhaupt läßt sich aus allen Symptomen der Schluß ziehen, daß auch hier der Antisemitismus in der Abnahme begriffen ist, so daß wir über den Höhepunkt dieser Krankheit glücklich hinweggekommen. Karlsburg, im Juli. Von hier wird geschrieben: „Herr Franz v. Wattek, seit 1884 hier garnisonirender Brigadegeneral und Festungscommandant, wurde zum Divisionsgeneral ernannt und nach Kaschau versetzt. Zwei Tage vor seiner Abreise überraschte er den hiesigen Rabbiner Herrn K. Weiß mit seinem Besuche. Als der Rabbiner seiner Verwunderung hierüber Ausdruck gab, sagte der General: „Ehrwürden, wenn wir auch im Verlaufe meines hiesigen fünfjährigen Commandvs persönlich einander ferngestanden, so haben mich dennoch mehrere Gründe zu diesem Abschiedsbesuche gedrängt. Ich würdige in Ew. Ehrwürden den Patriotismus, den Sie in Ihrem, den Hintritt des geliebten Kronprinzen Rudolf gewidmeten Nachrufe bekundet haben. Ich schätze in Ihnen die Pflichttreue und Pünktlichkeit, mit welcher Sie alljährlich die Befreiung der jüdischen Soldaten vom activen Dienste für die Zeit der israelitischen hohen Feiertage erwirken. Der rechtschaffene, vom blinden Glaubenseifer nicht angestachelte Mensch muß jeden Glauben in gleicher Weise achten. Ich liebe daher nicht nur meine Glaubensgenossen und deren berufstreuen Seelsorger, sondern auch die gläubigen und pflichtbewußten Seelsorger anderer Confessionen, wenn diese ernsthaft bestrebt sind, ihre Religionen ungeschminkt zu wahren. Nur die Halbheiten, nicht Jude, nicht Katholik, sind mir verhaßt. — Schließlich kann ich nicht umhin, anerkennend den Wohlthätigkeitssinn der hiesigen israelitischen Gemeinde hervorzuheben, den ich alljährlich beim Herannahen der israelitischen Osterfeiertage zu bewundern Gelegenheit hatte, da die Gemeinde, welche für ihre eigenen Armen sorgen muß und dieselben reichlich unterstützt, außerdem noch sämmtliche jüdische Soldaten während des Osterfestes verpflegt. Das hat mir Werthschätzung für diese Gemeinde eingeflößt, und ich bitte, Ew. Ehrwürden mögen die Freundlichkeit haben, diese meine Gesinnung Ihrer geehrten Gemeinde zu verdolmetschen." Der Rabbiner übernahm dankend diese Aufgabe, deren er sich auch in einer an den Gemeindevorstand gerichteten Zuschrift erledigt hat. Krumau (Süd-Böhmen), im August. Das Krumauer Jntelligenzblatt bringt den nachstehenden Bericht über die^, Abschiedskneipe der Abiturienten des Krumauer k. k. Staats^ Gymnasiums, welcher dem citirten Blatte von den „deutschnationalen" Abiturienten selbst zugemittelt worden ist. Wir entnehmen diesem Berichte Folgendes: „Am 20. v. M. fand man sich zu einer Abschiedsfeier zusammen, wozu gesinnungstüchtige Freunde gebührend eingeladen waren. So man alle die von allem Anfang an hintanhielt, denen eine begeisterte Jugend stets ein Dorn im Auge ist und man frei von Fremdlingen war, ist die ganze Feier selbstredend festlich verlaufen und hat gezeigt, daß der (antisemitische) Reinheitsgedanke bereits auch in unsere Gymnasialjugend gedrungen ist. — Nach Begrüßung der zahlreich erschienenen Gäste durch den Vorsitzenden und der Absingung eines nationalen Liedes ergriff einer der Abiturienten das Wort zur Festrede, in welcher der unverfälschte Hochgedanke vollends zum Ausdrucke gelangte. Die „ernste" Kneipe wurde dann mit einem Trinkspruche auf das deutsche Vaterland eröffnet. Ferner wurde noch gesprochen auf Bismarck, auf den nationalen Gedanken und seinen Schöpfer, auf die Festgäste. An den Schloßherrn von Rosenau, dessen Büste ein besonderer Schmuck der Bude (sie!) war, wurde ein Schreiben abgesendet. Aus der Festschrift fand insbesondere das Gedicht „Israel" stürmischen Beifall. Recht überflüssig war der edle Wetteifer zwischen Nachtwache und Polizei, sich gegenseitig in Wachsamkeit zu überbieten und Heimkehrende mit so angestrengter Aufmerksamkeit zu verfolgen. Den Stammesgenossen israelitischer Confession, die auf Deutschlands Einiger, den Heimgegangenen Kaiser Weißbart, einen Preis aussetzen (!) und dessen Tod die Alliance israelite in den Synagogen überall feiern ließ (!!), dem Volke vom todten Meere geschah nichts Böses und kein Fenster wurde zertrümmert." — Der Bericht schließt: „Wie es in der Festschrift heißt: „Unter dieses Banners freud'gem Wehen Wollen wir zum Heldenstreit erstehen Für ein großes Vaterland, Das umschließt, was deutsch man nennet Und nur schwache Grenzmark trennet! Fallen muß die letzte Wand!" werden die deutschen Studenten jederzeit daran festhalten und durch keine Rücksichten sich bestimmen lassen, nationale Regungen zu unterdrücken." — Ein netter Geist, der sich in diesem Kneipgeschwätz der Krumauer Gymnasialjungen ausdrückt! Man muß sich denn doch fragen, wann, wo und von wem eigentlich den Schülern des Krumauer Staatsgymnasiums dieser „Geist" eingeimpft worden ist. 34