Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1889)
- Date
- 1889-08-22
- Page
- Seite 532 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Passanten sich aufhalten. Die Freizügigkeit im deutschen Reiche hat diese Schranken niedergeworfen. Leipzig, 12. August. (Voss. Z.) Eine am gestrigen Tage Hierselbst stattgehabte Versammlung sächsischer Antisemiten, welche außer Leipzig nur die Städte Döbeln, Reichenbach i. B. und Zwickau beschickt hatten, und die unter ' dem Vorsitz des Herrn Liebermann von Sonnenberg tagte, hat die Gründung eines „deutsch-socialen" Landesvereins für das Königreich Sachsen beschlossen und zu dessen Organ die in Leipzig erscheinende „Antisem. Corresp." erwählt. Vorsitzende des Vereins werden die Herren Liebermann von Sonnenberg und Ingenieur Fritzsch sein. Bei den bevorstehenden Wahlen wollen die sächsischen Antisemiten zunächst eine Verständigung mit den Cartellparteien anbahnen, jedoch nur unter der Bedingung, daß auch die antisemitische Partei als eine selbständige anerkannt wird, und ihr nach Maßgabe ihrer Stärke einige Candidaten zugebilligt werden. Sollte man hierauf nicht eingehen, so würden nach der Ansicht des Herrn v. Liebermann die Cartellparteien allein für die Folgen verantwortlich zu machen sein. Jedenfalls würden alsdann in Sachsen möglichst viele antisemitische Candidaten aufzustellen sein. Erklärt wurde außerdem, daß für den nationalliberalen Abgeordneten Dr. Götz, den Vertreter des Leipziger Landkreises, der sich durch sein Auftreten gegen die antisemitischen Bestrebungen innerhalb der Wiener Turnvereine den Zorn der Antisemiten zugezogen hat, die „deutschsociale" Partei niemals zu haben sein würde. Stuttgart, 1. August. (Privatmitth.) Gestern fand im Hotel Eisig hier die jährliche Versammlung des Unterstützungs-Vereins israel. Lehrer und Vorsänger Württembergs statt, die auch die Herren Kirchenrath Dr. v. Wassermann hier und Rabbiner Dr. Einstein-Heilbronn 'mit ihrer Anwesenheit erfreuten. Voraus ging eine zweistündige Ausschußsitzung, in welcher hauptsächlich Unterstützungsgesuche erledigt wurden, Für das laufende Jahr wurden 1620 M. bewilligt, worunter ein Beitrag für den evangelischen Lehrerunterstützungsverein. Das Vereinsvermögen hat wieder einen erheblichen Zuwachs erhalten; es erhöhte sich in der verflossenen Etatsperiode 1886—1889 von 30,039.82 Mark auf 35,240.66 M. also um 5200.84 M. Diese Zunahme rührt hauptsächlich von den freiwilligen Spenden der Gemeinden her, deren deshalb in dankbarer Weise gedacht wurde; auch einiger Stiftungen zum Grundstock durfte der Verein sich erfreuen. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder erhöhte sich von 52 auf 59, incl. der heute aufgenommenen auf 63, wovon nicht ganz die Hälfte anwesend war. Bei der Neuwahl des Ausschusses wurden die bisherigen Mitglieder wieder gewählt, Hierauf begann die freiwillige Conferenz, in welcher Standesangelegenheiten berathen wurden. Der Vorstand, Oberlehrer Stern-Eßlingen, berichtete über die Erledigung der vorjährigen Beschlüsse, Erhöhung der Alterszulagen der Vorsänger und die Lesebuchfrage betreffend. Diese letztere Frage bildete auch heute den wichtigsten Gegenstand der Verhandlungen. Dr. v. Wassermann sprach in längerer, anregender Rede über die Schwierigkeiten bei der Herausgabe eines Lehrbuches für israel. Schulen, deren Zahl sich tagtäglich vermindere, so daß der Absatz der Bücher ein kleiner sei und bleibe. Die Vorbereitungen des bis jetzt eingeführten „Lesebuches für israel. Schulen" haben 9 Jahre gedauert, bis es die Genehmigung der Behörden erhalten habe. Straßburger-Buchau legt der Versammlung den Entwurf einer „Fibel" und eines „Lesebuches für Mittelclassen" vor, worüber der Vereinsvorstand referirte. Es wurde beschlossen, die Arbeit einer Commission (vr. Einstein-Heilbronn und Frank-Weikersheim) zur alsbaldigen Durchsicht zu übergeben, damit wenigstens die Einführung dieser beiden Bücher baldmöglichst stattfinde. Der Vereinsvorstand begründete nun seine Thesen über „den Unterricht im Lesen des Hebräischen", worin er ein sprachrichtiges Lesen forderte. Dabei besprach er auch die von Straßburger vorgelegte hebräische Fibel. Gestützt auf das talmudische Wort nosn rano nDDn empfahl Dr. v. Wassermann, die Anforderungen nicht zu hoch zu stellen und schilderte die traurigen religiösen Verhältnisse unserer Glaubensgenossen, die der jüdische Lehrer nicht zu ändern im Stande sei. Dr. Einstein empfahl ebenfalls, ein correctes hebr. Lesen zu fördern. Lehrer Spatz schilderte nun die Verhältnisse der württembergischen israel. Lehrer, die sich alljährlich durch Auflösung von Volksschulen und deren Umwandlung in Religionsschulen verschlimmere. Er empfiehlt die „Gründung eines jüdischen Lehrervereins für Württemberg", der zur Beseitigung dieser Mißstände wirken und bei den Behörden die geeigneten Schritte thun könnte. Metzger-Canstadt bekämpft den Antrag, da der Ausschuß des Unterstützungsvereins bereits Ersprießliches für die Besserstellung der Lehrer geleistet habe und noch thun werde. Stern hebt hervor, daß man jetzt dahin zu wirken habe, daß die Lehrer aller Confessionen sich zu einem Vereine zusammenfinden. Der Antrag wurde abgelehnt. Nach der Versammlung vereinigte ein Mahl die Theilnehmer, wobei es an den üblichen Toasten nicht fehlte. Oesterreich-Ungarn. Wien, 12. August. Wir haben bereits berichtet, daß die Regierungen von Nieder- Oesterreich und Mähren den Schönerer „Schul-Verein für Deutsche" aufgelöst haben, weil er politische Tendenzen über seine Statuten hinaus betrieben habe. Es waren dies antisemitische, die sich theils mit demokratischen, theils mit feudal-klerikalen Zwecken vereinigten.