Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1889)
- Date
- 1889-08-22
- Page
- Seite 531 (sequence 7)
- Language
- German
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531 Es ist richtig, daß die Juden in einigen Orten den hochwürdigen Herrn Bischof aus eigenem Antriebe feierlich empfangen und demselben Ehren erwiesen habe», wie „einem Hohenpriester und Gesandten Gottes". In Lacko (Loucko) z. B. konnte man auf einer Ehrenpforte, welche die Juden hergerichtet hatten, lesen: „Dem Hohenpriester des Neuen Testaments das Alte Testament;" auch wurden bei dem einen und anderen Empfange von Juden Ansprachen gehalten, wie z. B. in Jazowsko. Es ist einleuchtend, daß der hochwürdige Herr bei diesen unerwarteten Gelegenheiten antwortete und antworten mußte, natürlich nur mit Worten des Dankes und nicht des Tadels. In diesen Worten des Dankes legte aber der hochwürdige Redner immer einen besonderen Nachdruck auf Motive, welche im Geiste unserer heiligen Religion die Christen mit den Juden gemeinschaftlich haben, wie „auf den Glauben an einen Gott" — „die Verehrung der Patriarchen und Propheten" — „die heilige Pflicht, die zehn Gebote Gottes zu beobachten". — „Bewahrt dies treu und gewissenhaft", ermahnte er stets, „und es wird uns und euch auf diese Weise Wohlergehen." Das war der Inhalt der Antworten, das Verhalten des hochwürdigen Herrn Bischofs den Juden gegenüber. Jeder unparteiische Beobachter, welcher die Stellung eines Diöcesan-Bischofs, besonders in Galizien, wo wir mitten unter den Juden wohnen, kennt, muß gestehen, daß der hochwürdige Herr nicht anders Vorgehen konnte, und somit nicht nur nach dem Geiste der christlichen Sanftmuth und Nächstenliebe gehandelt, sondern auch die Regeln der Toleranz beobachtet hat, von der besonders den Juden gegenüber in den letzten Zeiten die beiden großen Päpste Pius IX. und Leo Xlll. klare Beweise geliefert haben. In der Hoffnung, daß dieser Bericht in Ihrem geehrten Blatte gefälligst berücksichtigt werde, zeichnen wir uns hochachtungsvoll Mathias Marguianczyk, römisch-katholischer Pfarrer in JazowsW Franz Katzl, bischöflicher Secretär. Neu-Sandec, 31. Juli 1889. Das „Vaterland" unterläßt auch dieser Zuschrift gegenüber nicht, seine eigene Theologie derjenigen des Bischofs entgegenzusetzen, indem es bemerkt, die Stellung der Päpste Pius' IX. und Leo's XIII. sei den Juden gegenüber keine andere gewesen, als die Stellung aller anderen Päpste: „sie genossen Duldung als lebende Zeugen der Verwerfung durch das göttliche Gericht". Nach den Dogmen der katholischen Kirche, bemerkt hierzu die „Neue Freie Presse", kommt unseres Wissens das Lehramt in Glaubenssachen nur den Bischöfen zu, und es ist schwer verständlich, wie ein Blatt sich katholisch nennen kann, das seine eigene Autorität über diejenige der Bischöfe stellt. Wenn aber dies in Sachen des Glaubens möglich ist, mit welchem Rechte verlangt dasselbe Blatt, daß sogar der weltliche Unterricht der bischöflichen Oberaufsicht unterstellt werde? Wie die Dinge liegen, wird es wohl noch Jahre lang dauern, bis jener Geist der gegenseitigen Duldung von Seiten höherer geistlicher Würdenträger in die Reihe der Hetzcapläne eindringt und hier den dornenbesäeten Boden zu einem fruchtbaren für echte Religiosität und Menschenliebe umwandelt. Deutschland. Berlin, 15. August. (Privatmitth.) Seit langer Zeit genügen die vorhandenen Synagogen Hierselbst bei dem steten Anwachsen der jüdischen Gemeinde für die Herbstfesttage nicht, und es entsteht für diese Feiertage jährlich eine Anzahl improvisirter Betstuben, die gewöhnlich in öffentlichen Localen sich etabliren, nicht selten in Localen, die dieses Zweckes unwürdig sind. Es ist deshalb sehr angemessen, daß der Vorstand der Gemeinde selbst die Sache in die Hand genommen und vier Räumlichkeiten für die an den hohen Festtagen stattfindenden gottesdienstlichen Versammlungen gewählt hat, nämlich die Philharmonie in der Bernburger Straße, das Local der Gesellschaft der Freunde in der Potsdamer Straße, das Hotel Jmpörial Unter den Linden und den Saal des Vereins der jungen Kaufleute in der Beuthstraße. Es ist dies zugleich eine Bürgschaft, daß der Gottesdienst in würdiger Weise abgehalten wird. Dies wird freilich nicht verhindern, daß von Privatleuten die Herstellung von Betstuben, natürlich auch aus Speculation, unternommen wird. Aber es ist doch in größerem Umfange gewonnen, daß die gottesdienstlichen Handlungen nur auf rechtem und würdigem Wege vollzogen werden. Leipzig, im August. (Privatmitth.) Nach officiellen Berichten besuchen die öffentlichen Schulen in Sachsen 2081 israelitische Kinder gleich Vr"/« des gesammten Schulbesuchs. Hiernach sind gegenwärtig etwa 11,000 Juden im Königreich Sachsen ansässig, und man ersieht hieraus, wie sich die Zahl derselben im Königreich Sachsen, das früher sich gegen die Juden so sehr abschloß, vermehrt hat, Nur in Dresden durften früher etwa 1200 Juden unter sehr beschränkenden Verhältnissen wohnen, in Leipzig eine kleine Anzahl als