Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1889)
- Date
- 1889-08-22
- Page
- Seite 530 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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530 Krieges die jüdischen Krieger den Sabbath so heilig hielten, daß sie sich an demselben nicht vertheidigten, was von den Feinden zum großen Schaden der jüdischen Schaaren benutzt wurde. Es erging deshalb der Beschluß, daß die jüdischen Krieger am Sabbath zwar nicht angreifen, aber sich vertheillÜgett dürften (1. Makk. 2, 32). Beide Fälle zeigen hinreichend, HWie große Fortschritte die Uebung und die Auslegung des Gesetzes gemacht hatten. Der weitere Verlauf gehört nicht in den Rahmen dieses Artikels. Der Krieg -er Hetzcapläne. Seitdem die katholische Kirche als eoolssin militans in ihre große weltgeschichtliche Laufbahn trat, also seitdem sie das Heidenthum erdrückte und den Arianismus auf den Schlachtfeldern besiegte, gewahren wir in ihr eine doppelte Geistesströmung. Die eine ging ohne Bedenken und mit allen ihr zu Gebote stehenden Kräften, geistlichen wie weltlichen, auf die Verfolgung und Beseitigung aller Andersgläubigen und Andersdenkenden aus, seien sie Völkerschaften oder Individuen. Die Geschichte hat aus diesem Kriege ihre blutigsten Seiten zu beschreiben gehabt. Immer aber von Zeit zu Zeit brach sich die gegenseitige Strömung der Duldsamkeit und der Menschenliebe wieder Bahn und bekundete sich in Wort und That. Während in der zweiten Hälfte des sechszehnten und im siebzehnten Jahrhundert die Wogen der Religionskriege über den größten Theil Europas eine schwere Verheerung brachten und fast die Barbarei des Mittelalters zurückzuführen drohten, ging im achtzehnten die Sonne der Humanität und der Aufklärung mit so lichtem und warmem Scheine auf, daß ihre Strahlen auch durch die römisch-katholische Kirche drangen. Wir erinnern an die milden Päpste Benedictus XIV. und Clemens XIV., und an die vielen Bischöfe, die sich durch ihre Weisheit und Friedensliebe auszeichneten. Die bitteren Erfahrungen, welche die Kirche seitens der französischen Revolution und Napoleon I. zu machen hatte, bewirkten einen Umschwung, und seit dem Ende der Freiheitskriege und der Wiederherstellung des Kirchenstaates und des Jesuitenordens wollte die Kirche so lange von Frieden nichts wissen, bis sie ihre früheren und ihre vermeintlichen Rechte wieder gewonnen hätte. Mit dem sogenannten Culiurkampfe wurde dieses Verhalten nur geschärft. Es entstand eine katholische Presse, sowohl in Hauptorganen als in sehr zahlreichen kleineren Blättern, welche den Kampf gegen alles Nichtkatholische mit der äußersten Erbitterung führte. Während die Bischöfe nur thatsächlich kämpften und passiven und activen Widerstand da leisteten, wo sie unmittelbar die Kirche angegriffen glaubten, war es die niedere Geistlichkeit, welche in der Presse die äußerste Heftigkeit sprechen ließ, weshalb man sie die Presse der Hetzcapläne nannte. Von Beginn ihrer Thätigkeit an, machten sie auch Front gegen die Juden und das Judenthum. Gegner der Gleichstellung im Staate und Feinde der Religion, welche sie 15 Jahrhunderte mit allen Mitteln des Fanatismus verfolgt hatten, ohne sie überwinden zu können, gesellten sie sich sofort dem Antisemitismus zu, welchen orthodoxe protestantische Geistliche geweckt und verbreitet hatten. Allerdings hatte schon früher der Pariser Univers Veuillot's und die Wiener Kirchenzeitung Sebastian Brunner's das Mögliche in Judenhaß gethan, aber sie waren doch allein geblieben in dieser edlen Tendenz. Jetzt aber brach es auf der ganzen Linie der kaum erstandenen katholischen Presse gegen die Juden los, obschon diese in keiner Weise provocirt hatten und sich auch jetzt passiv verhielten. Zahllose Zeitungsartikel, Flugblätter, katholische Kalender, Schriften des Bonifacius - Vereins, unter welchen die eines Rohling und Justus glänzten, wetteiferten mit der „Kreuzzeitung", deren Genossinnen und der ganzen antisemitischen Literatur Norddeutschlands. Jndeß auch jetzt ließ sich manchmal die Stimme eines höher gesinnten kirchlichen Würdenträgers gegen dieses schmähliche Spiel, welches keine Beschuldigung, keine Uebertreibung und selbst Lüge und Fälschung nicht scheute, hören und forderte Duldung, Achtung und Frieden. Selbstverständlich schäumte die Presse der Hetzcapläne hiergegen auf, suchte die Worte ihrer kirchlichen Vorgesetzten abzuschwächen und lehnte sich sogar geradezu gegen sie auf. Auch hierin hatte ihnen Veuillot in seinem Kampfe gegen den Bischof Dupanloup das Vorbild gegeben. In der jüngsten Zeit hatte der päpstliche Nuntius am Wiener Hofe solche Worte des Friedens und der Anerkennung auch für das Judenthum gesprochen, und wir sahen, auf welche Weise das Wiener „Vaterland" die Rede desselben zu verdrehen versuchte. Dann war es der Bischof von Tarnow, der sich in verbindlichster Weise zu den Juden seines Sprengels, die ihn begrüßten, aussprach. Und abermals unterzog das „Vaterland" die Rede des Bischofs, der sich entschieden gegen den Antisemitismus erklärt hatte, der schärfsten Kritik. Dennoch sieht es sich genöthigt, die folgende interessante Zuschrift abzudrucken: Hochgeschätzte Redaction! In mehreren Tagesblättern wurde die diesjährige Visitations-Reise des hochwürdigen Herrn Bischofs Lobos von Tarnow im neu-sandecer Bezirke derart kritisirt, als ob derselbe durch sein Verhalten den Juden gegenüber das christkatholische Gefühl verletzt hätte. Um jeden gerechten Zweifel zu beheben, halten wir es für unsere heilige Pflicht, hiermit als Augen- und Ohrenzeugen der ganzen Visitations-Reise öffentlich zu erklären, daß diese Berichte zunächst auf einer vollständigen Unkenntniß unserer Verhältnisse in Galizien, außerdem auf einer ungenauen, ohne Zweifel nur einseitigen Darstellung der einzelnen Thatsachen zu beruhen scheinen,