Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1889)
- Date
- 1889-08-22
- Page
- Seite 529 (sequence 5)
- Language
- German
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529 und denjenigen Völkerschaften ab, welche ausdrücklich im Gesetze von der Verschwägerung mit ihnen ausgeschloffen waren. Ob gerade diese Völkerschaften zur gedachten Zeit noch alle existirten und unterschieden werden konnten, ist kaum anzunehmen. Esra und Nehemia faßten hiermit alle nichtjüdischen Völkerschaften ein, und verboten die Verschwägerung mit allen fremden Völkern und führten diese Scheidung vollständig durch. Hierzu gesellte sich von Seiten der Besitzenden der Wucher, indem sie die Noth der Armen z. B. bei Mißwachs benutzten, um sich durch die eingegangenen Schuldverhältniffe der Güter und selbst der Person ihrer Schuldner zu bemächtigen — also alles gegen das mosaische Gesetz. Auch hiergegen wandte Nehemia Ueberredung und wo nöthig Zwang an. Hiermit ist der religiöse Zustand, wie er in der ersten Periode nach dem Exil herrschte, genügend gekennzeichnet. So wurden auch die vorgeschriebenen Feste nicht beachtet. Mit der Wirksamkeit Esra's und Nehemia's trat eine völlige Wendung ein. Hatten sich zur Rückkehr die glaubenstreuen Männer um ihre Führer gesammelt und gehörte schon zu dieser Rückkehr ein fester religiöser Sinn, wie sich dieser Anfangs auch bethätigte, und galt den Einsichtsvolleren die Th'ora als unantastbares Gesetzbuch, als Grundlage und Mittelpunkt des israelitischen Lebens, so war es natürlich, daß sich die Geistesbegabten mit dem Studium der Thora auf's eifrigste beschäftigten. Es bildete sich daher in der Mitte des unwissenden Volkes eine Art Schriftgelehrter, welche die Bezeichnung Sopherim erhielten, wie Esra und auch andere betitelt wurden. Daß zu ihnen Priester gehörten, wie Esra selbst ein solcher war, ist selbstverständlich, besonders auch die Leviten. Indem diese aber die Kenntniß der Thora emsig verbreiteten, gesellten sich auch viele Laien zu dieser Classe von Schriftgelehrten. Es war natürlich, daß hierdurch die Männer, welche das Führeramt übernahmen, wie Esra und Nehemia, auf diese Weise große Unterstützung fanden und allmählich ihr Ziel erreichten, nämlich das Volk in allen seinen Lebensgewohnheiten an das mosaische Gesetz zu fesseln. Nachdem zuerst die Entfernung der fremden Weiber und die Steuerung des Wuchers durchgesetzt waren, dachten sie in großen Fest- und Bußversammlungen des ganzen Volkes in diesem die religiöse Begeisterung zu entzünden, es mit der Thora bekannt zu machen und auf das Gesetz zu verpflichten. Das achte Capitel des Buches Nehemia beschreibt uns diese Versammlungen und wie die Thora vorgelesen und „erläutert" wurde. „So lasen sie in dem Buche, in der Lehre Gottes, deutlich mit Angabe des Sinnes, daß sie in das Gelesene Einsicht gewannen." Am zweiten Tage versammelten sich die Stammhäupter, die Priester und die Leviten bei Esra, um noch weiter zu forschen in der Lehre des Herrn. In Folge dessen feierte das ganze Volk genau »ach der Vorschrift das Hüttenfest sieben Tage und am achten Tage das Schlußfest. Auch einen großen Fasttag hielten sie ab, wobei ein Viertel des Tages mit dem Borlesen aus der Thora verbracht wurde. Zum Schluffe führte man einen feierlichen Act aus, das gesammte Volk sammt den Stammhäuptern, den Priestern und Leviten, in Eid und Pflicht zu nehmen, auf die treue und sorgfältige Ausübung namentlich auch des Sabbathgesetzes und der Vorschriften über die Cultusabgaben wie Zehenten, Erstlinge, Hebe. Dem Zeitalter gemäß wurde ein schriftlicher Act darüber ausgenommen und von allen Würdenträgern unterschrieben. Um all dies zu überwachen, was dem Volke doch vielfach neu war, wählten Esra und Nehemia Männer, Schriftgelehrte, Priester und Leviten, aus, welche eine Art Rathskörper bildeten. Daß hieraus „die große Synode" hervorgegangen, ist eine natürliche Folgerung. Wie wir sahen und wiederholt hervorgehoben wird, begnügte man sich sofort nicht mit der bloßen Vorlesung der Thora, sondern erklärte und erläuterte den Sinn derselben. Hierin lag der Keim zu der großen Entwickelung der traditionellen Auslegung. Denn, sobald die ernste und sorgfältige Ausübung des mosaischen Gesetzes im Geiste und Leben des Volkes Platz gegriffen, mußte die nicht seltene Kürze der Vorschriften, die Unbestimmtheit über die Art der Ausführung von allen Seiten Fragen Hervorrufen, welche von den Schriftgelehrten zu beantworten waren. Andererseits hatten sich die Lebensverhältnisse verändert, und es konnte wiederum an Fragen nicht fehlen, auf welche Weise Gesetz und Wirklichkeit auszugleichen seien. Dies alles entfaltete sich in dem Zeitraum zwischen Esra und den Makkabäern in der Stille. Die Geschichte knüpft ihre Berichte doch immer nur an bedeutende Männer, welche einen tiefgehenden Einfluß umgestaltend auf ihre Zeitgenossen übten, so daß die Wirkung ihrer Thätigkeit sich auf viele Geschlechter ausdehnte. Dergleichen gab es eben in dem gedachten Zeitraum für Israel nicht. Aber dies verhindert ein Volk nicht, in stiller Geistesarbeit die vorhandenen Tendenzen zu verfolgen und bedeutende Früchte zu reifen, welche der Nachwelt zu großem Nutzen gereichen. Der große Kampf gegen die Syrer mußte von neuem erweckend auf das Volk und seine Führer wirken. Halten wir uns an das Thatsächliche, so können wir nur Zweifaches hervorheben, welches von dem Fortschritt der traditionellen Auslegung zeugt. Der erste Theil des Buches Daniel ist vor dem Syrerkriege abgefaßt und berichtet, daß Daniel und seine drei Genossen, da sie im Palaste des Königs erzogen werden und von den Speisen des Königs und seinem Weine erhalten sollten, letztere anzunehmen verweigerten und es durchsetzten, daß sie allein mit Kräutern und Wasser ernährt würden, „um sich nicht zu verunreinigen." Der zweite Fall, dessen wir erwähnen wollen, war, daß am Anfänge des