Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1889)
- Date
- 1889-08-22
- Page
- Seite 527 (sequence 3)
- Language
- German
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527 Gesetz, ein vollständigeres, bestimmteres und klareres als das alte Gesetz. Dies wurde in die zweite Linie gedrängt. „Es ist besser, sich mit der Mischna zu beschäftigen als mit der Thora," sagten die Rabbiner; „die Thora kann sich mit dem Wasser vergleichen, die Mischna aber ist Wein." — Dies ging auch in vollem Maße in Erfüllung und wir haben Beweise vorliegen, daß berühmte Rabbiner des vorigen Jahrhunderts, welche in jedem Winkel des Talmuds heimisch waren, sich der Unkenntniß der h. Schrift sogar rühmten. — Unser Vers, führt auch einen Gedanken an, welchen wir in unserer Abhandlung ausgesprochen und nach den geschichtlichen Thatsachen ausgeführt haben, nämlich den Vergleich des talmudischen mit dem römischen Recht, die beide ungefähr zu gleicher Zeit entstanden und auf gleichem Wege sich entfalteten. Man findet in dem ersteren Sätze und sogar Formeln, welche dem römischen Rechte entlehnt scheinen, obschon ihnen stets die talmudische Eigenart ausgeprägt ist. Ferner untersucht D. den Einfluß der Begebenheiten auf die halachische Entwickelung und den Geist der letzteren, wobei er die großen Verdienste der talmudischen Entwickelung für den Fortbestand der Religion Gerechtigkeit widerfahren läßt. Allerdings sei der Polytheismus und der Pantheismus reicher an Poesie, dagegen habe das Judenthum die strenge Logik und die Auffassung durch Verstand und Herz für sich. In einem Schlußcapitel blickt D. auf „den Talmud im Mittelalter und in den modernen Zeiten." Es geschieht dies aber nur oberflächlich und ist dieses Capitel somit von geringerer Bedeutung. Wir haben die Abhandlung Darmesteters Schritt vor Schritt verfolgt, weil es doch manchem Leser angenehm sein wird, eine solche neuere Beleuchtung eines der wichtigsten Abschnitte unserer Religivnsgeschichte vor sich zu haben. Man kann sie als eine Etappe in der Forschung über die Geschichte und das Wesen des Talmuds betrachten, von welcher aus erst die gründliche Untersuchung fortgesetzt werden muß, um der richtigen Erkenntniß und der vorurtheilslosen Wahrheit nahe zu kommen. Dahin ist noch ein weiter Weg, der durch viele Detailsfelder geführt werden muß. Denn hier ist oft eine kleine bisher übersehene Bemerkung entscheidender, als lange allgemeine Betrachtungen. Es ist wünschenswerth, daß von dieser Abhandlung ein besonderer Abzug oder eine deutsche Nebersetzung, deren Anfertigung aber in bessere Hände fallen müßte, als die der englischen Abhandlung von Emanuel Deutsch, veranstaltet werde. Arber )en religiösen Zustand des Volkes Israel nach dem babylonischen Exil. Der Zeitraum, der von der Rückkehr nach Palästina bis zu den Makkabäern verfloß, gehört zu den dunkelsten Partien der Geschichte des israelitischen Volkes, d. h. für welche uns nur sehr wenige geschichtliche Notizen zu Gebote stehen. Und doch war er, namentlich für die Religionsgeschichte, einer der wichtigsten, da in ihm die traditionelle Auslegung ihr Werk begann und fest begründete, so daß sich auf seinem Resultate die ganze folgende Entwickelung des Judenthums aufbaute. Es mag uns dies nicht verwundern, denn in der Geschichte wiederholt es sich nicht selten, daß eine großartige Erscheinung, die wir in ihrem Wesen und ihren Wirkungen nach allen Seiten hin kennen, in ihren Ursprüngen uns unbekannt ist, in den Vorbereitungen und Keimen, aus denen sie entsproß, uns verborgen bleibt. Der Lichtglanz, der von der Erscheinung in ihrer Vollendung ausstrahlt, bewirkte, daß die vielleicht geringfügigen Anfänge in Schatten sanken. Der geringe geschichtliche Sinn der Zeitgenossen und der Mangel an der Voraussicht, wie groß die Erscheinung in ihrer Fortentwickelung werden würde, bewirkte diese Vergeßlichkeit. Wir bewundern den Baum in seiner Pracht; aber der Gärtner, der den Samen gesteckt, und die ersten Schößlinge gepflegt hat, ist längst entschlafen und kann uns von dem Werden des herrlichen Baumes nichts mehr berichten. Ist es doch bezeichnend, daß „von den Männern der großen Versammlung nur einer der Letzten" genannt wird, wohl auch nur, weil er durch die Aufstellung des Grundsatzes „Mache einen Zaun um das Gesetz" der ganzen traditionellen Auslegung einen ihrer Hauptwege angewiesen hatte, und weil das Werk derselben von seinen Schülern an in entschiedener Weise gefördert wurde. Bei dem Mangel ausführlicher und vertrauenswürdiger Berichte haben wir, um uns von diesem Zeitraum ein irgend deutliches Bild zu verschaffen, zerstreute Notizen zu sammeln und zu combiniren. Es ist dies schon von verschiedenen Seiten geschehen, aber noch immer nicht ausreichend, besonders weil man dabei von unzuverlässigen Prämissen, namentlich hinsichtlich der Abfassungszeit mehrerer Bücher der h. Schrift ausgeht. Versuchen wir es in unserer Weise einen Beitrag zu liefern. Daß es im Exil zu einer Scheidung zwischen den treuen Anhängern der monotheistischen Gotteslehre und den Wankelmüthigen, die sich dem Götzendienste des Landes, in welchem sie verweilten, zuneigten, vor sich ging, ist zweifellos. Bei Ezechiel ist bemerkbar, daß er in den prophetischen Reden, die er, wenn auch im Exil, vor dem Falle Jerusalems verfaßte, auf's heftigste gegen den Götzendienst, der in dem Lande Israel, in Jerusalem und selbst im Tempel getrieben wurde, donnert und daraus den Untergang der Nation, aller 34* »