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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-08-15 · Heft 33 (15.8.1889) · p. Seite 519

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 33 (15.8.1889)
Date
1889-08-15
Page
Seite 519 (sequence 11)
Language
German
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519 Bartwuchs, schlichtes und gelocktes Haupthaar, rasiert bis auf zwei Seitenlocken, intelligenter Gesichtsausdruck. Sie sind geweckter als andere Orientalen. Auch ihr Skelett erinnert an das der übrigen Juden: geringe Schulterbrcite, lange Arme, schlaffer Gang, gebogene Kniee. Die Frauen sind von auffallender, sogar klassischer Schönheit. Sie leben vom Handel, zum Theil vom Handwerk. Die Färberei ist fast ganz in ihren Händen. Sie haben es zu großem Reichthum gebracht, besitzen Häuser in der Stadt, Gärten vor den Thoren, sind halb orientalisch, halb europäisch eingerichtet. Doch giebt es auch sehr arme Juden. Monogamie, Kinderreichthum, Sittlichkeit zeichnet sie aus. Sie selbst sind nach ihrer eignen Aussage aus Persien nach Buchara eingewandert und zwar nach Einigen in ältesten Zeiten bei der Zerstörung der zehn Stämme, nach Andern unter Tamerlan zwangsweise nach Buchara versetzt. Die Sarten nennen sie Mosaische oder Juden. Sie leben in einem besonderen, nicht streng abgetheilten Stadtviertel, handeln aber unter de» Mohammedanern. Sie haben ein Bethaus, aber keine eigentliche Synagoge, dürfen in der Stadt nicht reiten, keine Seide und keinen Turban tragen, sondern es ist ihnen eine Tracht vorgeschrieben, ähnlich der der polnischen Juden in grauen Stoffen und mit der viereckigen Kopfbedeckung, ähnlich der Confederatka. Ihre Frauen gehen auch verschleiert und halten sich in Tracht und Sitten wie ihre bucharischen Schwestern. Sie haben Beziehungen zu Rußland, Frankreich, Oesterreich, England und Indien; sie bilden vielfach den Anknüpfungspunkt für die europäische Civilisation. Unter den europäischen Kaufleuten zu Buchara befindet sich ein starkes Contingent Israeliten. Bonn, 11. August. (Notizen.) Aus Fünfkirchen wird uns geschrieben: Die hiesige israel. Gemeinde, welche vor einem halben Jahre aufgefordert wurde, einen Seelsorger zu wählen, hat Hrn. vr. A. Perls, gegenwärtig Oberrabbiner in Kecskemet, zum Rabbiner gewählt. Perls, Neffe und Schwiegersohn des frommen Rabbiners Perls in Nagy- Karoly, absolvirte seine Studien an der „Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums" in Berlin. AeuiL Die freien Schweizer. Aus dem „Neuen Politischen Volksblatte" von vr. M. Kaiserling. Die Arbeit meiner Tage steht im Dienste der Geschichte, die Leser werden es mir daher nicht verargen, wenn ich ihnen eine Geschichte erzähle, ein Stück Zeit- und Culturgeschichte, welche ich mit erlebt, ja eigentlich mitgemacht habe. — Gegen Ende des Jahres 1861 wurde ich von der Regierung des schweizerischen Cantons Aargau als Rabbiner der schweizerischen Israeliten berufen. Dieselben zählten ungefähr 1800 Seelen und wohnten hauptsächlich in den beiden im Aargau gelegenen Orten Endingen und Lengnau, welche ihren Vorfahren vor 300 Jahren von den Grafen und Landvögten als Aufenthalt angewiesen worden waren. Bald nach meinem Amtsantritte stattete ich dem damaligen Präsidenten der aargauischen Regierung, der als Studiendirector, beziehungsweise als Unterrichtsminister mich berufen hatte, einen Besuch ab; es war dies der Landammann Augustin Keller, eine imposante Gestalt, welche man nicht wieder vergißt, wenn man sie einmal gesehen hat, ein Mann mit der hohen Stirne des Denkers und mit dem scharfen Blicke des Menschenkenners, einer der bedeutendsten Staatsmänner der Eidgenossenschaft, der an den politischen Ereignissen i» der Schweiz seit dem Jahre 1834, an der Neugestaltung der schweizerischen Verfassung den hervorragendsten Antheil nahm. Die Aufhebung der Klöster, die Vertreibung i e t o n. der Jesuiten, die Auflösung des Sonderbundes, die gegenwärtig im Aargau bestehende Ordnung der kirchlichen Verhältnisse auf der Basis der Trennung von Kirche und Staat ist hauptsächlich sein Werk. Erst vor wenigen Wochen hat das dankbare Volk diesem unerschrockenen Känipfer für Freiheit und Licht ein Denkmal gesetzt. Das Thema der Unterhaltung bei meinem ersten Zusammentreffen mit Landammann Keller drehte sich bald um die kurz vorher besonders von ihm ins Werk gesetzte Emancipation der aargauischen Israeliten, welche einen heißen und wohl nirgends interessanteren Kampf hervorgerufen hatte als im Aargau. Durch das von der Regierung den 1800 Juden eingeräumte Bürgerrecht war der von Katholiken und Reformirten bewohnte Aargau plötzlich in zwei feindliche Lager getheilt. Der Kampf nahm allmählich einen sehr ernsten Charakter an, denn die Judenfrage wurde zu anderweitigen Politischen Zwecken benützt, und die Ultramontanen hatten es hauptsächlich darauf abgesehen, den von ihnen glühend gehaßten Augustin Keller „abe z'mache" und die liberale Regierung zu stürzen, denn gerade Keller war es, der mit Einsetzung der ganzen Kraft und mit der vollen Wucht seiner gewaltigen Beredtsamkeit die Emancipatiou betrieb. Die Ultramontanen streuten alle möglichen Verleumdungen nicht allein über die Juden und das Judenthum, sondern auch über Keller und die übrigen Mitglieder der Regierung aus; ihr Wortführer Schleuniger, ein abgesetzter Seminar-Professor, warf Schmähschriften unter das Volk; 33's

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