Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1889)
- Date
- 1889-08-15
- Page
- Seite 517 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227805--46424-3265987- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
517 Bonn, 1. August. Am schwarzen Brett der hiesigen Universität befindet sich seit gestern ein „Senatsbeschluß an sämmtliche Studirende" angeschlagen. Mit Bezugnahme auf die Anordnungen des Stifters der Universität, Friedrich Wilhelm III., welche gegen confessionelle Anfeindungen gerichtet sind, heißt es darin: „Nach der Versammlung der „akademischen Ortsgruppe des evangelischen Bundes" am 11. Juli wurde der Vorstand derselben von berufener Seite in förmlicher Weise auf den wichtigen Inhalt jener Vorschrift aufmerksam gemacht, und derselbe hat sich denn auch, soweit es an ihm lag, ernstlich bemüht, die Bedingungen zu erfüllen, auf welche hin die akademische Behörde, um keine Gefühle zu verletzen, davon abgesehen hatte, die einmal angekündigte Versammlung am 25. Juli zu verbieten. In Erwägung aller Verhältnisse hat der akademische Senat, um allen Störungen des confessionellen Friedens für die Zukunft vorzubeugen, einstimmig für die „akademische Ortsgruppe des evangelischen Bundes" solche, von derselben auch angenommene Bestimmungen angeordnet, durch welche der Widerspruch derselben mit den Universitäts Statuten beseitigt werde. Er hat aber auch zugleich ebenfalls einstimmig den zweifachen Beschluß gefaßt, einmal, daß im Uebertretungsfalle die Auflösung erfolgen werde, sodann, daß dieselben Grundsätze bei allen andern Vereinen, die specifisch confessionelle Zwecke verfolgen, zur Anwendung kommen sollen." Es ist immer sehr schwierig, wenn man schroffen confessionellen Hader hat ungestört aufkommen und groß werden lassen, diesen wieder beseitigen und unterdrücken zu wollen. Hierfür giebt obiger Senatsbeschluß wieder einmal Zeugniß ab. Ob der Schlußsatz auch gegen diejenigen Vereine gerichtet ist, welche antisemitische Tendenzen verfolgen, ist nicht deutlich zu erkennen. Jedenfalls gewährt dieser Beschluß abermals einen Einblick in die gegenwärtigen Zustände innerhalb der akademischen Jugend, die auf die Dauer nicht haltbar sind. Aus Sachsen, 2. August. (Franks. Ztg.) Hinter verschlossenen Thüren fand dieser Tage in Dresden eine Hauptversammlung der sächsischen Antisemiten statt. Man beabsichtigte, einen Landesverband zu gründen, der in Sachsen dem Antisemitismus neue Lebenskraft verleihen soll. Dazu wird indeß auch ein Landesverein nicht im Stande sein. Die Hep-Heprufe gehen bei uns ausschließlich von einigen Personen aus, von denen der ruhige Bürger ebensowenig Notiz nimmt als von den etlichen Dutzend Anhängern, die sie mit Mühe und Noth im Laufe der Jahre gewonnen haben. Obgleich das hochkonservative „Vaterland", Organ des sächsischen konservativen Landesvereins, die jüdischen Mitbürger in einer Weise behandelt, die wenig zu der sonstigen christlich-konservativen Tendenz dieses Blattes passen will, so macht in Sachsen der Antisemitismus doch jetzt überall Fiasko, wo er sich einmal ernsthaft an die Oeffentlichkeit wagt. Aus Württemberg, im Juli. Ueber die Pflicht der Duldsamkeit äußerte sich gelegentlich der Einweihung der Synagoge in Wildbad der dortige Bürgermeister in einer längeren Rede. Er erklärte u. A., daß er durch seine Anwesenheit bei dem Feste nur die Intentionen seines Königs verwirkliche, der sich ihm gegenüber sehr warm zu Gunsten des confessionellen Friedens ausgesprochen habe. Oesterreich-Ungarn. Wien, 1. August. Der Minister des Innern hat die Auflösung des (antisemitischen) „Schulvereins für die Deutschen" — nicht zu verwechseln mit dem „deutschen Schulverein" — wegen Ueberschreitung seines statutenmäßigen Wirkungskreises verfügt. Dieser von Schönerer, dem deutschen Schulverein gegenüber gegründete Verein hat hiermit das wohlverdiente Schicksal erfahren. Wien, 2. August. Das Ministerium des Innern hat den „Schulverein für Deutsche" mit dem Sitze in Wien wegen Ueberschreitung seines statutenmäßigen Wirkungskreises aufgelöst. Der Schulverein für Deutsche, welcher als Konkurrenzverein des Deutschen Schulvereins vom ehemaligen Abgeordneten Schönerer gegründet worden war, entwickelte namentlich in seinen Ortsgruppen lebhafte antisemitische und deutschnationale Agitationen. Der Statthalter von Mähren löste sämmtliche mährische Ortsgruppen des antisemitischen Schulvereins für Deutsche auf. S. A. Ujhely, 1. August. (Privatmitth.) Der Glaube, daß heilige Männer nicht allein bei Lebzeiten, sondern noch nach ihrem Tode Segen und Heil über die Menschen dringen können, hat sich bei unseren Chassidim bis auf den heutigen Tag erhalten. Aus diesem Grunde pflegen sich hier die chassidäischen „Wunderrabbinen" und ihre zahlreichen Anhänger am Sterbetage des hier vor 48 Jahren entschlafenen Rabbiners Moses Teitelbaum, der seinerzeit als „Wundermann" in Ehren gehalten wurde, ein Massen-Rendezvous zu geben. Am 28. v. M., als am Sterbetage des Rabbiners Teitelbaum, versammelten sich hier mehr als 2000 jüdische Wallfahrer, unter denen wir sechsundzwanzig chassidäische Rabbinen und Rabbinatsverweser bemerkten. Schaarenweise pilgerten sic in den hiesigen alten jüdischen Friedhof, wo Rabbi Teitelbaum neben seiner Gattin in einem gruftähnlichen Grabe ruht. Dieses Doppelgrab umschließt ein großer hölzerner Kasten, dessen Thür am Sterbetage geöffnet wird, denn in diesen Kasten wirft jeder Wallfahrer ein kleines Zettelchen, eine Art „Bittgesuch", das er sich durch den dort postirten jüdischen Schriftkundigen in hebräischer Sprache schreiben läßt. — Diesem chassidäischen Treiben kann nur durch Schulen und Jugendbildung gesteuert werden. Und das jüdische Schulwesen hat im Zempliner Komitat unter der Aegide des kön. Schulinspektors Ludwig Nemes einen 33