Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1889)
- Date
- 1889-08-15
- Page
- Seite 515 (sequence 7)
- Language
- German
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515 die zur Deckung der unbedeckt gebliebenen jüdischen Schulden die größten Opfer gebracht, darunter die ihnen verfallenen moldauischen Kronjnwelen, wollten wenigstens die Ruhestätte der Tobten vor Entweihung geschützt wissen und kauften im letzten Augenblicke den Friedhof in der Roßau von der Stadt um 4000 fl. als unverletzliches Eigenthum. Man rieth der Gemeinde, durch das Angebot einer Summe von 100,000 fl. des Kaisers Gnade zu gewinnen, und wirklich erbietet sich dieselbe zu einer solch' enormen Leistung in einem Schriftstücke, worin zugleich 2000 Ducaten für einen Strohmann Zeffini stipulirt werden, die wahrscheinlich dem hohen Vermittler galten. Inzwischen hatte Teixeira alle Hebel in Bewegung gesetzt, spanische Granden, Graf Montecuccoli, Cardinal Azzolino hatten ihre Hilfe zugesagt, und in der. Thal äußerte sich die Wirkung dieser Protectoren in einem Aufschub des Ausweisungstermins auf zwei Monate. In dem Glauben, es wäre durch eine äußerste finanzielle Kraftanstrengung doch noch eine Sinnesänderung der Krone zu erreichen, von interessirten Würdenträgern bestärkt — man war von 100,000 Gulden schon auf 200,000 Thaler übergesprungen — wendeten sich die Verzweifelnden an ihre Brüder draußen in der weiten Welt, besonders an die vier portugiesischen Gemeinden von Venedig und sicherlich noch an manche andere. Allein es waren Irrlichter, was sie für Hoffnungsstrahlen angesehen. Der Kaiser, von der Unwandelbarkeit seines Wortes erfüllt, war nicht zu erweichen. „Vorzeiten hatte große Krafft, zu Wien all hier Schmirali-Safft, das Geld sie nun verachten", reimt Math. Abele, der Reimchronist jener Zeit, der Krokodilsthränen über das Elend der Auswanderer vergoß, die durch die Taufe so bequem aller Drangsale hätten los werden können. So mußten denn, nachdem die Schuldencommission rasch ihres Amtes gewaltet, die Zurückgebliebenen sich selbst aus dem Boden reißen, den sie so schwer erkämpft, der ihnen durch Leiden und Opfer so theuer geworden war; es galt, ihre Heiligthümer, die Gräber ihrer Theueren zu verlassen, aber die Wehmuth des Abschiedes von der Heimath, die Schrecken der Armuth und Fremde ertrugen sie lieber Alle, ehe nur ein Einziger den Glauben der Väter aufgegeben — eine Thatsache, welche die Bewunderung selbst einsichtiger Christen erweckte. „Am 25. Juli haben sie elendiglich fort- und abziehen müssen." Die Jesuiten triumphirten, am 18. August wurde die große Synagoge zur Leopoldskirche umgeweiht, Bischof Kolonics hielt die Predigt voll unsinniger Beschuldigungen und Schmähungen, mit denen er die Vertriebenen zur Rechtfertigung der eigenen Grausamkeit hinterdrein bewarf. Die Vertreibung erstreckte sich auch auf die Judenschaft des Landes, doch wurde mit schwerer Mühe der Ausweisungstermin, der auf den 15. November angesetzt war, über den Winter erstreckt. Das erhoffte Glück, das nach Bannung der Juden vom Himmel strömen und aus der Erde sprießen sollte, blieb jedoch aus, dem Rausche des Hasses war bald die Ernüchterung der rauhen Wirklichkeit gefolgt. Wie schon der Präsident der Hofkammer, Graf Linzendorf, prophezeit hatte, stockten die Zahlungen der Umlagen, die Finanznoth nahm täglich zu. Die Leopoldstadt war verödet, die Häuser standen leer, die städtischen Finanzen waren erschüttert, die Stände forderten die Rückberufung der Vertriebenen, die Waarenpreise stiegen, Handel und Verkehr sanken. Noch weniger konnte der Staat, der in seiner äußersten Noth zu dem berüchtigten Goldmacher Barri seine Zuflucht genommen, den Ausfall an Steuern ertragen, er hatte selbst die Goldquelle verschüttet, die nie versagt hatte. Am härtesten aber war der österreichische Staatscredit betroffen, mit dem es so arg bestellt war, daß selbst die Einkünfte der kaiserlichen Tafel auf ein Jahr verpfändet waren. Was Wunder, daß den Juden förmliche Anträge zur Rückkehr gestellt wurden — allerdings gegen unerhört hohe Summen! Nun fand die theologische Facultät in ihrer Wiederaufnahme kein Haar, die Behörden verleugneten all die schweren Anklagen, die sie früher auf die argen Missethäter gehäuft, man wunderte sich, wie solche Abschaffung so leichthin bewilligt werden konnte. Die Geschichte hat in der That als gerechte Richterin das Schicksal jener Unglücklichen gesühnt, derselbe Kaiser Leopold häufte noch Gnaden in Menge auf das Haupt zweier Männer, die unentbehrliche Säulen der österreichischen Finanzen wurden und aus dem Reiche mit Anderen eingewandert waren, den Grund zu einer neuen Gemeinde in Wien setzten, es waren dies: Samuel Oppenheimer und Samson Wertheimer, deren Lebensbild Kaufmann in einem trefflichen Zeitgemälde im vorigen Jahre gezeichnet. (Wien, Fr. Beck.) Betrachten wir das Ansehen und die Bedeutung, die die Exulanten, in großen Gemeinden, wie Nicolsburg, Fürth, Berlin sich zu erringen verstanden und überlegen wir, wie rasch die von allen Seiten Verfolgten ihre Stellung in demselben Wien wieder erlangten, aus dem sie mit Stumpf und Stiel kurz zuvor ausgerodet wurden, so müssen wir gestehen, daß eine Zähigkeit und Lebenskraft diesem Stamme innewohnt, welche mit den erlittenen Unbilden immer nur zunahm. Und daß sie davon nicht den übelsten Gebrauch gemacht, dafür spricht die Eile, mit der man die Verjagten zeitweilig wieder zurückrief. Darum ist diese letzte wohl auch die allerletzte Vertreibung der Juden gewesen. —m.