Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1889)
- Date
- 1889-08-15
- Page
- Seite 514 (sequence 6)
- Language
- German
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514 math das Grauen vor diesen angeblichen Feinden der Kirche mitgebracht und ihre Bigotterie erkannte in deren Vernichtung ein gottgefälliges Werk. Als nun gar nach zwei Jahren die Hoffnung des Kaiserhauses» der Kronprinz, im Alter von drei Monaten dahingerafft» bald darauf die Hofburg von einer Feuersbrunst zum Theil eingeäschert wurde, da galt es» den zürnenden Gott durch Opfer und Gelübde zu versöhnen, weiteres Unheil zu beschwören. Schon vorher hotte man den Mord vom Jahre 1665 zum Gegenstände einer neuen peinlichen Untersuchung gemacht. Hirsch Mayer mit sieben der angesehensten Männer in Wr.-Neustadt in den Kerker geworfen — dahin richteten nun die Abgesandten Wiens an den Kaiser ihre ungescheute Bitte um völlige Austreibung der Juden. Die um ihr Gutachten befragte Untersuchungscommission entschied dahin» nicht Reduction, sondern Ausschaffung der Juden in genere sei zu beschließen — so laute ihre wohlerwogene „christliche Meinung". Nun das erlösende Wort gesprochen war, regnete es von allen Seiten Anklagen und Brandschriften. Die „Niederlage", das ist die Colonie der fremden Kaufleute, die sich freute, der Concurrenz der Juden los zu werden, wetteiferte mit der Stadt in Anerbietungen von Entschädigungen für den Steuerentgang an die kaiserliche Casse. Der Resolution des Kaisers sollte ein Sturm vorausgehen, der die Gehetzten auf das Aergste vorbereiten mußte. Zu Ostern 1668, „diesen kritischen Tagen im Kalender des Judenhasses", zog ein Haufe von Studenten mit Straßengesindel in das Ghetto und begann da zu plündern. Die Verhaftung eines Studenten durch die Wache reizte die Kameraden zu den ärgsten Tumulten. Der Gouverneur der Stadt, General-Feldmarschall Graf de Souches, mußte mit einem Regiment ins Judenviertel ziehen, das noch die folgenden zwei Tage der Schauplatz der ärgsten Excesse war, wobei es Gefallene und Verwundete auch unter dem Militär gab. Auch der Hof war erschreckt und so mußte „ein Ruf" ergehen, der das Betreten der Judenstadt und Zusammenrottungen verbot, eine Wache beschützte die Häuser. Nun hielt die Untersuchungscommission ihre Saat für schnittreif und wiederholte förmlich ihre Bitte. Am 19. Juni 1660 berieth die Hofkammer unter des Kaisers Vorsitze. Hofkanzler Baron Hocher unseligen Andenkens hielt den Vortrag. Der Kaiser, der, falls er einmal für eine Idee gewonnen war, starr auf ihrer Ausführung beharrte, wollte weder Widerspruch hören, noch von Aufschub etwas wissen, der Vorabend des Frohnleichnamsfestes bot ja so schönen Anlaß zur Ausführung dieses frommen Werkes. Nur sollte der Beschluß vorläufig geheim bleiben. Am 26. Juni 1669 wurden von den Juden Verzeichnisse ihrer Schulden und Gläubiger abverlangt, sowie eine Liste aller Bewohner und ihrer Abgaben. Einen Monat später erfließen drei kaiserliche Edicte, das letztere das Berbannungs - Decret, mittelst dessen 1346 Personen beiderlei Geschlechts von Haus und Hof, Stadt und Land Nieder- Oesterreich vertrieben wurden. Die Unglücklichen richteten an den Fürsten Lobkowitz ein Gesuch um Aufschub des Abzugs — aber jetzt stand zu des Kaisers Seite der streitbare Bischof Graf Kolonics, der als sein Beirath das Feuer des Glaubenshasses nur schürte. Vier Wochen darauf folgte ein zweites Austreibungs-Edict, das an 300 Personen hinausstieß in die Fremde. Wieder versuchten es die Zurückbleibenden mit „fußfälligen Seuftzen und Blut trieffenden Bitten" „in allergnädigster Erwägung, daß ein Jude zu sein an sich kein Lasier" des Kaisers Gnade zu erflehen, nicht ahnend, daß sie in Schmäh- und Anklageschriften der ärgsten Gräuel, der Brunnenvergiftung, des Christenmordes bezichtigt wurden. Wie sollte da ihr Beschwören, der Kaiser wolle sich ihrer „als gleichwohl von Gott erschaffene Menschen" erbarmen, auf günstigen Boden fallen. Den letzten Hoffnungsstrahl raubte ihnen ein neuer Unfall im Kaiserhause, eine Fehlgeburt der Kaiserin. War das nicht ein Strafzeichen des Himmels für die den Juden gewährte Duldung!? Also wird ihr Beichtvater sie belehrt haben — darum den Kehraus mit allen Juden gemacht. Die Stadt Wien hatte sich erboten, 10,000 fl. für die Juden Wiens, 4000 fl. für die auf dem Lande jährlich der Kammer zu entrichten, auch „die Niederlage" bot 4000 fl. an, nochmals, am 27. Feber 1670, tagte die geheime Conferenz und beschloß, nunmehr die kaiserliche Resolution der gänzlichen Austreibung zu veröffentlichen und den Juden jede Hoffnung auf ein Verbleiben zu rauben. Ein öffentlicher Ruf brachte zur allgemeinen Kenntniß, daß zur Ehre Gottes jeder Jude bei Leibes- und Lebensstrafe bis zum Frohnleichnamstage Wien, Nieder- und Ober-Oesterreich zu verlassen habe. Es folgten Anordnungen über die Schuldenanmeldung ihrer Gläubiger und deren Begleichung. Allgemein erregte diese Unheilsbotschaft Mitleid mit den Vaterlandslosen und überall regten sich die Hände der Glaubensgenossen zu ihrer Rettung. Vorzüglich setzten die Un- Unglücklichen auf Don Manuel Teixeira, den Residenten der Königin Christine von Schiveden in Hamburg ihre Zuversicht. Ihn flehten sie um Fürsprache bei den Mächtigen der Erde an. Der Kurfürst von Sachsen, der Beichtvater der Königin von Spanien, als Kaiserin-Mutter, Grvßwürdenträger der Kirche sollten aufgeboten werden, um am kaiserlichen Hofe ihr Fürwort für sie einzulegen. Inzwischen wurden die Häuser' der Juden zum Kaufe ausgeboten, aber die Stadt löste dieselben in Bausch und Bogen zum größten Theile selbst ein. Kopel Fränkel, der reichste Jude Wiens, starb in diesen Tagen, seine Söhne, s—