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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-08-15 · Heft 33 (15.8.1889) · p. Seite 511

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 33 (15.8.1889)
Date
1889-08-15
Page
Seite 511 (sequence 3)
Language
German
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511 keitsglaube aus und die. Hagada steht nicht an, mancherlei über die Vergeltung nach dem Tode, Lohn und Strafe nach den von uns auf Erden vollbrachten Handlungen auszusagen. Obgleich sie sich hierbei bisweilen eines materiellen Zuges, einer nach unserem Erdenleben schmeckenden Schilderung nicht entschlagen kann, um der Volksphantasie einige Nahrung zu geben, so hält sie sich doch im großen Ganzen an das geistige Leben und verfällt nicht in die grobsinnliche Auffassung und Ausmalung, wie dies in anderen Religionen von Paradies und Hölle geschehen ist. Ueberall findet man die höchste Moral. „Ihr findet da," sagt der Verf., „was die zarteste Menschenliebe, die feinste und intelligenteste Güte Seelen einflößen kann, welche von der Liebe zum Guten erfüllt sind. Die menschliche Würde, die Würde der Handarbeit, der höhere Werth der guten Werke über die Wissenschaft, die Gleichheit der Menschen vor der göttlichen Gerechtigkeit, welcher Religion sie auch angehören, dies sind die großen Principien, welche die Hagada.auf jeder ihrer Seiten predigt und bestärkt." (Schluß folgt.) Die letzte Vertreibung der Juden aus Vien und Viederösterreich. Dem erst vor einigen Wochen erschienenen Jahresberichte der Landes-Rabbinerschule in Budapest für das Schuljahr 1887/88 geht eine interessante Arbeit über die letzte Vertreibung der Juden aus Wien und Niederösterreich von Prof, vr. D. Kaufmann voran, zu der außer den vielen Vorarbeiten von G. Wolf u. A. verschiedene Archive, handschriftliche Memvirbücher und eine ausgebreitete Correspondenz das Material liefert. Die mit großem Fleiß gearbeitete Monographie stellt die bekannte Vertreibung der Juden unter Kaiser Leopold in ein neues Licht. Um den Verlauf der Leidensgeschichte der Juden Wiens vom Grund aus zu verstehen, war es nothwendig, auf die Vorgeschichte derselben einzugehen, denn dadurch erst erkennen wir in jenem tragischen Ereignisse den Ausgang eines Kampfes, den religiöser Fanatismus im Bunde mit zünftigem Brodneid und gemeiner Habgier durch 45 Jahre gegen das aufstrebende jüdische Gemeinwesen geführt. Erzherzog Mathias hatte wohl an der Scheide des Jahrhunderts, am 5. Feber 1600, die Juden aus Wien vertrieben, aber nicht lange nachher finden wir ihrer wieder Manche in Wien, und zumal Ferdinand II. konnte „diese Alchymisten der Praxis", die es so gut verstanden, für Oesterreich Gold zu machen, nicht entbehren. Durch seine Gnade wurden sie wieder ausgenommen, aber mit „einem pergamentenen Vaterlande", einem Schutzbriefe, ohne Grund und Boden als Miethwohner der Bürgerschaft, die keinen heißeren Wunsch kannte, als sich der unbequemen Concurrenten zu entledigen. Allein — wie sonderbar! Der Vater der Gegenreformation, der Oesterreich katholisch machte, war zugleich ein Beschützer der Juden. Er verlieh ihnen 1624 die Besitzfähigkeit und räumte ihnen Haus und Hof auf einem besonderen, umfriedeten Stadttheile ein, hierzu wahrscheinlich von seinem Beichtiger, P. Lamormaini veranlaßt, der das Vorbild des römischen Ghetto vor Augen hatte. Der Hofkriegsrath, der den Auftrag bekam, hierfür einen geeigneten Platz ausfindig zu machen, hatte den von Fischerhäusern besetzten Grund am Donauarme, den unteren Wörth gewählt, hier wurden ihnen trotz Widerspruches gegen Entgelt Heimstätten angewiesen und dieser Bezirk später nock erweitert. Nicht genug daran, schüttete der Kaiser mit dem Privilegium vom 6. December 1624 eine Fülle von Gnaden über die solcher Milde ungewohnten Ansiedler aus, indem er sie der Gerichtsbarkeit des Oberhofmarschalls unterstellte, jede Belästigung oder Kränkung derselben bei schwerer Strafe verbot und sogar ihre Wohnungen von jeder Einquartirung befreite — das Letztere eine Begünstigung, die ihnen als sogenannte „Hofbefreiten" den unversieglichen Zorn der Wiener Rathsherren zuzog und so in der Folge den Charakter eines wahrhaften Privilegium odiosum annahm. Wie aber stand's mit der Handelsfreiheit, ihrem Lebensnerv? Schon glaubten ihre Feinde in der Stadt zu triumphiren, daß ihnen das Recht, in Wien Geschäfte zu betreiben, nicht zustehe — da wurde ihnen auch dieses Recht ausdrücklich verbrieft und der alte Kinnmarkt zum Betriebe ihrer Hanolungen angewiesen. So schien ihnen eine Zeit ungestörten Genusses der Ruhe angebrochen zu sein, wenn nur der Stein des Anstoßes, das Abgabenverhältniß zur Stadt, aus dem Wege geräumt wäre, der die direkte Besteuerung der Juden durch den Hof und mehr noch ihre Befreiung von den drückenden Einquartirungslasten ein Dorn im Auge war. „Die ziehende Heerde, als welche die Juden galten, konnte zweien Herren nicht doppelt Wolle bringen" — was Wunder, daß die Juden „denen von Wien" als müßige unnütze Elemente erschienen, die im Gegensätze zur ganzen übrigen Bevölkerung aller Lasten ledig seien! Es galt daher, der Stadt ein Opfer zu bringen, und so verpflichteten sich denn die Vorsteher, für die Häuser des Judenviertels der Stadt 600 fl., dem Bürgerspital als Grundobrigkeit 400 fl. jährlich zn steuern. So meinten sie nun, ihr Haus in Frieden bestellt zu haben — allein zu ruhigem Genüsse ihres Daseins sollten sie gleichwohl nicht kommen. Zunächst setzte sie ein Proceß, der gegen ihren vormaligen Rabbiner Liepmann Heller, eine Leuchte der Gelehrsamkeit, von ruchlosen Feinden angestrengt und nur durch die Bemühungen zweier der angesehensten Männer ihrer Ge-

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