Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1889)
- Date
- 1889-08-15
- Page
- Seite 510 (sequence 2)
- Language
- German
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510 dahin noch durch viele Arbeit mehr geebnet und gangbar gemacht werden muß. Er bezeichnet die Wirkung des Studiums des Talmuds mit folgenden Worten: „Es bedarf hierbei durchaus, sich mit dem orientalischen Geiste zu durchdringen, jene Leichtigkeit und Kraft der Einbildungskraft anzunehmen, welche den Gedanken über die Grenzen unserer methodischen Logik trägt und ihm erlaubt, die unfühlbaren Beziehungen zwischen den entferntesten Gegenständen zu fassen. Man muß sich an jenes Raffinement des Raisonnements gewöhnen, welches tn die Tiefe der Ideen dringt und deren feinste und flüchtigste Nuancen analysirt, bis zu dem Verluste des Gefühls der Wirklichkeit. Man begreift den Einfluß, den ein solches Werk auf die Intelligenz einer Nation hat ausüben können. Das tägliche Studium des Talmud, das bei den Juden mit dem zehnten Jahre begann, um mit dem Leben zu endigen, mußte für den Geist eine rauhe Gymnastik sein. Durch dieses gewann er eine unvergleichliche Feinheit und Schärfe; das Raisonnement gewöhnte sich an Strenge, das Denken an Logik; mit einem Worte, die Intelligenz entwickelte sich nach der Tiefe. Man merke wohl, nach der Tiefe, nicht nach der Ausdehnung. Erziehet einen gut begabten Geist im Studium des Talmuds, Ihr werdet ans ihm' einen raisonnirenden, durch Logik und Scharfblick mächtigen Geist bilden; ihr werdet jene Geister haben, welche außerhalb der allgemeinen Schule der civilisirten Völker alle ihre Kraft in casuistischen Commentaren erschöpften; ihr werdet einen Spinoza haben, der in die Philosophie die talmudische Feinheit und Tiefe trägt. Aber fordert von ihnen nicht die Weite der Ansichten, die Ausdehnung des Horizontes, die hohe Ausstrahlung der Ideen. Die Halacha kennt von allen Dem nichts. Sie ist das logische Raisonnement, die mächtigste Deduktion; aber von Jnduction besitzt sie nichts." Der Verf. vergleicht ferner die Halacha mit der Scholastik, die beide Aehnlichkeiten haben, in ihrer Richtung und in ihren Zielen, jedoch sehr verschieden sind. Er sagt: „Die Scholastik ist eine Philosophie, eine sehr beschränkte, sehr unterwürfige, eine Magd der Theologie; aber, da man der menschlichen Vernunft nicht umsonst einen Spielraum gewährt, wird diese Philosophie eines Tages die Theologie beherrschen und umstoßen, gerade weil die Scholastik durch die Vernunft die Wirklichkeit dogmatischer Glaubenssätze beweisen wollte. Die talmudische Halacha ist etwas ganz anderes. Sie kennt die Philosophie nicht einmal dem Namen nach und konnte sie nicht kennen, sie bedurfte ihrer auch nicht, weil sie nur auf eines hinzielte, für das Judenthum ein Corpus Juris Ecclesiastici zu begründen." Es ist schade, daß der Verf. gerade diesen letzten Gedanken nicht ausführt. Er wäre sonst zur Uebereinstimmung mit dem Resultate unserer Untersuchung „Zur Charakteristik des Talmuds" gekommen, daß durch die talmudische Entwickelung die Religion zu einem genau formulirten Jus geworden, so daß die menschliche Thätigkeit und Handlungsweise von einer feststehenden Rechtsordnung bestimmt werde, welche genau abgewogen hat, was erlaubt und was verboten sei, wo die Strafbarkeit anhebe und wo sie aufhöre, wodurch die Erwägung und die Bewegung des Gewissens sich allein um die Frage drehe, die Vorschrift zu erfüllen oder zu übertreten? Die freie Selbstbestimmung, das Recht der Individualität hörte hier mit auf. Z. B. das Verbot, am Sabbath zu arbeiten, unterlag für das Individuum nicht mehr der Frage: Was ist Arbeit? was ist für dieses Individuum unter den gegebenen Umständen eine Arbeit? Sondern es war sorgfältig die Grenze gezogen, wie zwischen einen und zwei Knoten machen, einen oder zwei Buchstaben schreiben, so und so viel Schritte gehen u. s. w., wobei die Vorbeugungsvorschriften ihre Rolle spielten. — Wenn man den Talmud, fährt der Verf. fort, eine Encyclopädie genannt hat, so gilt dies nur so weit, daß man hier Notizen über alle Kenntnisse der Epoche findet, in welcher er abgefaßt worden. Eine gründliche Erörterung über alle Wissenschaften darf man nicht erwarten. In sehr lichtvoller Darstellung zeigt er, wie und wo die Doctoren des Talmuds Veranlassung fanden, sich über Gegenstände auszulassen, die an sich ihrem Gebiete nicht angehörten. „Die erste Ordnung der Mischna beschäftigt sich mit den Gesetzen über die Erzeugnisse des Feldes. Unser diesen zieht die Vermischung der Pflanzen die Aufmerksamkeit auf sich. Hierdurch sind die Doctoren veranlaßt, über Botanik zu sprechen und aus dieser Wissenschaft gewisse Kenntnisse zu ziehen, die zur Begründung der Halacha dienen sollen. Zur Bestimmung der Sabbathgrenze von 2000 Schritten bei der Verschiedenheit des Bodens waren geometrische Kenntnisse nöthig, ebenso astronomische für den Kalender zur Bestimmung der Festtage. Ucber zum Genüsse erlaubtes oder verbotenes Fleisch konnte man nur auf naturwissenschaftlichem Boden, sowie auf dem der Thier-Arzneikunde Bestimmungen treffen. Die Doctoren mußten deshalb zu den damaligen naturwissenschaftlichen Kenntnissen zur Begründung der Halacha ihre Zuflucht nehmen." — Hieran schließt sich die Frage über die Unterrichtsweise in talmudischer Zeit und die Geschichte der Semicha. Von hier geht der Verf. auf die Hagada über. Wir befinden uns hier auf schon vielfach erörtertem Boden. In sehr lichtvoller Weise behandelt D. das Verhältniß der Hagada zur Halacha, der Meister der ersteren zu den der letzteren, das Verhältniß der Hagada zu den verschiedenen Wissenschaften, zur Medicin, mit der sie die Magie vielfach vermischt, zur Geschichte, die sie legendenartig behandelt, Perioden und Persönlichkeiten untereinander mischt, berührt aber nur oberflächlich die Angelologie und die Dämonologie, welche in der Hagada einen so großen Raum einnehmen. Ein wesentliches Element macht in der letzteren der Unsterblich-