Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-08-08 · Heft 32 (8.8.1889) · p. Seite 504

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 32 (8.8.1889)
Date
1889-08-08
Page
Seite 504 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227804--46410-3265972
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

504 einig in der Anerkennung der Verdienste des Dahingeschiedenen, sie alle beklagen den Verlust, den durch seinen Heimgang Stadt und Vaterland erlitten. Und nicht unerwartet traf uns dieser Verlust. Wer den bleichen Mann in dem letzten Jahre wie einen Schatten dahinwandeln sah, der mußte erschrecken ob des Zusammenbruches der früher so kernhaften Gestalt mit dem geistig durchleuchteten Antlitz, der konnte der Besorgniß sich nicht erwehren, daß dieser Mann unaufhaltsam dem Tode entgegenwankte. Und wie hat während dieser schweren Leidcnszeit seine edle Gattin um ihn gezittert und gebangt, wie hat sie, selbst leidend und gewohnt, von dem liebevoll besorgten Gatten gepflegt und umhegt zu werden, an sich selbst vergessen und an seinem Krankenlager geleistet, was nur der aufopferungsvollsten, zärtlichsten Gattenliebe möglich wird! Doch vergeblich! Dem Tode war die sichere Beute nicht zu entreißen. Er hat ausgerungen und ausgelitten, und wir können nichts weiter als wehmuthsvoll Dessen gedenken, was wir an ihm hatten, was wir an ihm verloren. Doch wo sollen wir beginnen, wo sollen wir enden? Sollen wir davon reden, was er als Gatte seiner Gattin gewesen, was als Bruder seinen Geschwistern, was als Stütze und Beistand seinen Angehörigen allen? Eindringlicher und ergreifender, als ich es darzustellen vermöchte, bekundet es ihr unermeßlicher, ihr gerechter Schmerz. Oder soll ich etwa zu schildern versuchen, was er in seinem Berufe als Anwalt und Rechtsgelehrter geleistet? Es wäre unangemessen, auch nur flüchtig zu berühren, was nur ein Fachgenosse zu würdigen versteht. Von berufener Seite möge auch bezeugt werden, welchen Antheil der Verklärte an den Institutionen unserer Stadt, an der Gesetzgebung unseres Landes genommen hat. Und so erübrigt mir, dem jüdischen Geistlichen, nur Das hervorzuheben, was der Entschlafene unserer jüdischen Gemeinde, was er dem Judenthume gewesen. Aber freilich läßt sich das, was er uns war, von dem, was er der Stadt, was er dem Vaterlande gewesen, nicht trennen, sondern fällt damit vollständig zusammen. Wohl wird es in den Annalen unserer Gemeinde mit der gebührenden Dankbarkeit und Anerkennung verzeichnet bleiben, daß er zu einer Zeit, da die Gemeinde im Werden und Wachsen begriffen war und seiner am Meisten bedurfte, ihr seinen Rath und seine Kraft gewidmet und daß er auch später an allen Werken der Milde und Wohlthätigkeit lebhaften Antheil genommen. Aber mehr noch als durch unmittelbare Einwirkung hat er für das Judenthum dadurch gethan, was er als Bürger, was er als Mensch geleistet. Denn wir Juden — das darf ich hier ungcscheut aussprecheu —, nur Juden sind stolz, überaus stolz auf Jeden aus unserer Mitte, der im Dienste des Vaterlandes, im Dienste des Gemeinwohles, im Dienste der Menschheit sich auszeichnet, und weil Wolf Frankenburger ein solcher Mann gewesen, darum hat er den Stolz, darum hat er die Zierde unserer Gemeinde gebildet. Wohl kann es nicht mein Beruf und meine Aufgabe sein, mich zum Lobredner und Vertheidiger aller politischen und religiösen Anschauungen des Verklärten zu machen, denn hier an der Pforte des Grabes, welche die Pforte der Wahrheit bedeutet, haben wir nur den Menschen und nicht umstrittene Meinungen zu betrachten, hier haben wir um die Schlachtrufe der Parteien uns nicht zu bekümmern. Aber die Freunde wie die Gegner des Dahingeschiedenen sind darin einig, daß er für das von ihm als wahr Erkannte, für das, was er für das Wohl des Vaterlandes und der Vaterstadt als heilsam und ersprießlich erachtete, mit seinem ganzen tief sittlichen Ernste, mit der ganzen Energie seiner gottbegnadeten Kraft, mit dem ganzen Gewichte seiner Persönlichkeit eingetreten ist, daß er aber mit der Unerschütterlichkeit seiner Ueberzeugung auch jene einsichtsvolle Milde und Versöhnlichkeit verband, die auch dem entgegengesetzten Standpunkte gerecht zu werden versteht. Darin stimmen Alle überein, die ihn näher gekannt, daß Wolf Frankenburger ein guter Bürger, ein großer Patriot, ein edler Mensch, ein biederer, makelloser Charakter gewesen, und wer Das ist und zum Stamme Israels sich zählt, der ist ein guter Jude, ein treuer Bekenner seiner Religion, die in dem Satze des Propheten gipfelt: „Ec hat Dir gesagt, o Mensch, was gut ist und was der Ewige von Dir fordert: Recht thun, Liebe üben und bescheiden wandeln vor dem Ewigen, Deinem Gotte," ja, Der hat das höchste Verdienst um das Judentdum sich erworben, jenes Verdienst, das unsere Weisen „Heiligung des göttlichen Namens" nennen, die darin besteht, daß man von dem Israeliten sage: „Wie schön und verdienstvoll sind seine Thaten, wie gerecht und wahrhaft seine Wege!" Und wir sollten nicht stolz sein auf einen Mann, der eine solche Heiligung des göttlichen Namens herbeigesührt, der ein lebendiger Protest war gegen das Vorurtheil, als könnte das Judenthum seine Bekenner hindern, treue Bürger, begeisterte Patrioten, edle Menschen zu sein, wir sollten nicht auf's Tiefste beklagen, ein Mitglied zu verlieren, in dessen Tugenden des Bürgerthums die Tugenden des Judenthums so herrlich und glänzend sich ausgeprägt und so weithin und segensreich gewirkt? Aber nicht bloß beklagen wollen wir den Verlust des Dahingeschiedenen, sondern auch die Lehre mitnehmen, die von seiner Bahre ausgeht. Die Gerechten, so sagen unsere Weisen, werden auch im Tode lebend genannt, denn sie können nicht absterben, das Beispiel, das sie der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.